2/2018 Geduldig, auch wenn es pressiert

Geduldig, auch wenn es pressiert

Auf der Notfallstation des Spitals Zollikerberg war über Weihnachten und Neujahr einiges los. Was, das erfuhren wir an der Seite des stellver­tretenden Notfallleiters Allan Inayat, den der ZoZuBo eine Schicht lang begleiten durfte.

Gleich die erste Patientin bringt es auf den Punkt. «Sie sind einfach ein Sonnenschein», ruft sie Allan Inayat zum Abschied zu, als dieser nach rund 15-minütiger Visite den Raum verlässt. Besser hätte die Mittsechzigerin, die wegen zunehmender Schulterschmerzen den Notfall des Spitals Zollikerberg aufgesucht hatte, den diplomierten Notfallpfleger nicht beschreiben können.

Das Lachen könnte das Markenzeichen des 45-jährigen Schweizers mit indischen Wurzeln sein. Es fällt sofort auf und ist ansteckend. Manche Patienten scheinen an diesem Donnerstagnachmittag zwischen Weihnachten und Neujahr ihre Schmerzen oder Sorgen sogar für einen Moment zu vergessen, sobald sie vom gut gelaunten Pflegefachmann befragt, behandelt und eben mit dessen ganz persönlicher Medizin versorgt werden. «Ein Lachen hilft tatsächlich oft besser als Worte», räumt Allan Inayat beinahe verlegen ein.  Er habe aber auch allen Grund, gut gelaunt zu sein, fügt er hinzu. Sein Job sei zwar oft hektisch und nie planbar, verlange ihm körperlich viel ab und bringe ihn immer wieder in Extremsituationen, sei aber auch einer der dankbarsten der Welt: «Ich habe mit Menschen zu tun und kann in anspruchsvollen Lebenssituationen unterstützen.»

Es ist kurz vor 16 Uhr und der stellvertretende Leiter des Notfalldienstes ist seit anderthalb Stunden im Einsatz. Bis 23 Uhr dauert die Spätschicht, die er zusammen mit zwei Pflegefachexpertinnen bestreitet. Weitere Unterstützung erhält das Team von einer Kollegin, die je nach anfallender Arbeit aufgeboten werden kann.

Es klingelt und klingelt

Dass zwischen Weihnachten und Neujahr die Bagatellfälle zunehmen, weil einige Hausärzte frei haben, es draussen nicht nur kalt, sondern oft auch rutschig ist und die Grippeviren Hochsaison haben, möchte Allan Inayat aber nicht bestätigen. Überhaupt: Das Wort «Bagatelle» gefalle ihm nicht. «Wer zu uns kommt, hat immer einen Grund, und zwar einen wichtigen», sagt’s, und wendet sich einer Patientin zu, die eben aus Mallorca zurückgekehrt ist. Die Verletzung am Handgelenk durch die Krallen eines zu aufdringlichen Hundes hat sie als unfreiwilliges Souvenir mitgenommen.

Das Telefon des Schichtleiters klingelt praktisch im Fünfminutentakt. Dieses Mal meldet ihm die medizinische Praxisassistentin vom Empfang, dass eine neue Patientin mit einer Nadelstichverletzung durch die Nähmaschine eingetroffen sei, der Fremdkörper befinde sich noch im Finger.

Allan Inayat klärt jeweils ab, in welcher Koje neu eingetroffene Patienten behandelt werden sollen, protokolliert fortlaufend die Gespräche, die er mit ihnen führt, informiert sie über das weitere Vorgehen und stellt ihnen den für die nachfolgende Behandlung zuständigen Arzt vor. Später nimmt er bei der Hundepatientin die Wundversorgung vor und erklärt ihr, wie sie diese in den nachfolgenden Tagen selbstständig erledigen kann.

Zwischen sofort und zwei Stunden

15 000 Patienten behandeln die Notfallpflegeexperten des Spitals Zollikerberg zusammen mit den Ärzten pro Jahr. Der grösste Teil davon sind sogenannte «Walk-in-Patienten», unangemeldete Personen, die sich mit einem dringlichen medizinischen Problem beim Empfang melden. Angemeldet sind jene, die vom Hausarzt überwiesen werden und solche, die mit der Ambulanz eintreffen. Innerhalb von 24 Stunden können es über zehn Ambulanzen sein, erklärt Allan Inayat.

Während seiner heutigen Schicht fährt die Ambulanz dreimal vor. Kurz vor 17 Uhr bringt sie einen 95-jährigen Mann, dessen Allgemeinzustand sich im Verlaufe des Tages so verschlechterte, dass er gesichert durch seine Frau zu Boden gehen musste, weil er sich nicht mehr alleine auf den Beinen halten konnte. Zusammen mit einer Ärztin lässt sich der Notfallpfleger von den beiden Sanitätern über alle bis dahin bekannten Daten und Geschehnisse informieren, misst Blutdruck und Temperatur, bringt ein Nachthemd und wird im Verlauf des Abends mehrmals das Notfallbett neu beziehen, da der Mann im hohen Alter an Inkontinenz leidet.

