30/2018 1.Augustansprache Ingrid Deltenre

«Ein Abseitsstehen und den Alleingang können wir uns nicht leisten»

Die diesjährige 1.-August-Festansprache im Zolliker Wohn- und Pflegezentrum Blumenrain und auf der Allmend hält die ehemalige Direktorin der SRG Ingrid Deltenre. Im Interview erklärt sie, warum wir alle mutig sein müssen.

Ingrid Deltenre, Sie weilen gerade in Italien. Wie oft sind Sie pro Jahr im Ausland unterwegs?

In den letzten acht Jahren, als ich noch für die europäische Rundfunkunion EBU gearbeitet habe und im Namen der europäischen Radio- und Fernsehsender unterwegs war, nutzte ich pro Woche zwei- bis dreimal das Flugzeug. In dieser Zeit habe ich mehr als 60 Länder kennengelernt.

Worauf freuen Sie sich jeweils am meisten, wenn Sie wieder nach Hause zurückkehren?

Wir haben hier in der Schweiz ein hervorragendes Bildungs- und Gesundheitssystem, unsere Verkehrsinfrastruktur ist einzigartig, unsere demokratischen Institutionen sind stark und unabhängig, wir haben saubere Seen und Flüsse und unsere Wirtschaft brummt. Wenn man viel unterwegs ist, realisiert man erst recht, wie gut es uns hier geht. Aber die Voraussetzungen für unseren Wohlstand wurden im letzten Jahrhundert geschaffen und wir haben uns daran gewöhnt. Das sollte uns zur Vorsicht mahnen, weil Erfolg nie selbstverständlich ist und ohne Veränderung und Anpassung auch in Zukunft nicht garantiert ist.

Die Schweiz gilt weltweit als Paradies – Zollikon, wo Sie seit 13 Jahren leben, ganz besonders. Sehen Sie das auch so?

Ja, klar. Ich lebe in meiner Wunschgemeinde, nur ein paar Schritte vom Naherholungsgebiet, vom Opernhaus und von vielen Einkaufsmöglichkeiten entfernt.

Was bedeutet Heimat für Sie?

Heimat ist dort, wo ich mich zu Hause fühle. Es ist eher ein Gefühl, das auch ein Gefühl des Willkommenseins einschliesst. Das hat für mich weniger mit einem Pass oder einer bestimmten Nationalität zu tun.

Vier Wochen lang regierte König Fussball diesen Sommer. Worauf sollten wir unser Augenmerk nun wieder vermehrt richten?

Wir haben gute Voraussetzungen, um unseren Wohlstand zu sichern, aber neue Technologien stellen bereits vieles auf den Kopf und das wird so weitergehen. Viel schneller als viele sich wünschen. Unternehmen sind dabei, sich komplett neu zu erfinden, um in Zukunft erfolgreich zu bleiben. Neue Partnerschaften sind für sie manchmal nötig, selbst eine Zusammenarbeit mit Konkurrenten kann immer weniger ausgeschlossen werden. Auch die Bedeutung unseres Verhältnisses zu Europa wird von vielen unterschätzt. Wir können uns ein Abseitsstehen und den Alleingang nicht leisten, wir brauchen Partner und Allianzen.

In Ihrer 1.-August-Ansprache kommen Sie auf die traditionellen Schweizer Werte wie Unerschrockenheit und Respekt zu sprechen. Worin sollten wir Schweizer heute mutiger sein?

Wir alle sind gefordert. Die Unternehmer, weil mutige Geschäftsentscheide gefällt werden müssen, um in einer globalisierten Welt mit neuen Wettbewerbern erfolgreich zu bleiben. Dazu gehört auch, dass sie sich in politischen Debatten einbringen. Auch das braucht Mut, weil die Reaktionen der Kunden nicht ausbleiben werden. Die Politik ist gefordert. Sie schafft die Rahmenbedingungen, die unseren Erfolg im internationalen Wettbewerb auch in Zukunft sichern. Der wichtigste Partner ist die EU. Wir sollten ein Interesse an einer starken und erfolgreichen EU haben. Für diese politische Arbeit braucht es Weitblick, Rückgrat, aber auch Respekt vor anderen Meinungen. Nur so findet man wirklich eine gute Lösung. Die Medien sind gefordert, weil sie oft mehr zur Polarisierung als zur Lösungsfindung beitragen.

Und wie steht es um die Political Correctness?

Im vergangenen Jahr hat die ETH-Leitung auf Betreiben von einigen anonymen Studenten den Ex-General und Ex-CIA-Chef David Petraeus von einem öffentlichen Vortrag ausgeladen. Dieser Vorfall hat mich wirklich erschreckt. Es ist für mich unverständlich, dass eine der renommiertesten Hochschulen der Welt nicht für die Rede- und Meinungsfreiheit einsteht. Ich habe deshalb dieses Thema ausgesucht, um einige Gedanken zum Thema der Political Correctness und der unreflektierten Toleranz zu machen und werde diese an meiner 1.-August-Ansprache thematisieren.

Was bedeutet Ihnen der 1. August?

Es ist ein Tag, den ich mit vielen Freunden verbringe. Dabei kommen wir eigentlich immer und unweigerlich auf die Zukunft der Schweiz zu sprechen.

Heute geht es ja um sehr globale, multikulturelle Fragen. Wie lässt sich das vereinbaren mit so etwas Lokalem wie der 1.-August-Feier auf der Zolliker Allmend?

Die Offenheit der Schweiz, die Multikulturalität, aber auch das hervorragende Bildungssystem sind die wesentlichen Voraussetzungen für unseren heutigen Wohlstand. Es ist gut, wenn man sich am 1. August dessen wieder einmal bewusst wird.

Was wünschen Sie dem Geburtstagskind Schweiz, das dieses Jahr seinen 727. Geburtstag feiert?

Dass sie möglichst vielen eine gute Heimat bleiben wird.

Sie haben holländische Wurzeln. Wie wird der Nationalfeiertag in Holland gefeiert, welches sind die Unterschiede zu unserem Nationalfeiertag?

Holland ist bekanntlich eine Monarchie. Der Geburtstag des Königs ist der nationale Festtag, an dem in ganz Holland gefestet und gefeiert wird. Es ist ursprünglich ein Fest zu Ehren des Königs und nicht zu Ehren eines Landes.

Interview: Melanie Marday-Wettstein

1.-August-Feier in Zollikon: Ab 16 Uhr im WPZ Blumenrain (Festansprache um 16.30 Uhr), ab 18 Uhr auf der Allmend (Festansprache um 20.45 Uhr)
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