Zollikon Zumikon

«Schlaf in himmlischer Ruh!»

 

Gedanken vom reformierten Spitalpfarrer Stefan Morgenthaler über die mangelnde Ruhe an Weihnachten.

Diese Zeile aus dem allseits bekannten Weihnachtslied «Stille Nacht» beschreibt eine grosse Sehnsucht, insbesondere von nervösen, übernächtigten Stadtmenschen. Oder auch von Patientinnen und Patienten im Spital. Ob sich die Erfüllung dieser Sehnsucht aber geradezu imperativisch – «schlaf! schlaf jetzt, und zwar in himmlischer Ruh!» – verordnen lässt? Das möchte man sich als Mutter, Vater oder Pflegefachfrau für seine Schutzbefohlenen vielleicht manchmal so wünschen … Aber eben: Weder anmutend vorgetragene Gutenachtlieder noch ausgefeilte Bettlager – nicht mal eine Futterkrippe oder ein ­Hüslernest – sind, wenn’s drauf ­ankommt ein Garant für einen gesunden, tiefen Schlaf. Schon gar nicht an Weihnachten.

Nun ist mangelnde Ruhe an Weihnachten aber nicht nur ein modernes oder postmodernes Phänomen. Seit jeher war an Weihnachten und im weihnächtlichen Vorfeld viel in Bewegung. Seit jeher gab es zu diesem Fest eine gehörige Anlaufzeit. Und da will natürlich auch der ­Höhepunkt nicht verschlafen sein. Die biblischen Anlaufzeiten und Anlaufwege sind wohlbekannt. Maria und Josef hatten von Nazareth nach Galiläa zu wandern – auch da war also wenig Ruhe im Spiel. Ganz zu schweigen von den Heiligen Drei Königen, die zwar nicht gelaufen, sondern geritten kamen – aber eben auch nicht einfach nur so um die Ecke, sondern aus dem fernen Morgenland.
Auch am Ort selbst, in Bethlehem, schien in jenen Tagen so einiges los gewesen zu sein. Die Herbergen waren übervoll, der kaiserlichen Volkszählung sei Dank. Das Geschäft ­zuerst – erst recht, wenn es so himmlisch gut läuft. Da kann die Ruhe ruhig ein bisschen warten. Da müssen auch die Götter, da müssen auch Maria und Joseph hoffentlich ein Einsehen haben. Dass die aber auch immer gleich zur Stosszeit vor der Tür stehen müssen …

Wenn irgendwo von himmlischer Ruhe hätte die Rede sein können, dann höchstens vielleicht bei den Hirten auf dem Feld. Aber auch da war’s mit weihnächtlicher Bukolik, mit Ruhe und Beschaulichkeit, nicht weit her. Erstens hatten die Nachtwache zu halten – also wach zu sein – und zweitens war da auf einmal die Menge des himmlischen Heeres, das ihnen mit seinen Sprechgesängen und Engelschören sowieso jeglichen Schlaf geraubt hätte. «Ehre sei Gott in den Höhen», war ihr Tenor. Stille Nacht gehörte nicht zum Repertoire.

Ist nun also das weihnächtliche «Schlaf in himmlischer Ruh!» in der Tat nichts weiter als eine menschliche Sehnsucht, ein frommer Wunsch? Ja frommt es sich überhaupt, sich in diesen Tagen nach Ruhe zu sehnen? Maria und Joseph hatten ja bekanntlich andere Sorgen und … was ist eigentlich mit Gott? Wäre der tatsächlich herabgestiegen, hätte der sich tatsächlich im Bauch der Maria seine Niederkunft vorbereitet, wenn ihm dermassen stark an seiner himmlischen Ruhe gelegen gewesen wäre?

Nun muss man wissen, dass die Herabkunft eines Gottes an sich nichts Neues ist. Schon lange vor Christus sind Götter herabgestiegen, etwa im Hinduismus. Da ist z.B. Krishna, eine Herabkunft, ein Avatar, von Vishnu. Aber man braucht gar nicht so weit auszuholen. Auch das Alte Testament der Bibel kennt göttliche Herabkünfte, auch da freilich eher von zweifelhafter Natur. Damals hatten sich Engel oder Gottessöhne mit den Menschen vermischt – herausgekommen ist dabei ein Geschlecht von Riesen, denen man nur ungern begegnet wäre (nachzulesen im 1. Buch Mose Kapitel 6). Auch aus dem griechischen Pantheon sind solche und ähnliche Geschichten bekannt. Auch da sind die Götter ziemlich ungefiltert herabgestiegen, und es soll drunter und drüber gegangen sein. Hatten diese schon im Himmel keine Ruhe umso weniger dann auf Erden.

