27/2017 Angekommen

Angekommen

Eine lange Reise vom Irak über Griechenland und Mazedonien bis nach Zumikon: die Geschichte von Zahra Assam.

Wenn sie an diesen einen fürchterlichen Moment zurückdenkt, füllen sich ihre Augen sofort mit Tränen. Dabei ist Zahra Assam eigentlich keine dramatische Frau. Aber wenn die 24-Jährige davon berichtet, wie verzweifelt sie nach der Flucht mit dem morschen Boot ihre zweijährige Tochter gesucht hat, ist ihre Panik noch zu spüren. Gemeinsam mit ihrem Mann Kamal und den Kindern Ahmed und Samar floh Zahra Assam aus dem Irak. Mittlerweile ist die Familie in Zumikon angekommen – der Weg dahin war lang und steinig. Zahra und Kamal ­Assam sind Sunniten und wurden im Irak verfolgt. Niemals durfte sich Zahra als Frau von Kamal zu erkennen ­geben, heimlich lebte sie im Haus der Schwiegereltern, der Ehemann schlüpfte immer anderswo unter. Er hatte gewagt, das Regime zu kritisieren und sich somit zum Ziel gemacht. Die ständige Angst machte ihm zu schaffen und so beschloss er, das Land Richtung Europa zu verlassen.

Die Flucht beginnt

Die damals erst 19-jährige Zahra stand damit wohl vor einer der schwierigsten Entscheidungen ihres Lebens. Sie wollte die Risiken einer Flucht ihren beiden Kindern eigentlich nicht zumuten. Doch bei den Schwiegereltern hätte sie nicht bleiben können. Zu ihrer eigenen Familie konnte sie auch nicht. Die war viel zu arm, um eine Mutter mit zwei Kleinkindern mit durchzubringen. «Ich sagte mir damals, dass wir dann wenigstens zusammen sterben», erklärt sie mit ruhiger Stimme. Sie reisten in die Türkei und warteten. «Es war unheimlich kalt, ich habe jede Nacht geweint», erinnert sie sich. Nach mehreren Tagen kam endlich der Fluchthelfer. Mit rund dreissig anderen Menschen wurden sie in einen Transporter verfrachtet. Über mehrere Stunden dauerte die Fahrt. Es sei kaum genug Luft zum Atmen in dem Auto gewesen, erzählt Zahra Assam. Mitten in der Nacht seien sie am Meer angekommen. Bedrohlich dunkel und eiskalt habe es vor ihnen gelegen. Zahra Assam schaltete ihr Handy an, versuchte mit Hilfe der Taschenlampe etwas zu sehen. Sofort sei sie angebrüllt worden. Die Angst vor der Entdeckung ging um. Und dann ging es ganz schnell. Die Flüchtlinge wurden auf das Boot gescheucht, die Überfahrt Richtung Griechenland begann. Wellen brachen über den Flüchtlingen zusammen, das Wasser im Boot stieg. Beim hektischen Einstieg war sie von ihrem Mann getrennt worden, immerhin aber konnte sie ihren Kamal und den Sohn Ahmed sehen. Die kleine ­Samar presste sie an sich. Fünf Stunden dauerte die Überfahrt. «Sie kamen mir vor wie fünf Jahre.» Langsam, aber stetig stieg das Wasser im Boot, zum Schluss musste Zahra ihre kleine Tochter über dem Kopf halten. Endlich die Ankunft in Griechenland. «Erst die Kinder, dann die Frauen», seien sie angeschrien worden. Sie folgte den Anweisungen, und als sie endlich aus dem Boot steigen konnte, war die kleine Samar verschwunden. «Kamal war noch im Boot und ich rannte schreiend herum und suchte mein Kind», erinnert sich die Mutter. Völlig durchnässt irrte sie in der Kälte herum. Wie lange weiss sie nicht mehr. Und plötzlich stand das kleine Mädchen vor ihr und fragte erstaunt: «Mama, warum weinst du?» Zahra Assam muss sich kurz sammeln, wenn sie von diesem Moment berichtet. «Die Kraft für diesen langen Weg hat mir immer die Liebe meiner Kinder gegeben», sagt sie ruhig.

