23/2018 «Ballett hat mir Disziplin fürs Leben geschenkt»

«Ballett hat mir Disziplin fürs Leben geschenkt»

Vom begabten Balletttänzer zum gefragten Lichtdesigner – der Zolliker Felix Kessler hält seit jeher an seinen Visionen fest und setzt sie in die Realität um. Dabei scheut er keinen Aufwand.

«Alles im Leben hat einen Grund», ist Felix Kessler überzeugt. Und so führte ein Schritt zum nächsten in seinem Leben: Die Ausbildung als Fein­mechaniker gab ihm das technische Rüstzeug, seine Hobbys Skiakrobatik und Ballett brachten ihn in die Oper und eine Verletzung zwang ihn, seine Ballett­karriere jäh zu beenden und als Lichtdesigner neu anzufangen. Neugierde und unermessliche Energie haben den heute 57-Jährigen stets weitergetrieben. Felix Kessler ist als «Sandwichkind» in Maur am Greifensee aufgewachsen. Er und seine beiden Brüder sind nicht nur durch lange Haare aufgefallen, sondern auch durch ihren Tatendrang. Bei Felix Kessler stand dabei die Mechanik im Vordergrund: «Mein Töffli konnte ich nie in Ruhe lassen. Stets schraubte ich daran herum. Und in Seifenkisten baute ich Motoren ein.» Doch «Werkeln» alleine stillte die Unternehmungslust nicht. «Ich war ein unglaublicher Zappelphilipp, weshalb meine Eltern mich mit Sport zu beruhigen versuchten.» Die Winterferien beispielsweise waren stets mit Skischule ausgefüllt. Das fand der Teenager aber schnell langweilig und er wechselte zu Skiakrobatik und Skiballett. Bei einem der akrobatischen Sprünge verunfallte ein Freund schwer. Deshalb hängte Felix Kessler die herausfordernden Hobbys an den Nagel und wagte den Schritt in die verwandte, aber weniger gefährliche sportliche Kunstform Ballett.

Spagat zwischen «Stifti» und Ballett

Die Lehre als Feinmechaniker am Physikalischen Institut der Universität Zürich wurde je länger desto mehr zweitrangig. Die elterlichen Versuche, die vielen Balletttrainings einzudämmen, um so die Konzentration ihres Sohns zurück auf eine «richtige Ausbildung» zu lenken, scheiterten. Denn ein Freund war rechtzeitig zur Stelle und lieh dem zwischen Lehrabschluss und Ballettkarriere stehenden 18-Jährigen ein Auto. Dank der neu gewonnenen Mobilität konnte Felix Kessler sich zeitlich besser organisieren und die Lehre mit den täglichen drei- bis vierstündigen Tanzlektionen im Opernhaus, später an der Ballettberufsschule ­Zürich, vereinbaren. «Beim Ballett waren Körper und Geist gefordert, und durch die Trainings eignete ich mir Disziplin und Ruhe an. Ich konnte mir daher nicht vorstellen aufzuhören», so Felix Kessler. Er machte den Abschluss als Fein­mechaniker, bestand die Aufnahmeprüfung an die Central School of Ballet in London, wofür er ein Stipendium erhielt, und tanzte weiter. Mehrfache Fussverletzungen zwangen ihn jedoch, bereits nach eineinhalbjährigem, erfolgreichem Aufstieg in London, immer wieder zu pausieren. Er begann, die Schülervorstellungen zu beleuchten. Im Publikum sass auch David Hersey, der Star-Lichtgestalter berühmter Musicals wie «Starlight Express» oder «Cats». Er offerierte dem jungen Lichtkünstler Kessler einen Schnupperkurs in der Londoner Lichtdesignschule, wo sich Felix Kessler dann auch zum Lighting Designer ausbilden liess. Ein Besuch bei seiner ehemaligen «Pas-de-deux»-Partnerin in Pretoria (Südafrika) verhalf ihm zu einem weiteren zukunftsweisenden Wendepunkt in seinem Leben. Denn die dortige, neue Staatsoper zog Felix Kessler sofort in ihren Bann. 16 Stunden pro Tag verbrachte er von nun an damit, auf eine der sieben Bühnen eine Lichtwelt zu zaubern. Zwei Jahre später, als 24-Jähriger, beleuchtete er als Chef-Lichtdesigner seine erste Oper.

