25/2015 Vorhang auf für den Intendanten

Vorhang auf für den Intendanten

Vom geschäftigen Treiben auf den Gängen ist im Büro von Andreas Homoki nichts mehr zu spüren. Der Ausblick ist das Erste, was dem Besuchenden ins Auge sticht: die Sicht auf den Sechseläutenplatz und auf einen kleinen Zipfel des Seebeckens. Der Intendant des Zürcher Opernhauses setzt sich, die Beine locker überschlagen, in seinem Sessel zurück und beginnt ungezwungen davon zu erzählen, wie er seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat.

Nach Zürich kam Andreas Homoki, weil das Opernhaus einen neuen Intendanten suchte und er angesprochen wurde. Zufrieden in seiner Position als Intendant der Komischen Oper in Berlin hatte er eigentlich nicht vor, die Stelle zu wechseln. Da das Opernhaus Zürich jedoch zu den internationalen Topadressen gehört, fühlte er sich geschmeichelt und entschied, am Auswahlverfahren teilzunehmen, tat dies sehr entspannt – und erhielt prompt die Zusage. Für ihn und seine Familie folgte der Umzug von Berlin nach Zürich – ein ziemlicher Schritt, wenngleich immer klar gewesen war, dass ein Intendant nicht ewig am gleichen Ort tätig sein kann. In Zürich hatte er dem Informationsblatt des Vereins «Freunde der Oper» ein Interview gegeben und dabei nebenbei erwähnt, dass er eine Wohnung oder ein Haus suche. Elisabeth Frey aus Zollikon, ein Mitglied der «Freunde der Oper Zürich», meldete sich daraufhin bei ihm und bot ihm ihr schönes Haus an, aus dem sie auszuziehen und es zu vermieten gedachte. So zogen Andreas Homoki, seine Frau und ihr gemeinsamer Sohn nach Zollikon: «Sehr angenehm, schön und nah zur Stadt ist es hier, es gefällt uns! Und Elisabeth Frey wurde unsere erste Zolliker Freundin. Auch unsere netten Nachbarn haben uns gleich willkommen geheissen.» Das Haus in Berlin haben sie jedoch behalten und verbringen ab und zu die Schulferien dort, es ist nun quasi das Ferienhaus der Familie Homoki.

Glück und Fleiss

Schon im Teenageralter wusste der 55-Jährige, dass er künstlerisch tätig sein wollte. Er spielte Klavier und entschied sich, an der Berliner Hochschule der Künste, der heutigen Universität der Künste und grössten Kunsthochschule Europas, Musik zu studieren. Hier lernte er seine Frau Aurelia Hajek kennen, die damals Gesang studierte und heute Sängerin ist. Er belegte im Hauptfach Schulmusik, ein breit abgestütztes Studium, in dem nicht nur ein Haupt- und Nebeninstrument, sondern auch Fächer wie Chorleitung und Komposition auf dem dichten Stundenplan standen.

Im Studium kam er in Berührung mit dem Theater und entschied sich, diese Richtung zu vertiefen. Sein Ziel: Regisseur werden. Dem jungen Studenten war dabei durchaus bewusst, dass es ein schwerer Weg werden würde, nichts würde garantiert sein, auch nicht, ob er genügend Talent vorweisen könne. «Ich hatte Glück, war aber auch fleissig», lacht der gebürtige Deutsche ungarischer Abstammung. Bereits während des Studiums konnte er bei Harry Kupfer an der Komischen Oper in Berlin hospitieren.

Anfang der 90er-Jahre nahm seine Karriere ihren steilen Verlauf: 1992 führte ihn seine erste Gastinszenierung in die Schweiz, nach Genf. Er inszenierte die «Frau ohne Schatten» von Richard Strauss und es wurde, wie der Regisseur selbst sagt, «ein Volltreffer». Die Inszenierung erhielt 1994 den französischen Kritikerpreis. Zu diesem Zeitpunkt war Andreas Homoki 32 Jahre alt, seine Deutung von Strauss‘ Oper fand international grosse Anerkennung, er wurde schnell bekannt. Es folgten zehn Wanderjahre als  freiberuflicher Regisseur. Während dieser Zeit wurde das Theater Basel sein Schweizer Standbein, hier entstanden insgesamt vier Inszenierungen. Seine Augen strahlen: «Die Schweiz war immer gut zu mir!»