Nun ist die neutestamentliche Herabkunft Gottes in der Geburt von Christus noch einmal etwas ganz anderes und eigenes. Aber Anlass zur Ruhe gab auch diese nicht – weder für den Protagonisten noch für das Volk im Allgemeinen. Sie war neben allem anderen nämlich nicht zuletzt auch ein politischer Akt. Gott wird Teil des öffentlichen Raums, Teil der «Polis». Das griechische «Polis» heisst auf Deutsch Stadt oder Staat. Weihnachten heisst also: Gott wird politisch. Das ist zwar vielversprechend, wird der neu geborene Messias doch auch Friedensfürst genannt. Nun kam dieser aber nicht, um einfach in Frieden zu ruhen. Das ahnte auch ein Schreckensherrscher wie König Herodes – und sah sich prompt um seinen Schlaf gebracht. Nicht weniger betraf dies auch die Heilige Familie, die sich wegen des aufgeschreckten Herodes alsbald wieder auf Wanderung, oder richtiger gesagt, auf der Flucht befand. Auf der Flucht nach Ägypten.

«Schlaf in himmlischer Ruh!» – ja, zumindest Maria und Josef hätte man gerne etwas mehr davon gegönnt. Unsereiner hat sich mittlerweile daran gewöhnt, dass an Weihnachten nicht viel daraus wird. Freilich nicht wegen der Herabkunft Gottes. Viele sähen darin heutzutage vielleicht eher so etwas wie eine Götterdämmerung – andern dämmert dabei gar nichts mehr. König Herodes dagegen war noch ganz ein Kind seiner Zeit. Das Christkind ist ihm noch mächtig eingefahren.

Apropos Götterdämmerung: Bezüglich Gott und dem Christkind kann es auch einem Pfarrer hin und wieder heilsam dämmern. Letztes Mal bei mir geschehen beim Chillout im Tram mit einer Pendlerzeitung in der Hand. Da blieb ich an einem Bild kleben, das einen breitnasigen und kraushaarigen ­Palästinenser zeigte, um die geschätzte 30. Eine Art Phantombild mit dem typischen Charme eines Fahndungsfotos. Angeblich sollte es Jesus zeigen, und zwar so, wie er in Tat und Wahrheit ausgesehen hat – bzw. ausgesehen haben könnte. Sinnig war freilich die Bildunterschrift, die da lautete: «Würden Sie diesem Herrn einen Gebrauchtwagen abkaufen?» Ja, solches gibt zu denken, nicht zuletzt einem Pfarrer. Es wäre wohl gewiss nicht falsch, beim nächsten Besuch beim Gebrauchtwagenhändler diesen hinsichtlich einer möglichen göttlichen Herabkunft genauer in ­Augenschein zu nehmen. Oder besser vielleicht einfach mal prophylaktisch herzhaft zu grüssen: «Servus, grüss Gott, mein Freund». Oder wenn’s ein Inder ist: «Namaste!» – was so viel heisst wie: «Ich grüsse in Dir den göttlichen Geist.»
Nun würden derartige Begegnungen mit Gebrauchtwagenhändlern die Welt an sich zwar auch nicht retten, noch künftig einen Schlaf in himmlischer Ruh’ garantieren … Für Letzteres wäre es dann doch wohl besser, den Händler und insbesondere seine Ware noch eingehender zu prüfen. Und doch wäre mit einer solch’ weihnächtlichen Herangehensweise, die auch mit dem Wunderlichsten und Wunderbarsten rechnet, ein vielversprechender Anfang gemacht. «We are all God’s people», von welcher Abkunft auch immer. Wenn wir dafür wach bleiben, dann weihnachtet’s schon sehr.

 

Stefan Morgenthaler, 1974, ist seit 2007 reformierter Spitalpfarrer im Spital Zollikerberg. Er ist ehrenamtlicher Berater bei der Internetseelsorge (seelsorge.net) und wohnt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen (8 und 11 Jahre) in Herrliberg.

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