28/2015 Zollikon verliert seine Dorfmetzgerei

Zollikon verliert seine Dorfmetzgerei

Die Metzgerei Ledermann schliesst nach 30 Jahren. Letzten Sonntag lud sie zu einem Abschiedsapéro. Und die Leute kamen trotz tropischer Hitze in Scharen – es war beinahe wie an der Zolliker Chilbi.

Morgen Samstag öffnen Erwin und Margrit Ledermann zum letzten Mal die Ladentüre zu ihrer Metzgerei für die Kundschaft. Exakt 30 Jahre ist es her, seit sie diese gemeinsam von Erwin Ledermanns Vater übernommen haben. All die Jahre sind sie im Morgengrauen aufgestanden, er um zwei Uhr, sie um vier, um alles, aber auch wirklich alles, was ihre Kundschaft sich auch nur wünschte, bereitzustellen.

Aus der Metzgerei, die Vater Ledermann 1961 Grossvater Kratzer abgekauft hatte, haben die beiden in all den Jahren eine Metzgerei und ein Delikatessengeschäft ersten Ranges gemacht. Ihr Ruf, zwar exklusiv, aber wirklich in jeder Hinsicht erstklassig zu sein, verbreitete sich weit über die Gemeindegrenzen hinaus. «Die Bedürfnisse haben sich verändert, und wir haben uns angepasst», sagt Erwin Ledermann, «kamen die Hausfrauen früher bereits um sieben Uhr morgens, um einzukaufen und nachher den ganzen Morgen in der Küche zu verbringen, kaufen sie heute lieber Vorgekochtes, oder schnell Zubereitetes.» Alle seien froh, wenn sie in der Metzgerei gleich noch andere Delikatessen wie Gnocchi und selbst gemachte Tomatensauce einkaufen oder für sich und ihre Gäste das hausgemachte «Vitello Tonnato» oder «Stroganoff» gleich fertig mit nach Hause nehmen könnten.

Das Metzgerhandwerk im Blut

Sowohl Erwin wie Margrit Ledermann sind in einer Metzgerfamilie gross geworden. Für sie beide – nicht aber für ihre Geschwister – war unabhängig voneinander bereits als Kind klar, dass sie niemals etwas lieber tun wollten, als später eine eigene Metzgerei zu führen.

Ein Glück, lernten sie sich in der «Stifti» bereits kennen. Ein Glück, halfen sich die beiden elterlichen Metzgereien gegenseitig aus und pflegten einen besonders engen Kontakt.

So kamen sie zusammen.

1979 feierten sie Hochzeit, 1980, 1982 und 1987 kamen ihre drei Kinder, Nicole, Nadine und Marc zur Welt. Ab 1985 durften sie das Geschäft an der Alten Landstrasse in eigener Regie führen. Von Beginn weg betrieben sie es als Familie, auch die Kinder packten stets mit an: an jedem Wochenende, vor Weihnachten und anderen Festtagen, insbesondere natürlich an der Chilbi. Und nun auch letzten Sonntag. Da war nämlich grosser Abschieds-Apéro für Freunde, Bekannt- und Kundschaft – wobei sehr viele Leute wohl gleich alle drei Bezeichnungen für sich in Anspruch nehmen durften. «Wir hatten all die Jahre Anteil an den Freuden und Sorgen unserer Kundschaft», sagt Margrit, «die vielen täglichen Gespräch an der Verkaufstheke haben uns das Herz für viele geöffnet.» Einer der Gäste erinnert sich gut, wie er bereits als kleiner Junge gerne bei Ledermanns eingekauft und dabei jeweils ein Würstchen erhalten hat. «Heute bekomme ich keins mehr», sagt er mit einem Schmunzeln, «doch noch heute kaufe ich mein Fleisch am liebsten hier ein, obwohl ich nun einen rechten Umweg auf mich nehmen muss, weil ich unlängst aus Zollikon weggezogen bin.» Wie viele andere wollte er es trotz sommerlicher Hitze letzten Sonntag nicht unterlassen, der Familie Ledermann seine Aufwartung zu machen, herzlich für all die guten Jahre zu danken und – bei allen besten Wünschen für die Zukunft – doch anzumerken, dass er die Dienste der feinen Metzgerei, die guten Koch- und Brattipps und die beiden «Lädis» arg vermissen werde. Stets aber war der Dank gegenseitig. Immer wieder hielten auch Margrit und Erwin fest, wie sehr sie ihre Kundschaft schätzten, wie überwältigt sie ab all den persönlichen Ansprachen, Briefen und Geschenken waren.

Ledermann-Spezialitäten neu in Zürich

Und so kamen Margrit und Erwin Ledermann und ihre Gäste nicht aus dem Händeschütteln und Umarmen heraus, während ihre drei Kinder rundum mithalfen, dass all in der Warteschlange zum Dank genügend mit Getränk und feinen Häppchen versorgt wurden. Selbstgemachten Häppchen wohlgemerkt. Denn auch wenn alle drei Kinder einen anderen Weg gewählt haben und die Metzgerei bereits nächsten Monat in eine Wohnung umgebaut wird, geht der Menschheit die Ledermann‘sche Qualitätsküche nicht ganz verloren: Tochter Nadine hat, nach einer juristischen Laufbahn, genug von Bürojobs und nun im Mai mit drei Freunden an der Zürichbergstrasse in Zürich die Lunch-Kaffee-Bar «apoTHEKE» eröffnet. Hier können einige der leckeren Spezialitäten aus dem Hause Ledermann exklusiv weiter genossen oder mitgenommen werden. Auch hier – wie einst zur elterlichen Metzgerei – lohnt sich ein Umweg.

Vielleicht gar doppelt, denn wenn man Glück hat, wird man dort ab und zu auch Margrit und Erwin Ledermann antreffen. Zeitweise, so haben sie versprochen, werden sie nun der Tochter aushelfen, wie sie einst ihnen. «Ich werde mich dann sehr freuen, wenn ich da auch alte Bekannte antreffe», sagt Margrit, «und im Unterschied zu den letzten dreissig Jahren, werde ich mir dann sogar Zeit für einen Kafi nehmen können!» (db)

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