Mit seiner Ernennung zum Chefregisseur der Komischen Oper Berlin im Jahre 2002 wurde er «gewissermassen dynastischer Erbfolger» von Harry Kupfer, der für ihn stets ein grosses Vorbild war. Es folgte eine aufregende Zeit. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde gar darüber diskutiert, ob man eines der drei Opernhäuser schliessen solle, was jedoch nicht geschah. «Ich wollte eigentlich nicht Intendant werden – aus Sorge, nicht mehr künstlerisch arbeiten zu können», schmunzelt der Kunstschaffende. Aber wie man so schön sagt: Ein guter Manager mache sich selber überflüssig. Er müsse den Überblick behalten, viel kommunizieren, eine Strategie erarbeiten und verfolgen. Ein weiterer Vorteil sei, dass er nicht mehr so viel inszenieren müsse. Früher waren es drei Inszenierungen pro Spielzeit, heute sind es deren zwei: «So halten meine kreativen Batterien länger.»

Öffnung und Glaubwürdigkeit

In seinem Büro neben dem runden Pult fällt ein Kunstwerk bestehend aus 64 aufeinandergestapelten Hölzern auf. Es handelt sich um die Anzahl Inszenierungen, die er bis jetzt gemacht hat. Auf jedem Holz sind sorgfältig Name und Datum des Stücks eingraviert. Andreas Homoki inszeniert nichts zwei Mal, das ist sein Grundsatz: «Eine Inszenierung ist meine Begegnung mit dem Stück, die ist einmalig.» Für die Planung einer Neuinszenierung müssen etwa drei Jahre gerechnet werden, der Entwurf  für das Bühnenbild sollte ungefähr ein Jahr im Voraus präsentiert werden. «Es heisst oft, Opernhäuser seien schwerfällig», sagt der Chef von 600 Mitarbeitenden, «dieser Eindruck täuscht. Er entsteht, weil beispielsweise bestimmte Gesangsstars bis zu fünf Jahre vorher angefragt werden müssen, mit Regisseuren und Dirigenten ist dies ähnlich. Dann ist man festgelegt.» Anders als viele seiner Kollegen sitzt er bei den Premieren seiner Inszenierungen im Zuschauerraum: «Es ist für mich immer auch ein Abschiednehmen. Wenn man inszeniert, lebt man mit dem Stück, wacht in der Nacht auf, wälzt verschiedene Ideen, das muss irgendwann wieder raus aus dem Kopf.» Er schaue es sich  später noch mehrmals an, aber nie die zweite Vorstellung oder die B-Premiere. Seine Leidenschaft kann er mit seiner Frau teilen, sie sei eine liebevolle, aber auch strenge Kritikerin. Sein Sohn, Gymnasiast, ist ein grosser Filmfan, etwas, dass er zweifelsohne von seinem Vater hat. Er möchte Filmregisseur werden und wurde bereits für seine erste eigene Rolle in der TV-Produktion «Der Bestatter» besetzt. «Das war der Hammer», schwärmt der stolze Vater, «das ist eine fantastische Schweizer Serie, eine Top-Produktion.» Angesprochen darauf, wie wichtig es für ihn sei, dass auch Kinder und Jugendliche die Oper besuchen und wie dies erreicht werden könne, antwortet er blitzschnell: «Durch Öffnung. Durch das Zugehen auf die Leute und durch glaubwürdiges Theater auf der Bühne.» Wenn ein junger Mensch zum ersten Mal in die Oper kommt, dann sei das eine Riesenchance, ihn zu packen. Das Wichtigste ist ihm absolute Glaubwürdigkeit auf der Bühne. Die Oper sei ein faszinierendes Zusammenspiel von so vielen Menschen, live, so etwas sei nicht mehr oft zu sehen. Leider gebe es bei vielen noch immer Schwellenängste vor dem Kunsttempel, weshalb für ihn die Vermittlungsarbeit auch so wichtig sei, zum Beispiel an den Schulen.  Mittels Workshops sollen Ängste abgebaut, die Oper direkt zugänglich gemacht werden. Die Kinderoper beispielsweise sei fantastisch: «Die Kinder sind mucksmäuschenstill, sehr beeindruckend!» Dies sei auch sein nächster Termin jetzt gleich, mit seinem Theaterpädagogen und den Mitgliedern der Kulturkommission des Schulamtes der Stadt Zürich. Damit ist gesichert, dass der Zürcher Opernhaus-Intendant mit unermüdlichem Engagement und Passion seinen Wunsch, die Oper zugänglicher für alle zu machen, selber einen Schritt näher an die Erfüllung bringen wird. (ft)

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