Zollikon

Im Süden nichts Neues

Die Zollikerin Caterina Selz will der Kunst aus dem Tessin am Züri-See ein Forum bieten. Morgen wird ihre erste Aus­stellung eröffnet. Die Kulturmanagerin setzt auch auf ­«erweiterte Realität».

Eigentlich ist die Schweiz ja kein so grosses Land. Aber manchmal scheint es, als würden zwischen dem Tessin und der Deutschschweiz Welten und nicht nur einige Stunden Stau am Gotthard stehen. Das möchte Caterina Selz jetzt ändern: Die Zollikerin bringt mit drei Künstlern dieSonne des Tessins an den Züri-See. Ab morgen wird eine Ausstellung der Kulturmanagerin in der Galerie Vogtei zeigen, wie im Süden des Landes künstlerisch gearbeitet wird. Damit verbindet Caterina Selz zwei ihrer Leidenschaften: die für die Region rund um Zollikon und die für ihre Heimat.

Geboren wurde sie zwar in Zürich, aber schon mit einem Jahr zog die Familie in die Nähe von Lugano. Dort wuchs sie auf und zog nach der Matura für ein Architektur­studium wieder zurück nach Zürich – in ein Studentenwohnheim am Rand von Zollikon. «Ich musste deswegen zwar jeden Morgen quer durch die Stadt, aber das war auch irgendwie schön», erinnert sie sich. Zollikon hatte es ihr von Anfang an angetan. Sie kam hierher zum Einkaufen, ging joggen im Wald, zog im Fohrbach ihre Bahnen. «Zollikon ist einerseits ein schönes Dorf und damit übersichtlich und heimelig. Auf der anderen Seite ist man schnell in Zürich und hat alle Vorteile einer Grossstadt», unterstreicht sie. Diese Verbundenheit wollte sie auch offiziell festhalten und liess sich im Jahr 2005 einbürgern.

Gute Stellen gab es nicht

Als sie im Jahr 1997 ihr Architekturstudium abschloss, brach eben die Immobilienkrise an. An gute Stellen war nicht zu denken. Vor allem, weil sie nicht wegziehen wollte. Parallel aber kam das Internet immer mehr auf. Schon während ihres Studiums hatte sie mit 3-D-Visualisierungen gearbeitet. Das Innovative habe sie schon immer gereizt. «Und deswegen war es für mich ein logischer Schritt, ins Webdesign zu gehen», erklärt sie rückblickend. «Wir wussten damals alle, dass das die Zukunft sein wird.» Drei Jahre arbeitete sie als Artdirector und dann kam immer noch nicht der Sprung in die Kunst. Caterina Selz entschied sich für die Wirtschaft und fing als «Digital Marketing Specialist» bei einer Grossbank an. Zwei oder drei Jahre maximal wollte sie bleiben. Es wurden schliesslich 13. Doch langsam keimte in ihr die Sehnsucht nach Kultur. Dann bekam sie eine Tochter, konnte in Teilzeit weiterarbeiten. Sie sei oft auf dem Absprung gewesen und immer wieder seien ihr wieder tolle Projekte angeboten worden. Es dauerte, bis sie sich traute, das Vertraute zu verlassen. «Aber dann war ich richtig froh. Fast erleichtert.» Sie tat das, was sie schon längst hätte tun sollen: Sie begann an der Hochschule in Luzern die Ausbildung zur Kulturmanagerin.

Schon während ihrer Kindheit war sie mit unterschiedlichsten Kunstformen in Berührung gekommen. Die Mutter malte und fotografierte. Der Vater brachte als Verleger wunderbare Bildbände heraus. Es ging in die Oper und ins Ballett, zu Ausstellungen und Vernissagen. Selber hatte sie nie den Drang, sich künstlerisch zu versuchen, aber die Vermittlung von Kunst ist ihre Leidenschaft. Und so bewarb sie sich bei der Galerie Vogtei in Herrliberg, wo morgen Abend ihre allererste Ausstellung eröffnet wird. Alle drei Künstler, die unter dem Motto «Art Transit» ausstellen, bedienen sich bei ihren Werken der Bildsprache. Es sind mal Sprachfragmente, dann schemenhafte Worte in Fotografien und auch die Sprache der Natur. Und es ist zeitgenössische Kunst. «Manche Menschen im Süden sind der neuen Kunstsprache gegenüber noch etwas skeptisch», weiss die Zollikerin. Galerien würden oft noch auf Altbewährtes setzen. Die kleinen mutigeren Galerien dagegen hätten es schwer zu überleben. Immerhin gebe es seit der Eröffnung des neuen Luganeser Kulturzentrums LAC im Herbst 2015 Impulse in Richtung zeitgenössischer Kunst.

Tricks gegen den Stau

Sie möchte der Tessiner Kunstszene ein Forum bieten und hofft auf einen regeren Austausch. So wie sie selber immer wieder zwischen Zollikon und Massagno pendelt. Dabei fährt sie wirklich immer mit dem Auto und hat ihre Tricks, den fast täglichen Stau am Gotthard zu umgehen. «Die verrate ich auf gar keinen Fall», lacht sie. Sie strahlt, wenn sie an die Ausstellung denkt, aber sie strahlt fast noch ein wenig mehr, wenn sie an das Projekt der Zukunft denkt. Caterina Selz hat die «augmented reality» für sich entdeckt, eine faszinierende ­Innovation in der Kunstszene. Bekannt ist, dass man sich mittels einer 3-D-Brille in eine Welt beamen lassen kann. Doch in der «erweiterten Realität» wird eine Brille eingesetzt, die den Träger weiterhin sehen lässt, ihm aber zusätzlich noch weitere Informationen bietet. Über die Brille können Fotos, Filme, akustische Beiträge abgegeben werden. Wer mit einer solchen durch eine Ausstellung geht, kann plötzlich weitere Werke eines Künstlers sehen, die in Wirklichkeit gar nicht hängen. Er kann ein Video sehen, das vielleicht die Entstehung einer Skulptur zeigt. Es gibt zahlreiche Einsatzmöglichkeiten. «Und ich könnte mir vorstellen, dass das auch wieder Jugendliche in die Museen lockt», hofft Caterina Selz. Und überhaupt: Wieso eigentlich immer Museen? Sie kann sich Ausstellungen an ganz anderen Orten vorstellen, vielleicht temporär an unerwarteten Plätzen. Die Schweiz ist kein so grosses Land, aber solche Orte sollten doch zu finden sein. (bms)

Vernissage von «Art Transit» mit Werken von Francesco Vella, Lorenzo Cambin und Stefano Spinelli, Samstag, 20. Mai, 16 bis 18 Uhr, Galerie Vogtei, Pfarrgasse 41, Herrliberg. Finissage, Sonntag, 18. Juni, 12 bis 16 Uhr.

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