39/2016 Mit Löwenherz und Menschenverstand

Mit Löwenherz und Menschenverstand

Die Saison hat erst kürzlich wieder begonnen, Dario Casanova aber beschäftigt sich tagtäglich damit: dem Eishockeyspielen. Es ist seine grosse Leidenschaft, sein Sport, dem er vieles unterordnet. Vieles, aber nicht alles.

Mit dick eingebundenem Finger sitzt der Nachwuchsspieler der ZSC Lions am Tisch. Das Lächeln verschwindet für einen kurzen Moment aus seinem Gesicht, geknickt meint er nur: «Sommerlager.» Ein scharfer Schuss, der missglückte Versuch, diesen zu halten, die verlorene Fingerbeere. Wie es dazu kommen konnte, trotz der Handschuhe, der dicken Montur, kann er sich selbst nicht erklären. Er möchte auch gar nicht zu lange darüber nachdenken, lieber blickt er nach vorne, konzentriert sich darauf, was noch kommt und was noch werden könnte.

Das erste Mal auf Kufen gestanden ist der junge Zolliker im Alter von fünf Jahren. Ganz zum Erstaunen seiner Eltern. Die Mutter ist halb Brasilianerin, halb Schweizerin, der Vater Spanier. «Fussball wäre wohl eher ihr Ding gewesen», meint Dario Casanova und lacht, «vom Eishockeyspielen hatten sie mit ihren südländischen Wurzeln absolut keine Ahnung.» Später wird er erzählen, dass es seiner Mutter auch heute noch so geht, sie nicht genau versteht, was ihr Sohn macht. Er meint es nicht abschätzig oder gekränkt, vielmehr unterstreicht der 15-Jährige mehrmals seine Dankbarkeit: «Ohne meine Eltern und meine Schwester wäre ich heute nicht dort, wo ich bin.»

Dario Casanova gehört zum Nachwuchsteam der ZSC Lions/GCK, er spielt bei den C-Eliten der Novizen, gehört somit zu den besten Spieler der unter 17-Jährigen seines Clubs. Und sein Ziel für diese Saison ist klar: «Ich möchte Meister werden.» Das letzte Jahr noch an Genf gescheitert und auf dem 2. Platz gelandet, soll es heuer anders werden. Dafür möchte er alles tun und den Sprung in die A-Elite schaffen.

Ist seine Familie mit ihm auf die Kunsteisbahn Küsnacht KEK gegangen, liess er sich am liebsten auf dem Schlitten herumziehen. Selber fahren war für ihn nicht interessant. Heute sieht dies ganz anders aus, steht der junge Sportler nicht auf dem Eis, ist er im Kraftraum zu finden. Doch damals, als er die Hockeyspieler zum ersten Mal in der Halle sah und er es diesen nachtun wollte, habe seine Mutter nur gelacht, ihrem Sprössling nicht zugetraut, dass er es ernst meinen und dranbleiben würde. Einmal in der Hockeyschule angemeldet, durchlief der junge Zolliker sämtliche Stationen des Kinderhockeys, spielte bei den GCK und hat den Sprung in den Leistungssport der ZSC Lions/GCK geschafft.

Harter Konkurrenzkampf

Hockey bedeutet Dario Casanova vieles, ein Leben ohne Puck und Schlittschuhe kann sich der junge Zolliker nicht vorstellen. Trotzdem setzt er nicht alles auf den Sport und hat nach dem Abschluss der Sek A diesen Sommer die Handelsmittelschule an der Kantonsschule Hottingen begonnen. Eine Alternative sei ihm wichtig, denn er wisse, dass der Konkurrenzkampf gross sei. Diesen bekomme er auch innerhalb seines eigenen Teams zu spüren. «Die Nachwuchsorganisation der Lions gehört zu den besten Europas», sagt der ambitionierte junge Spieler, «es ist völlig klar, dass jeder sein Bestes gibt und weiterkommen möchte.» Das will auch Dario Casanova, Profi zu werden, ist klar sein Ziel. Die Kantonsschule gebe ihm aber Sicherheit, sollte es doch nicht so kommen, wie er es sich vorstellt und wünscht.

