«Preisgeld muss in den kreativen Kreislauf»

Matthias Ziegler, 1955 geboren, gehört zu den vielseitigsten und innovativsten Flötisten seiner Generation. Die Nachricht, dass er den Zolliker Kunstpreis erhält, kam für ihn aus heiterem Himmel; sie berührt und freut ihn. Im Gespräch erzählt er von seiner kreativen Arbeit, seinem emotionalen Bezug zu unseren Gemeinden und er verrät, was er mit dem Preisgeld vorhat.

Sie geben Konzerte auf der ganzen Welt. Sie haben eine Professur für Querflöte und Improvisation an der Zürcher Hochschule der Künste, zahlreiche CD-Aufnahmen dokumentieren Ihre musikalische Arbeit. Sie bekommen viel Aufmerksamkeit. Warum berührt Sie die Verleihung des Zolliker Kunstpreises so sehr?

Zollikon ist Teil meiner Heimat. Ich habe hier seit 50 Jahren Jugendfreunde. Heimat heisst für mich auch die Landschaft, die Wälder und Wege zwischen Zollikon, Zumikon und Erlenbach, wo ich aufgewachsen bin. So hängen an diesem Preis auch Emotionen. Und dass mein breit gefächertes Tätigkeitsfeld hier so anerkannt wird, berührt mich eben sehr.

Ihr Tätigkeitsfeld ist weit gespannt. Sie bewegen sich im Jazz wie in der klassischen Musik. Sie spielen vier verschiedene Flöten, die Matusi-Flöte* haben Sie selbst entwickelt. Sie erarbeiten neue Konzertformen fürs Internet und beauftragen junge, talentierte Künstler mit massgeschneiderten Kompositionen für Flötenkonzerte. Was treibt Sie an?

Ich hatte schon immer eine grundlegende Neugier in mir und viele Interessen. Es reizt mich, musikalisch an Orte zu gelangen, wo ich noch nie zuvor war. Das war auch der Antrieb für meine künstlerische Tätigkeit über all die Jahre. So habe ich zum Beispiel neben Flöte auch Architektur studiert. Irgendwann konzentrierte ich mich zwar ganz auf die Flöte, doch tauchen in meiner Arbeit immer wieder Aspekte der Architektur und des Raumes auf. Das Verstehen des telematischen Raumes bei Internetkonzerten zum Beispiel ist grundlegend für die ­musikalische Kommunikation in diesem Medium.

Woher nehmen Sie die Energie?

Energie schöpfe ich oft aus der Arbeit selbst. Meine Arbeit, auch die mit meinen Studenten, ist sehr bereichernd. Ich bin manchmal eher vor Beginn der Arbeit müde als danach. Das Bedürfnis nach Erholung, im Sinne von etwas ganz Anderes tun, habe ich nicht. Ich fahre zwar auch in die Ferien, aber nicht in erster Linie um zu reisen. Vielmehr versuche ich, in anderen Umgebungen Ideen zu entwickeln oder eine Thematik zu vertiefen.

Sie begannen mit fünf Jahren Blockflöte zu spielen. Die Blockflöte ist bei kleineren Kindern ein beliebtes Instrument. Warum ist das so?

Die Blockflöte ist relativ einfach zu spielen, einfacher als Klavier, Geige oder Schlagzeug. Es ist wertvoll, wenn Kinder auf einem Instrument Erfahrungen sammeln können und auch Erfolge sehen. In der 4. Klasse habe ich die Blockflöte mit der Querflöte getauscht. Klavier, Gitarre und Schlagzeug kamen später dazu. In einem bestimmten Alter kommt das Schlagzeug besser an als die Flöte. Aber irgendwie hat es sich ergeben, dass ich bei der Flöte geblieben bin. Und das war gut so.

Der Kunstpreis Zollikon ist mit 10’000 Franken dotiert. Haben Sie schon eine Idee, was sie mit dem Geld machen?

Ein Preisgeld muss wieder in den kreativen Kreislauf von Kunstprojekten fliessen. Ein Teil geht in einen Kompositionsauftrag, den ich an Philipp Classen, einen sehr begabten jungen Studenten vergebe. Er wird für mich eine Komposition für Flöte, Schlagzeug und Streichorchester schreiben. Weiter habe ich eine spannende Zusammenarbeit mit ­einem DJ und Musikproduzenten, der meine Flötenklänge in einen ganz neuen musikalischen Kontext stellt. Das sind schöne Perspektiven.

* Die Matusi-Flöte hat ein Zusatzloch und ist mit einer Membran überspannt, die mit einem Dämpfer zum Schweigen gebracht werden kann, was chinesisch angehauchte Klangeffekte ergibt.

Die Gemeinde Zollikon verleiht jährlich aus der Dr.-K.-&-H.-Hintermeister-Gyger-Stiftung den Zolliker Kunstpreis. Der mit 10’000 Franken dotierte Hauptpreis geht dieses Jahr an den ­Flötisten Matthias Ziegler. Die Verleihung, die am 7. Juni stattgefunden hätte, wird zum symbolischen Akt: Ein filmisches Kurzporträt des Gewinners wird ab 7. Juli auf den ­sozialen Kanälen und der Internetseite der Gemeinde Zollikon abrufbar sein.

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