24/2016 Ein Leben für die Liebe

Ein Leben für die Liebe

Andere hätten aufgegeben oder resigniert, das Lachen verlernt oder wären an der Aufgabe zerbrochen. Nicht so Doris Stettler. Ein schwerer Schicksalsschlag vor über 20 Jahren prägte und prägt noch heute ihr Leben und das von ihrer Familie. Wie Doris Stettler in dieser schwierigen Situation zur «Marathonläuferin» wurde, ist beeindruckend.

Rückblende ins Jahr 1994: Doris und Daniel Stettler leben glücklich und zufrieden in einem Einfamilienhaus in Zollikon. Die beiden sind seit zehn Jahren verheiratet und Eltern von drei Kindern im Alter von 3, 5, und 7. Dann, ganz unerwartet, schlägt das Schicksal zu, wird die Familienidylle jäh zerstört:  Beim Skifahren bricht Daniel, damals 32-jährig, bewusstlos zusammen. Die Rega bringt ihn sofort ins nächstgelegene Spital. Bald schon steht die niederschmetternde Diagnose fest: Ein schwerer Hirnschlag. Von diesem Tag an ist nichts mehr so, wie es sich die junge Familie gewohnt war. Doris Stettler verbringt die meiste Zeit im Spital, die Kinder werden vorübergehend von Nachbarn und den beiden Grossmüttern betreut. Daniel überlebt, erwacht nach acht Wochen aus dem Koma. Die Ärzte diagnostizieren jedoch eine halbseitige Lähmung und kognitive Behinderungen.

Wir sind unten angekommen: Es kann nur noch aufwärts gehen

Doris Stettler ist zunächst überwältigt: Wie schaffe ich das? Ist das nicht eine Schuhnummer zu gross für mich? Für sie beginnt die emotional schwierigste Zeit: Miterleben zu müssen, wie ihr Mann Daniel in seinem Körper gefangen ist, unfähig sich auszudrücken, angewiesen auf Intensivpflege. Daniel ist schnell müde, schläft viel, kann nicht sprechen. Wie gestaltet man die Beziehung zu einem Menschen mit diesen gravierenden Beeinträchtigungen? Geholfen hat Doris Stettler, dass ihr emotionaler Tank während zehn Ehejahren mit vielen schönen und glücklichen Momenten gefüllt und ihre Paarbeziehung stark war. Von dieser Zeit zehrte Doris Stettler, als der Austausch auf emotionaler und sprachlicher Ebene nicht möglich war. Viel Kraft und Zuversicht schöpfte sie aber auch aus ihrem tiefen Glauben und der damit verbundenen Gewissheit, dass dieser Glaube sie auf diesem Weg mittragen würde. Als Daniel Stettler schliesslich nach neun Monaten Spital und Reha im Rollstuhl nach Hause kann, kommt Doris Stettler zu Gute, dass sie als ausgebildete Pflegefachfrau in der Lage ist, ihren Mann selber betreuen und begleiten zu können. Darüber hinaus fördert und fordert sie Daniel, so dass sich die beiden über Jahre in Teamarbeit mehr und mehr Freiheiten zurückerkämpfen. «Ich wusste, dass es nicht mehr schlimmer, aber mit viel Geduld und Wille vielleicht besser werden konnte.» Und so erfreuten sich beide an den kleinen aber wertvollen Fortschritten, die Daniel in den Folgejahren machte. Heute kann sich Daniel im und ums Haus mit einer Gehhilfe trotz der einseitigen Lähmung selbständig bewegen. Auch sprechen ist wieder möglich, wenn auch langsam und für Aussenstehende nicht immer leicht verständlich.

Du bist Marathonläuferin, keine Sprinterin

Wenn Doris Stettler so erzählt, hängt man an ihren Lippen. Da spricht jemand, der trotz diesem Schicksalsschlag ein rundum zufriedener und glücklicher Mensch ist. Glücklich und dankbar für das was ist und nicht hadernd mit der Vorstellung, was sein könnte. Von Doris Stettler geht eine Kraft und Überzeugung aus, die fasziniert. Und wenn sie so von den schwierigen Momenten des Alltags und der ganzen letzten Jahre berichtet, widerfährt es dem Zuhörer wohl des Öftern, dass man sein eigenes Leben reflektiert und sich insgeheim von ihren Weisheiten und ihrer Stärke eine Scheibe abschneiden möchte. Dass Doris Stettler noch heute voller Energie strotzt, verdankt sie nach eigenen Angaben einer Erkenntnis, die sie schon sehr früh hatte. «Mir war plötzlich klar, dass dies kein Sprint, sondern ein Marathon werden würde. Entsprechend musste ich lernen, mit meinen Kräften haushälterisch umzugehen, mir Freiräume zu gönnen und Prioritäten zu setzen.» Musik spielt dabei eine wichtige Rolle. Doris Stettler spielt Klavier und singt gerne, insbesondere Kirchenlieder. In der Musik fühlt sie sich frei, kann loslassen, Emotionen einen Ausdruck geben. Dies sosehr, dass oft die Tränen der Erschöpfung fliessen. Auch sind Doris Stettler die Beziehungen zu Freundinnen sehr wichtig. Jeden Donnerstag trifft sie sich mit ihrer besten Freundin zum Walking, um sich auszutauschen, zu reflektieren, zur «Herzhygiene», wie sie es nennt, aber auch um Unschönes auf dem Waldweg einfach zurückzulassen.

