«Der Kleine hängt eher als der Grosse»

Kürzlich hat «filmo», eine Vereinigung, die sich für die Digitalisierung des Schweizer Filmerbes einsetzt, die fünfte Staffel mit zehn neu digital überarbeiteten Klassikern des Schweizer Dokumentarfilms lanciert, die per sofort in HD-Qualität in jede Schweizer Stube gestreamt werden können. Darunter auch der provokative Politfilm «Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.».

Fast genau 30 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg haben der Historiker Niklaus Meienberg und der Filmemacher Richard Dindo 1976 das Schweizer Establishment mit dem Film «Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.» herausgefordert. Die Neue Zürcher Zeitung sah sich genötigt, auf diese Provokation mit insgesamt drei Beiträgen zu replizieren. Zugespitzt lautete Meienbergs These: In der Schweiz habe man während des Zweiten Weltkrieges die kleinen Landesverräter verurteilt und erschossen, die grossen hingegen laufengelassen. Auf diese Weise habe die Schweizer Militärgerichtsbarkeit ein Stück weit Klassenjustiz betrieben. Festgemacht wurde diese These am Fall des 23-jährigen St. Gallers Ernst S. (S. für Schrämli), der im November 1942 als erster sogenannter Landesverräter erschossen worden war. Der aus ärmlichen und halb verwaisten Verhältnissen stammende labile junge Mann war auf der ­Suche nach Arbeit im Deutschen Reich in die Fänge des deutschen Konsulats in St. Gallen geraten und hatte sich im Bestreben nach Anerkennung zu relativ geringfügigen Vergehen verführen lassen. Als das Dritte Reich auf dem Höhepunkt seiner Macht stand, flog Ernst S. auf. Er wurde verhaftet und vor ein Kriegsgericht gestellt, das ihn zum Tod verurteilte.

Ein Stück Zeitgeschichte

Der trotz aller Polemik eindrückliche Film ist inzwischen selbst ein Stück Zeitgeschichte geworden aufgrund der Kontroverse, die er damals verursachte, und indem er die Recherchen von Niklaus Meienberg im St. Gallen der 1970er-Jahre und die damaligen Verhältnisse festhält. Zudem kommt ihm das Verdienst zu, mit der Methode der «Oral ­History» die damals noch lebenden Zeitzeugen befragt und ihre Aussagen für spätere Generation erhalten zu haben. Als Geschichtsstudent während der 1980er-Jahre hat der Verfasser dieser Zeilen in Meien­berg vor allem den Provokateur gesehen. Heute würde er sagen, dass dieser auch auf viele blinde Flecken hingewiesen hat. Dass das Enfant terrible der Schweizer Historiker den Fall Ernst S. als Aufhänger herausgepickt hat, unterstreicht, dass er mit dem richtigen Instinkt unterwegs gewesen ist: Es war einer der schwächsten Fälle aller 17 ausgeführten Todesurteile. Höhepunkt des Films ist zweifellos das Interview mit Edgar Bonjour, dem damaligen Doyen der Schweizer Historikerzunft. Auf Meienbergs Frage, ob bekannte mit dem Dritten Reich kollaborierende Persönlichkeiten der Schweiz nicht ebenso geschadet hätten wie Ernst S., meinte Bonjour: «Der Kleine hängt eben eher als der Grosse.» Zudem liessen sich die vorgekommenen Formen der Anbiederung und Kollaboration nicht auf die juristische Formel des Landesverrats bringen. Auf die Nachfrage des Interviewers, wie sich dies denn sonst fassen lasse: «Jetzt bringen Sie mich aber in Verlegenheit. Stellen Sie das jetzt bitte ab.» (Gemeint sind Kamera und Tonband.)Der Zürcher Strafrechtsprofessor Peter Noll, ein eigenständiger und unabhängiger Denker, fing Niklaus Meienbergs Ball auf und publizierte 1980 eine eigene Untersuchung, in der er alle Fälle nochmals aufrollte und aus der Sicht der Nachkriegsgeneration beurteilte. Zum Fall Ernst S. schrieb der Strafrechtler: «Die Lektüre des Urteils des Divisionsgerichts hinterlässt ein ungutes Gefühl.» Unter anderem lag bereits während des Prozesses ein psychiatrisches Gutachten vor, das Ernst S. teilweise verminderte Zurechnungsfähigkeit bescheinigte. Peter Noll hielt abschliessend fest, dass die Begründung nach Gesetz und Praxis rechtlich vertretbar sei und die verhängte Strafe sich im Rahmen des Ermessens halte.

Unser Filmkritiker Daniel Frey meint: 4 von 5 Sternen

Trailer zum Film

«Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.» (1976), Dokumentarfilm, 1 Stunde 39 Minuten, in HD-Qualität bei: Teleclub, Cinefile, sky, Apple TV, upc.

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