Zumikon

Auch Ideen müssen wachsen

Der Zumiker Gärtner René Lutz und seine Frau Martina gestalten die Blumenuhr am Bürkliplatz: Dieses Jahr entsteigt die Venus dem See.

Eigentlich wäre es die perfekte Werbung. Seit sieben Jahren schon gestaltet der Zumiker Gärtner René Lutz die Blumenuhr am Bürkliplatz. Doch neben dem Kunstwerk, das jedes Jahr ein anderes Gesicht hat, gibt es kein Schild, das den Gestalter verrät. «Die Leute denken, dass sie sich diesen Gärtner selber gar nicht leisten können», lacht René Lutz.

Gerade sind er und seine Frau in den letzten Vorbereitungen für die neue Uhr, die im Oktober entstehen soll. Dabei ist es eigentlich eher Martina Lutz, die die Fäden in der Hand hält. Sie plant jeden Herbst, welches Motto und welche Idee umgesetzt werden soll, kauft ein und koordiniert. Ihr Mann muss warten, bis sie grünes Licht gibt. «Am Anfang war ich immer total nervös, weil sie immer so spät angefangen hat. Mittlerweile weiss ich, dass sie alles im Griff hat und wir rechtzeitig die Uhr präsentieren können», erzählt der 48-Jährige. Inspirieren lässt sich Martina Lutz mal von chinesischen Horoskopen oder anderen Vorzeichen, unter denen das Jahr stehen könnte. Und weil 2018 das Jahr der Venus sein soll, steht alles im Zeichen des Meeres. Haufenweise transparente Muscheln hat die 35-Jährige schon arrangiert, immerhin hat das Ziffernblatt einen Durchmesser von sechs Metern. Da braucht es reichlich Material.

Auf- oder Abstieg?

Gelernt hat die jetzige Gärtnerin mal Kindergärtnerin. «Die Kinder sind damit weg. Ich weiss gar nicht, ob das ein Ab- oder Aufstieg ist,» lacht sie. Dabei: So ganz weg sind die Kinder nicht. Aktuell krabbelt gerade Emily auf ihren Schoss. Mit anderthalb Jahren hält sie die Eltern auf Trab. Sie ist immer mit dabei und so wundert es nicht, dass «Baum» eines ihrer ersten Wörter war.

Die überdimensionale Uhr, die einst ein Geschenk von Beyer-Uhren an die Stadt Zürich war, ist eines der Highlights der Stadt. «Sie steht sogar im offiziellen Touristenführer und immer wieder sehen wir Japaner, die sich davor fotografieren», erzählt der Zumiker. Nicht alle machen allerdings davor Halt. Gelegentlich stellen sich Leute auch direkt aufs Ziffernblatt. «Deswegen müssen wir auf widerstandsfähige Materialien achten», erklärt Martina Lutz.

Immer mal wieder gibt es etwas auszubessern. Richtig zerstört worden sei sie aber noch nie. «Vielleicht gibt es ja doch so etwas wie Respekt vor der Kunst», mutmasst René Lutz. Wer mit und in der Natur arbeitet, wird gerne mal überrascht. Einmal entstand die Uhr als Baum des Lebens. Zwischen den Uhrzeigern wurde Rollrasen ausgelegt. Da es aber einen extrem warmen Winter gab, musste René Lutz darauf drei Mal anrücken, um zu mähen. «Sonst hätte man die Zeiger gar nicht mehr gesehen.»

Im Jahr 1986 hat er seine Lehre als Gärtner angefangen. «Das war eigentlich ganz spontan. Erst drei Wochen vor Beginn habe ich meine Bewerbung abgeschickt», erinnert er sich. Bis zum Alter von 25 Jahren blieb er dem Beruf treu. Dann musste etwas Neues her. Er arbeitete unter anderem im kaufmännischen Bereich und war mit 35 Jahren so weit, dass er sich selbstständig machen konnte. Mittlerweile hat er zehn Angestellte, die im ganzen Kanton Zürich unterwegs sind. Früher war der Gärtner der Mann, der Rasen mähte und die Hecke schnitt. «Aber die Menschen haben die Gärten als Erweiterung des Lebensraums entdeckt», erklärt der Fachmann. Dieser soll gestaltet werden. Ausserdem: Es sei der einzige Raum, den jeder Spaziergänger, jeder Nachbar sehen könne. Da wolle man sich nicht lumpen lassen. Auch Restaurants oder Cafés würden mittlerweile viel mehr Wert auf den Aussenbereich legen. «Wir sind früher stundenlang am Greifensee abgehangen, ohne irgendjemanden zu sehen. Jetzt ist da alles voll. Die Menschen sind wieder viel mehr draussen unterwegs.»

Ein Ja zur Biodiversität

Einen Garten zu planen, heisse mehr als da drei Büsche, hier der Sitzplatz, dort hinten ein Hochbeet. «Wer nächstes Jahr einen neuen Garten haben möchte, muss jetzt mit der Planung anfangen», unterstreicht René Lutz. Gerade wenn es noch Baubewilligungen einzuholen gelte. Er ist für viele kreative Ideen zu haben, doch auch ihm geht es manchmal zu weit. Ein Interessent wollte sich mit ganz viel Granit mehr «Privacy» in den Garten bauen. Eine regelrechte Wand wurde gefordert. «Das habe ich abgelehnt. Da steht dann vier Wochen mein Firmenwagen vor der Tür und die Leute wundern sich, was der Lutz da gemacht hat.» Auch von Steingärten lässt er lieber die Finger. «Damit wird der Boden versiegelt und die Biodiversität leidet darunter. Da gibt es viel schönere Möglichkeiten», unterstreicht er.

Inspiration für neue Ideen holt sich der Zumiker überall. «Als wir in Neuseeland waren, habe ich meinen Mann andauernd verloren, weil er sich wieder einen besonderen Baum oder eine unbekannte Blume angucken musste», lacht Martina Lutz. Doch die beiden verbindet noch mehr als die Liebe zur Natur (und zueinander). Beide sind auch in der Kunst zuhause. Wenn es Arbeit und Kind zulassen, malt die 35-Jährige. René Lutz widmet sich dann der Musik. Er singt bei der Bluesband «Diggin’ The Blues» und spielt auch die Bluesharp. «Klar, eigentlich bin ich für richtigen, echten Blues noch ein bisschen zu jung», räumt er lachend ein. Dafür ist die Band aber schon ganz erfolgreich und bei Sony unter Vertrag. Ihr Markenzeichen: Gigs über fünf oder sechs Stunden. «Dafür sind wir bekannt. Darunter machen wir es nicht.» Im November ist ihr nächster öffentlicher Auftritt in Bern, aber ihre grösste Fangemeinde hätten sie im Wallis. «Da kommen die aus den hintersten Wäldern, um uns zu hören», freut er sich. René Lutz ist eben ein wirklich geerdeter Typ. (bms)

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