Was es noch braucht, damit er sein Ziel erreichen kann? Der Jugendliche zögert, Selbsteinschätzung sei nicht seine Stärke. Als Center ist er für die Mitte des Spiels zuständig, zwischen der Verteidigung und Stürmer, er muss defensiv spielen, aber auch offensiv mitwirken können. Er sei ein guter Läufer und habe ein gutes Spielverständnis, was auf seiner Stufe aber auch nicht anders zu erwarten sei. Trainer Paul Berri sieht in Dario Casanova einen starken Teamplayer, einen, für den die Mannschaft im Vordergrund steht, der seriös und zielorientiert ist. «Ab und zu dürfte er etwas frecher sein», sagt der Coach, denn eines sei auf Stufe Novizen klar: «Hier trennt sich der Spreu vom Weizen.» Paul Berri gibt zu bedenken, dass im Alter der Nachwuchsspieler bald noch andere Interessen als das Eishockeyspielen dazukämen, der Ausgang wird ein Thema und auch Freundschaften möchten gepflegt werden.

Zeit für seine Freunde nimmt sich auch Dario Casanova. Dies sei möglich, aber nicht immer einfach. Ein gutes Zeitmanagement tut Not, lasten die Trainings und die Spiele am Wochenende doch sein Wochenprogramm fast vollständig aus. Hinzukommt, dass in der Kantonsschule ein anderer Wind weht als in Zollikon, wie der Nachwuchsspieler erklärt. «Die Zolliker Sekundarschule ist mir sehr entgegengekommen», der Stundenplan sei wegen des Eishockeyspielens kurzfristig angepasst worden, sodass er die morgendlichen Trainings habe besuchen können. Heute sei dies nicht mehr möglich, doch habe er momentan Glück mit seinem Stundenplan. Gleich nach Schulschluss geht’s am Abend nach Oerlikon in die Eishalle. Jeden Abend. Zwei bis drei Stunden lang. Eishockey ist ein teurer Sport. Um sich diesen leisten zu können, ist der junge Zolliker auf Unterstützung von Sponsoren angewiesen. Diese zu finden ist für ihn aber nicht leicht, denn auch das kostet Zeit. Zeit, die eben meistens fehlt.

Der Traum vom Profi

Ein scharfer Schuss, ein schnelles Passspiel, eine gute Lauftechnik. Wer wie Dario Casanova Profihockeyspieler werden möchte, muss technische und taktische Voraussetzungen mitbringen. Doch sie allein genügen nicht.«Es braucht eine Persönlichkeit», sagt Mario Antonelli. Der Mentalcoach begleitet die jungen Eishockeyspieler im Bereich ihrer Persönlichkeitsentwicklung. Diese gehöre in den Rucksack einer Spitzensportausbildung, weshalb sie bei den ZSC Lions bereits auf Stufe der Novizen beginne. Die jungen Spieler sollen lernen, wie mit Druck umgegangen, wie Kritik angenommen wird, sie sollen wissen, was ihnen Angst macht, wie viel sie ertragen, was ihre eigene Persönlichkeit ausmacht, und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Doch auch Dario Casanova weiss: Er kann noch so langfristig geplant werden, der Sprung zu den Profis, der Spieler mag noch so ehrgeizig sein, das Umfeld noch so professionell und unterstützend – am Schluss sind es oft Details, die entscheiden, ob der Traum einer Profispielerkarriere wahr wird. Oder platzt. So auch durch Verletzungen. Sie kommen in diesem harten Sport oft vor. Der Zolliker schaut auf seinen dick eingebundenen Finger, findet sein Lachen zurück. Es ist nicht seine erste Verletzung, den Spass am Spiel wird er dadurch nicht verlieren. Er glaubt an sich. An das Eishockey. (mmw)

 

 

 

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