Dank Riesengiraffen Durchbruch in der Heimat

Unzufrieden mit seiner privaten ­Situation und der lokalen Politik, verliess Felix Kessler nach knapp sieben Jahren Südafrika und kehrte nach Europa zurück, mit erstem Halt an den Salzburger Festspielen. «Während ich an der südafrikanischen Staatsoper, die damals hinsichtlich Technik bereits einen hohen Standard aufwies, für spezielle Effekte wie Schattenwürfe basteln musste, hatte ich an den Festspielen noch moderneres Material zur Verfügung», schwärmt Felix Kessler. Sein nächstes Ziel, zurück zuhause beruflich wieder Fuss zu fassen, wurde gebremst: Seine Diplome waren für die hiesige Bühnenzulassung ungültig. Die Lösung war ein Beleuchtungstechniker-Fernkurs der Hanseatischen Akademie Hamburg, den Felix Kessler sich mit Gelegenheitsjobs bei Openair- und Filmproduktionen finanzierte. Und noch während der vierjährigen Weiterbildung gründete er im Jahr 1992 seine eigne Firma «LIGHT ON», damals mit Sitz in Binz (Maur), heute in direkter Nachbarschaft dieser Zeitungsredaktion. «Die Aussenbeleuchtung der Kirche in meiner Heimat Maur war der Startschuss meines eigenen Geschäfts», lacht Felix Kessler. Der Durchbruch folgte mit dem Umbau des Zürcher Modegeschäfts Grieder: Felix Kessler bespielte die Baublachen mit Grossprojektionen von Tiersujets des Modegeschäfts wie Giraffen im Zebrakleid.

Eigene, komplexe Lösungen konzipiert

Es folgten Projekte unterschiedlichster Art, beispielsweise für die Räumlichkeiten des Zunfthauses zur Waag, für die Fraumünsterkirche, für den Busterminal in Churwalden, für eine türkisch-amerikanische Luxus-Yacht oder für die Seilbahn von Brest. Steht ein neuer Auftrag an, besucht Felix Kessler die Objekte und Räume und visualisiert für sich im Kopf mit geschlossenen Augen, wie das Licht Architektur zu Leben erwecken, Räumen Tiefe schenken und stimmiges Farbspektrum erzeugen könnte. Dann folgen Skizzen, Visualisierungen und Pläne. Seine Ideen bringen die Technik häufig an ihre Grenzen, weshalb Felix Kessler begonnen hat, eigene Lösungen zu konzipieren. Mit Hilfe seines achtköpfigen Teams und seiner früheren Ausbildungsstätte an der Universität Zürich liess und lässt sich vieles auch umsetzen. «Noch vor einigen Jahren hatten Lampen zu wenig Leistung oder waren nicht dimmbar, Spielereien mit LED waren nicht bekannt», erklärt er. So erstaunt nicht, dass er beispielsweise auch als erster in Zürich zu Glasfasern griff, um die Fassade des Hotels Savoy zu beleuchten oder seine Firma mit 3D-Computerzeichnungsprogrammen ausrüstete. Und seit eineinhalb Jahren verpasst er seinen Kunden eine 3D-Brille, damit sie die Ideen von «LIGHT ON» in einer Holografie – einer Darstellung eines detailreichen, dreidimensionalen Lichtmodells – begutachten können.

Was kommt danach? «Die Spielereien mit Licht werden immer verrückter. Schon jetzt gibt es Projekte, Licht in Kleider oder Bettdecken zu integrieren. Licht sollte jedoch zweckmässig bleiben», betont Felix Kessler. Für ihn ist klar, dass es immer neue Lichttechniken geben, und dass die Welt des Lichts nie stehen bleiben wird. «Doch wird diese Lichttechnik nicht irgendwann zu kompliziert und führt zu unnötigen Lösungen?», fragt er sich. Man merkt, ab und zu ist der stetige ­Macher und Perfektionist zu Recht etwas müde. Dann zieht er sich gerne zurück nach Hause in die Küche und geniesst die kreative Ruhe beim Kochen – egal ob es 23 Uhr ist. Doch auch der Sport spielt noch immer eine grosse Rolle in seinem Leben: Mehrmals wöchentlich trainiert er im Fitnesszentrum und gönnt sich mit seiner Partnerin eine Partie Golf, Velotouren oder Tauchausflüge. Dass er für letzteres seine Extremhoch­leistungstauchleuchte selbst entwickelt hat, ist wohl klar. (mpe)

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