Partnerschaftliche Oasen

Auch das Ehepaar Stettler hat sich Oasen kreiert. «Nur weil man 24 Stunden unter dem gleichen Dach wohnt, heisst dies noch lange nicht, dass man auch eine erfüllende Partnerschaft lebt.» Um ihre Beziehung lebendig zu halten, gehen die beiden regelmässig ins «Theater». Den Umständen angepasst bedeutet dies, dass Doris und Daniel sich für den Abend einen Film aussuchen,  den sie sich dann gemeinsam anschauen und dabei ein Glas Wein geniessen. Oder man trifft die Stettlers im «Ausgang». Dies bedeutet auswärts essen im nahegelegenen EPI Parkrestaurant. «Dort ist es rollstuhlgängig und wir geniessen den Tapetenwechsel.» Auch Konzerte in der näheren Umgebung besuchen sie so oft es nur geht.  Damit auch die Kommunikation gepflegt wird, spielen die beiden ein adaptiertes «Fluss, Stadt, Land». Es geht dort weniger um die geographischen Kenntnisse zu jedem Buchstaben, sondern um Fragen des Alltags: Was hat dir letzte Woche ganz besonders gefallen? Was kommt dir in den Sinn, wenn du an unsere Kinder denkst? «So haben wir es geschafft, dass wir auch heute noch eine tragende Partnerschaft auf Augenhöhe pflegen, uns nicht fremd geworden sind oder die Beziehung nur noch auf die Einschränkungen reduziert wird.» Seit 20 Jahren gehören Doris und Daniel Stettler dem Verein «Glaube und Behinderung» an. Gerade am Anfang war für Doris Stettler wichtig, in dieser Gemeinschaft Personen zu begegnen, die zwar auch die Herausforderung mit einem behinderten Partner kennen, aber eine andere Biographie haben. So treffen hier verschiedene Behinderungen aufeinander. In dieser Konstellation kommen vielmehr die Stärken jedes Einzelnen zum Tragen und der Fokus liegt weniger auf den «Defiziten». Vor allem erleben die Stettlers hier, dass man zwar als Paar mit der Behinderung lebt, sich dadurch aber nicht automatisch behindern lassen muss. Der blinde Kollege hilft beim Rollstuhl schieben den Berg hinauf, während ein anderer den Weg lotst. Die Stettlers schlossen sich auch schon mehrmals Reisegruppen an und konnten so unter anderem Berlin und Israel entdecken. Diesen Sommer wartet ein weiterer Höhepunkt, auf den sich beide riesig freuen: Eine Woche Badeferien in Teneriffa steht auf dem Programm. Doris Stettler ist dankbar für diese Reisemöglichkeit in der Gruppe. «Alleine könnte ich dies nicht bewerkstelligen. Auf einer Reise die alleinige Verantwortung zu tragen wäre eine zu grosse Last und würde mich überfordern.»

Das Glück liegt in den einfachen Dingen

Obwohl der Aktionsradius im Alltag eingeschränkt ist, finden die Stettlers auch hier eine positive Antwort. Der Leitspruch «Nicht einen ganzen Garten, nur einen Topf müssen wir bepflanzen, den dafür richtig», widerspiegelt ziemlich genau ihre Lebensphilosophie. Ein erfülltes Leben leben, trotz unerfüllten Wünschen. Hier und im Jetzt zufrieden sein, ansonsten man ein Leben lang etwas hinterher rennt.  Die glücklichen Momente geniessen, die einem gegeben werden, sich an einfachen Dingen freuen. Dankbar sein. Offen bleiben und sich für die Menschen und die Umwelt interessieren. Was Doris Stettler und ihr Mann Daniel miteinander teilen, ist von sichtbarer Intensität. Ihre Blicke vielsagend, bedeutungsvoll und von echter Zuneigung. Eine tiefe, ehrliche Beziehung, nicht nur weil das Schicksal die beiden noch enger zusammengeschweisst hat, sondern weil ein gegenseitiger Respekt und viele Emotionen da sind. «Wir sind wie ein Bilderbuch: Daniel ist das Bild, ich das Wort.» Die beiden sehen sich an, lachen und das Heiratsversprechen «In guten wie in schlechten Zeiten» bekommt plötzlich eine tiefere Bedeutung. (dg)

 

Anzeige