12/2018 Ein Geschichten-Ausgräber

Ein Geschichten-Ausgräber

«Es gilt die Tat» ist der Titel des neuen Buchs von Urs Hardegger, das mit dem Anerkennungspreis der Fachstelle Kultur des Kantons Zürich ausgezeichnet wurde. Beim Namen Urs Hard­egger werden einige Zolliker aufhorchen. Genau. Es ist der Hardegger, der von 1994 bis 2001 am Schulhaus Oescher als Lehrer tätig war. Zeit für ein Gespräch.

Mit Urs Hardegger sprach Birgit Müller-Schlieper

Sie sind peu à peu in den Beruf des Schreibers gerutscht. Wie kam diese Entwicklung zustande?

Einerseits leitete ich einige Jahre eine Privatschule, die ich mit­gegründet habe. Auf der anderen Seite kamen aber auch noch das Studium der Erziehungswissenschaften und Sonderpädagogik und die Arbeit als Dozent an Fachhochschulen und Universitäten dazu. Und da entdeckte ich die Freude am Recherchieren, am Ausgraben von Geschichten. Drei Jahre war ich am Institut für Historische Bildungsforschung der PH Zürich als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig und damals erschienen auch meine ersten Publikationen.

Im Jahr 2012 erschien von Ihnen bereits das Buch «Die Akte der Luisa de Agostini». Das ist eine wahre Geschichte, die auch erzählerisch geschrieben ist. Wie gelingt dieser Balance-Akt?

Zunächst arbeitete ich an einer Geschichte über das Josefsheim in Dietikon. Mir wurde klar, dass dort auch viele Kinder zwangseingewiesen worden waren. Und so bin ich auf Luisa gestossen. Ich habe mehr als tausend Vormundschaftsakten dazu gesichtet und es entstand eine Geschichte über drei Generationen. Es war unglaublich, wie detailliert alles beschrieben war. Und es war erschreckend, was diesem Mädchen mit guter Absicht angetan wurde. Da ist vielleicht die Parallele zum Lehrer. Auch da passiert vieles mit guten Absichten, was aber nicht immer gut endet. Ich bin eigentlich als Fachbuchautor an die Geschichte herangetreten und habe mich zum Belletristik-Schriftsteller entwickelt, weil ich mehr Leute erreichen wollte. Ich wollte Leser gewinnen, die kein Sachbuch in die Hand nehmen. Ich publiziere ja auch noch als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Doch wer liest diese Aufsätze denn?

Wie und wo recherchieren Sie für Ihre Bücher?

Über Luisa de Agostini habe ich alles im Stadtarchiv gefunden. Für «Es gilt die Tat» war ich im Staats- und Bundesarchiv. Vor allem Polizei- und Gerichtsakten geben viel her, weil sie sehr unmittelbar sind, da sie eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren.

Und da sitzen Sie stundenlang über verstaubten Akten? Sind die frei zugänglich?

So war es wohl früher. Da durfte man den Staub nicht scheuen. Mittlerweile fotografiere ich viele Seiten mit meinem Handy. Die meisten Akten sind zugänglich. Auf manchen liegt eine Schutzfrist von 80 Jahren. Aber auch dann sind Genehmigungen möglich.

Wie gehen Sie auf der Suche nach Geschichten vor?

Ich beginne an einem Punkt und finde immer mehr, gehe immer tiefer. Das kann wirklich Suchtcharakter entwickeln. Es gibt immer noch mehr Details, noch mehr Nebengeschichten, Nebenschauplätze. Da muss ich dann Abstand nehmen, um mich zwischen den ganzen Informationen nicht zu verlieren. Mit der Zeit ist es so, dass ich die Personen wirklich vor mir sehe. Ich würde nur zu gerne mal in eine Zeitmaschine steigen, um mal kurz in die Vergangenheit zu reisen.

Zum Beispiel in den Herbst 1917, als der Vorfall zu «Es gilt die Tat» passierte.

Ja. Das war eine spannende Zeit. Fast aus dem Nichts heraus wurde mitten in Zürich aufeinander geschossen. Mich interessierte dazu die Vorgeschichte. Wie konnte es dazu kommen? Wieso wissen wir so wenig darüber? Woher kamen diese Spannungen? Im Mittelpunkt meines Romans stehen ein Mitläufer, ein Polizeiwachtmeister und eine Jelmoliverkäuferin. Sie müssen sich in dieser sozial angespannten Situation behaupten und nehmen die Ereignisse auf unterschiedliche Art und Weise wahr. Mittlerweile ist klar, dass eine kleine Friedensdemonstration völlig aus dem Ruder gelaufen war. Die Polizei war mit den Krawallmachern total überfordert. Die Polizisten waren mit Säbeln und Schusswaffen ausgerüstet und schlecht organisiert.

Es scheint, als wären Archive die besten Geschichten-Lieferanten.

Das ist so. Das ist ein unglaublicher Fundus. Dort habe ich auch die Hintergründe für mein aktuelles Manuskript gefunden. Im Mittelpunkt stehen vier Schweizer, die in den 30er Jahren nach Spanien fahren, um da im Bürgerkrieg mitzumischen. Es ist eine absolut verrückte Geschichte.

Sie leben als freischaffender Autor in Zürich. Ist das nicht ein hartes Brot?

Ich habe mich, um mich ganz dem Schreiben widmen zu können, frühpensionieren lassen. Das gibt eine gewisse Sicherheit. Im vergangenen Jahr erhielt ich dann die 10 000 Franken für den Anerkennungspreis. Dazu kommen Lesungen und Beiträge im Tagblatt. Aber nur von der Schreiberei zu leben, ist schwierig. Mir scheint es fast, als gebe es immer mehr Menschen, die schreiben. Und immer weniger, die lesen.

Mehr zum Autor und zu den Büchern unter www.urshardegger.ch.

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