49/2015 Kreativität ist ein Geschenk

Kreativität ist ein Geschenk

Der Zolliker Armin Brunner ist Musiker, Dirigent, Komponist, Regisseur, Autor, Philosoph – ein Mensch, der erfolgreich aus dem Vollen schöpft, sein Leben lang mit Preisen und Anerkennung überhäuft wurde und dabei immer sich selbst blieb: ein Mann, für den nichts selbstverständlich ist, der aber stets alles daransetzt, seinen eigenen Beitrag maximal zu leisten.

Längst könnte er sich zufrieden zurücklehnen und über vergangene Heldentaten berichten. Doch das tut er nicht. Obwohl es viel darüber zu berichten gäbe, nimmt er sich nur ungern Zeit für die eigene Vergangenheit. Gerade konzipiert Armin Brunner zum 100-jährigen Jubiläum der Zentralbibliothek Zürich eine Klang- und Weltchronik mit dem Titel «In den Echoräumen der Vergangenheit». Solche Aufträge gehören zu seinen Höhepunkten, sie füllen seine Zeit ganz aus – und sie erfüllen ihn, denn hier kann er Musik, Wort und Gestaltung gemeinsam zu einem Gesamtkunstwerk vereinen. Und darin ist er Meister. Kein Wunder hat man ausgerechntet ihm bereits die Eröffnung des KKL in Luzern oder – in Frankfurt am Main, der Geburtsstadt Goethes – die 250. Geburtstagsfeier des grossen deutschen Dichters anvertraut. Man weiss, dass er das kann, seit er – im Grunde untypisch für einen Absolventen des Konservatoriums – 1973 erst als freier Mitarbeiter der Musikredaktion und ab 1979 als Musikchef für das Schweizer Fernsehen arbeitete.

Vom schüchternen Kind …

Wie kam es dazu, dass seine berufliche Laufbahn einerseits untypisch, andererseits enorm erfolgreich war und keine Pensionierungsgrenze kennt? Aufgewachsen ist er in Zollikon. Doch auch wenn das Dorf oft als Paradies auf Erden beschrieben wird, hat er es während seiner Kindheit persönlich als kleine Hölle erlebt. Zuhause war es schwierig, der Vater der Baukrise wegen jahrelang arbeitslos, die Mutter unendlich tüchtig, doch angesichts der Situation machtlos. «Arbeitslosigkeit galt an der Goldküste als selbstverschuldeter Makel und war gleichbedeutend mit gesellschaftlicher Geringschätzung», sagt er. Darunter habe er sehr gelitten. Er sei ein sehr schüchternes, nein eingeschüchtertes Kind gewesen und auch an die Schulzeit möchte er lieber nicht erinnert werden: Rüde waren damals die Methoden im Klassenzimmer. Tatzen und Ohrfeigen, verbunden mit Spott und Hohn an der Tagesordnung. Nein, er ging nicht gerne zur Schule, umso lieber aber in die Geigenstunde. «Das tägliche Geigenspiel war mein Rettungsanker», sagt er, «die Flucht aus der realen Welt, die mir bedrohlich erschien, in eine ideale.»

… zum begnadeten Musiker

Er vertraute seiner Geige wohl Leib und Seele an! Jedenfalls erspielte er sich ein Stipendium der Gemeinde Zollikon ans Konservatorium – der damalige Direktor der Musikhochschule Rudolf Wittelsbach setzte sich persönlich für ihn ein, indem er ihm eine lange Musikerkarriere voraussagte. Und er hatte recht: Zwar verlief seine Karriere nicht innerhalb des Musikbetriebs, doch war sie unaufhaltsam. An der Musikhochschule blühte Armin Brunner auf. Er liess seine Schüchternheit im Dorf zurück, gründete im Übermut gar gemeinsam mit Mitstudenten eine Kammeroper, die unter dem Namen «Neue Zürcher Kammeroper und Schweizer Städteoper» zwanzig Jahre als Tournee-Unternehmen durch die grösseren und kleineren Schweizer und Süddeutschen Städte zog. Er besitzt eine ungeheure Schaffenskraft, leitete 17 Jahre den Frauenfelder Oratorienchor, dirigierte Radioaufnahmen, Fernsehproduktionen, war auf Langspielplatten zu hören, vertonte über zehn Stummfilme, war ständig als Gastdirigent auf Deutschland-Tourneen mit der Salzburger Mozartoper unterwegs und leitete auch zehn Jahre lang (1999 – 2009) die Klubhaus-Konzerte des Migros Kulturprozents. Immer wieder sass auch hohe Prominenz im Konzertsaal. Einmal gar der Dalai Lama. Mit ihm hatte er nach getaner Arbeit ein lustiges Gespräch, fragte ihn dieser doch, als er den Dirigentenstab hingelegt hatte: «Weshalb machen Sie so heftige Bewegungen und kein Musiker schaut sie dabei an?»