Sechs Kojen, wie die Behandlungsräume auf der Notfallstation genannt werden, stehen dem 28-köpfigen Notfall-Team zur Verfügung, dazu eine Sitzkoje, ein Gipszimmer für Patienten mit Frakturen sowie ein Schockraum mit Beatmungs­geräten für Patienten mit Herzinfarkt oder schweren Unfällen. Ferner gibt es ein Triage-Zimmer, wo die Erstbeurteilung der Patienten stattfindet und die Behandlungsdringlichkeit der vorgebrachten Beschwerden beurteilt wird. Dabei wird ein international anerkanntes, fünfstufiges Triagesystem verwendet, das die Patienten in Dringlichkeitsstufen einteilt.

Ziel: schmerzfreien Patienten

Am Tag unseres Besuches sind es meist Patienten mit Dringlichkeitsstufe 3. Sie sollten also innert 30 Minuten vom ärztlichen Dienst gesehen werden. Allan Inayat und sein Team setzen alles daran, diese Vorgabe einzuhalten. «Wenn immer möglich schauen wir, dass die Betreuung bis zum Schichtende durch ein und dieselbe Pflegeperson erfolgt», erklärt er. Selbstredend, dass dies auf der hektischen Notfallstation nicht immer machbar ist.

Laufend treffen neue Patienten ein, Allan Inayat überprüft die Ver­fügbarkeit der Kojen, bringt die ­Patienten zum Röntgen oder zur Computertomographie, gibt den zirkulierenden Blutkurieren immer wieder neu abgefüllte Reagenz­gläser mit. Auch koordiniert der Schichtleiter die Bettenzuteilung und informiert die entsprechenden Abteilungen. Sobald es die Zeit erlaubt, überprüft er – wie vom Betäubungsmittelgesetz vorgeschrieben – den Bestand von Medikamenten, insbesondere von Opioiden wie Methadon oder Morphin. Zeit, sich hinzusetzen und zu verschnaufen, bleibt praktisch keine. Erst kurz nach 18 Uhr gönnt sich der stellvertretende Notfallleiter eine kurze Pause und holt sich in der Kantine ein Sandwich. Bereits ruft der nächste Patient.

Ein 29-jähriger Mann ist eingetroffen, der sich in den vergangenen Stunden mehrmals übergeben musste und unter starken Schmerzen leidet. Allan Inayats Ziel ist es, den jungen Mann möglichst schnell schmerzfrei zu kriegen. Im Spital Zollikerberg dürfen die diplomierten Notfallexperten Schmerzmittel anhand eines definierten Schemas verabreichen. Das sei nicht im jeden Spital so, erklärt der Notfallpflegeexperte, der zuvor elf Jahre lang in leitender Position im Kantonsspital Winterthur tätig war. Regelmässig fragt er den Mann nach dem aktuellen Schmerzniveau. Auch die Anspannung der anwesenden Mutter nimmt ab, als der Sohnemann sich zunehmend entspannt.

24 Stunden, 45 Patienten

Kurz vor der Übergabe um 23 Uhr, wenn das Team der Nachtschicht die Station übernimmt, befinden sich noch vier Patienten in den Kojen. Allan Inayat informiert bei der Koordinationsstelle – dem eigentlichen Herz des Notfalls – auf den grossen Monitoren über die aktuelle Belegung. Er erklärt, welcher Patient sich wo befindet, welche Verordnungen noch ausstehen und welches die nächsten Schritte sind. Die Bildschirme zeigen auch auf, wie lange sich die Patienten bereits auf der Station befinden, wer die zuständige Pflegefachperson und der zuständige Arzt sind.

Um Mitternacht werden es 45 Patienten sein, die das Notfallteam an diesem Donnerstag betreut hat. Unter ihnen der 29-Jährige, der sich inzwischen im Operationssaal befindet. Der erste Verdacht auf Gallensteine hat sich nicht bestätigt. Stattdessen muss der Blinddarm operiert werden. Der 95-Jährige trinkt derweil das Kontrastmittel für seine bevorstehende Computertomografie. Ans Schlafen ist für ihn noch nicht zu denken, genauso wenig wie für das Nacht-Team, das noch lange auf den Beinen sein wird. Immerhin darf Allan Inayat jetzt die Füsse hochlegen bis am nächsten Tag um 23 Uhr. Dann beginnt seine Nachtschicht, in der er neuen Patienten ein Sonnenschein sein wird. (mmw)

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