Mucksmäuschenstill

Wiederum ging es mit dem Schiff Richtung Athen, dann weiter nach Mazedonien. Nächtelang sind sie gelaufen, Zahra trug Samar im Tuch, war immer darauf bedacht, dass die Kinder bloss keinen Mucks von sich geben. Während sie erzählt, sitzt ihr Mann im Hintergrund und schaukelt die jüngste Tochter Tassnim. Es ist Kamal Assam unangenehm, was er seiner Frau zugemutet hat. Aber er schaut auch stolz auf seine Zahra. Endlich in Wien angekommen der erste schöne Moment. Barfuss, völlig verdreckt sass die Familie am Bahnhof, hatte das Ticket für die Schweiz schon in der Tasche. «Und dann kam eine Frau auf mich zu, zog ihre eigenen Schuhe aus und gab sie mir», erzählt die Sunnitin. Sie war fassungslos über diese Geste, doch die Frau kam später nochmals zurück und lud Zahra und die Kinder zu sich nach Hause ein. Dort gab es Biscuits und Orangensaft und Kleidung für die Kinder. Kamal Assam zückt sein Handy. Er hat Erinnerungsfotos vom Abschied damals gemacht. Für die Familie ging es in die Westschweiz. Die 24-Jährige hat keine guten Erinnerungen an diese Zeit. Viel zu viele Flüchtlinge waren in einem alten Spital untergebracht. Zwei Mal am Tag gab es Milch für die Kinder. Doch Samar wurde krank, Zahra brauchte mehr Milch. Sie hat auf Knien gefleht, hat gehört, wie Samar immer kraftloser an der leeren Flasche nuckelte.

Das Umdenken beginnt

«Ich war wirklich überglücklich, als ich hörte, dass wir nach Zürich gebracht werden würden», erinnert sich Zahra Assam noch ganz genau. Drei Monate lebte die Familie mit sieben anderen Familien in einer Unterkunft. Dann ging es weiter nach Zumikon – in den Luftschutzbunker am Rande des Dorfplatzes. Die Bedingungen waren hart, und Zahra Assam war wieder schwanger. Sie beklagt sich nicht. Mit keinem Wort, aber sie war ­voller Dankbarkeit, als die Familie nach acht Monaten in die Wohnung am Schwäntenmos umziehen durfte. Hier kann sie endlich die Fenster öffnen, die frische Luft reinlassen. Und auch Helfer, die Kleidung spenden oder Spielzeug. Zahra Assam hat gelernt, dass sie umdenken muss. So lange Jahre ist ihr eingebläut worden: Nicht-Moslems sind schlechte Menschen. Mittlerweile hat sie viele Schweizer Freunde. «Das Herz ist wichtig. Mehr nicht», sagt sie entschlossen. Auch hier macht sie nicht nur gute Erfahrungen. So wurde sie im Tram ange­pöbelt. Sie solle abhauen, rief man ihr nach. Sie habe sich so geschämt, vor allem, weil ihr Sohn Ahmed das miterleben musste. Tagelang habe sie sich nicht aus der Wohnung getraut. Dann siegte wieder ihr Lebenswille. «Ich will hier eben nicht nur leben. Ich möchte etwas tun und arbeiten», unterstreicht sie. ­Dafür hat sie in den vergangenen ­Monaten hart an ihren Deutschkenntnissen gearbeitet, die wirklich gut sind. Mit ihrer ganzen Energie hat sie sich nun an die reformierte Kirche gewandt. Offiziell darf sie nicht arbeiten. Das heisst aber nicht, dass sie nichts tun kann. «Ich kann putzen. Ich kann helfen oder einfach einsame Menschen im Altersheim besuchen und unterhalten», sprudelt sie richtig über. Langsam ist etwas Alltag in das Leben der Familie eingekehrt. Ahmed geht in die Schule, Samar in eine Spielgruppe. Sie selber träume noch oft von den schlimmen Momenten, gibt die Mutter zu. Die Flucht von Zahra Assam hat lange gedauert. Aber es scheint, als sei die Familie erstmal angekommen. (bms)

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