Avantgarde und experimentelle Formate

Und doch hat Armin Brunner die Aussenseiterrolle seiner Kindheit nie ganz vergessen. So sagt er einerseits: «Wenn man nicht aus einem musikalischen Haus stammt, fehlt für eine traditionelle Laufbahn ganz einfach die Schubkraft. Ich war gezwungen, jede Tür allein aufzustossen und die Türen des etablierten Musikbetriebs blieben mir weitgehend verschlossen.» Und andererseits bemerkt er: «Ich war mir meiner Aussenseiterrolle stets bewusst. So etwas kann auch Kräfte mobilisieren, nicht nur Resignation.» Mit den Jahren hat ihn der Zeitgeist wohl mit der Aussenseiterrolle ein wenig versöhnt.mLange Zeit war er selbst völlig in der Musikszene gefangen, wo, wie er sagt, die oberste und unterste Klaviertaste zugleich auch die Grenzen des eigenen Weltbildes setzen. Dann aber öffnete ihm die 68er-Bewegung die Augen für weitere Horizonte. Es gelang ihm, sich über die Grenzen des Musikbetriebs hinweg zu setzen und, wohl gerade seiner «Zwischenrolle» wegen, eine besondere Stärke zu entwickeln. Er öffnete sich der musikalischen Gegenwart und begann sich für die Avantgarde zu interessieren. Er entdeckte Stockhausen, Boulez und Nono für sich und beglückte sein Publikum mit der Gründung des Musikszenischen Studios Zürich im Theater 11. Hier entstanden unter seiner Leitung sowohl die Experimente mit den 15-Stunden-Konzerten wie auch die Dokumentarkonzerte «Musik zwischen Gefühl und Kalkül» oder «In Sachen Beethoven». Damit hatte er seine Nische gefunden. Den Ort, an dem er seine Kreativität ausleben konnte.  Gerade auch seine Arbeit am Fernsehen gehörte dazu. Hier, wo Unterhaltung und Sport an erster Stelle standen, gelang es ihm, völlig neue und auch eigenwillige Wege zu beschreiten, die über das Medium auch sogleich den Weg zu ausländischen Sendern und damit zu unzähligen Wettbewerbsteilnahmen und zu über 30 Fernsehpreisen führten, die teilweise an ihn als Person, oder aber an die von ihm geleitete Fernsehredaktion gingen.

Klänge für die Zentralbibliothek

Vor allem aber haben sie ihn dazu geführt, ganzheitliche Werke zusammenzustellen und so neu zu erschaffen: Klangchroniken zum weltberühmten Martin Luther King genauso wie über den stillen Schweizer Komponisten Gion Antoni Derungs. Und nun eben zum Jubiläum der Zürcher Zentralbibliothek, das ihn zurzeit beschäftigt. Noch ist er daran, diese Echoräume auszuloten, doch sicher ist bereits, dass er mit Zwingli beginnen wird, der obwohl persönlich hochmusikalisch, zu seiner Zeit Musik und Musiker aus der Kirche geworfen habe. Zudem wird er über des Jünglings Hans Georg Nägeli gedenken, welcher zur Zeit der französischen Revolution an der Zürcher Augustinergasse «Freut euch des Lebens» komponierte, und ganz bestimmt auch der legendären Uraufführung  von Schönbergs «Moses und Aron» im Jahre 1957. Bereits nimmt ihn das Projekt sehr ein, doch noch bleibt ihm Zeit, sein Werk auf Perfektion zu trimmen. Die Hundertjahrfeier findet 2017 statt. (db)

 

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