«Meine Arbeit erfüllt mich zutiefst»

Seit rund hundert Tagen ist Dr. Regine Strittmatter Direktorin der Stiftung Diakoniewerk Neumünster – Schweizerische Pflegerinnenschule im Zollikerberg. Im Gespräch erzählt sie von ihrem herausfordernden Start während der Pandemie, der Werthaltung ihres neuen Arbeitgebers und wie ihr Berufsalltag vom Austausch mit Patienten, Bewohnenden und Fachpersonen profitiert.

Dr. Regine Strittmatter ist Direktorin der Stiftung Diakoniewerk Neumünster. (Bild: zvg)
Dr. Regine Strittmatter ist Direktorin der Stiftung Diakoniewerk Neumünster. (Bild: zvg)

Frau Strittmatter, Sie sind seit Anfang April im Amt als Direktorin der Stiftung Diakoniewerk Neumünster. Wie geht es Ihnen nach der ersten Eingewöhnungsphase?

Ich bin enorm glücklich, diese Entscheidung getroffen zu haben, und natürlich auch darüber, dass der Stiftungsrat sich bei der Wahl für die Nachfolge von Dr. Werner Widmer für mich ausgesprochen hat. Mein neuer Arbeitsort hier im Zollikerberg ist schon aufgrund seiner Lage wunderschön. Dieses Empfinden wird für mich mit jedem weiteren Tag im Amt sinnbildlicher für vieles andere hier.

Wie meinen Sie das?

Schon durch meine früheren Tätigkeiten hatte ich einige Male mit dem Diakoniewerk zu tun und fand immer, dass dieser Ort eine spezielle Ausstrahlungskraft hat. Als Direktorin merke ich nun, wie stark dieser Eindruck mit den Menschen – von den Mitarbeitenden und dem Führungsteam über den Leitenden Ausschuss bis zur Stiftungsratspräsidentin – zu tun hat. Von Beginn weg bin ich mit grosser Offenheit, Freundlichkeit und einem Gefühl des Vertrauens empfangen worden.

Das macht einem den Einstieg in eine neue Stelle in Zeiten der Pandemie bestimmt einfacher.

In der Tat. Der Lockdown hat meinen Einstieg natürlich stark mitgeprägt. Umso mehr beeindruckt mich, wie professionell das Führungsteam und die Mitarbeitenden das Krisenmanagement umgesetzt haben. Vor allem wenn man bedenkt, wie ungewiss die Situation Ende März für das gesamte Gesundheitswesen war. Hier herrschte Besonnenheit. Die nötigen Massnahmen – ob im Spital, den Langzeiteinrichtungen oder in der Gastronomie – wurden ruhig, effizient und zielgerichtet umgesetzt.

Wie haben Sie die Situation persönlich erlebt?

Das Kennenlernen der verschiedenen Gremien und Projektgruppen über Video- und Telefonkonferenzen war natürlich aussergewöhnlich. Man merkt umso mehr, wie wichtig persönlicher Austausch und nonverbale Kommunikation ist.

Wie sieht Ihre Arbeitswoche inzwischen aus?

Hauptsächlich bin ich noch immer damit beschäftigt, die verschiedenen Betriebe, Menschen und Abläufe kennenzulernen sowie die zentralen Themen und strategischen Herausforderungen heraus-
zuarbeiten.

Sie waren bereits für diverse Institutionen wie Careum Weiterbildung, die Stiftung SAWIA oder die Rheumaliga Schweiz leitend tätig. Was ist in Ihrem jetzigen Amt anders?

Ein grosser Unterschied ist, dass das Diakoniewerk aus unterschiedlichen Betrieben besteht. Dazu gehören das Spital Zollikerberg, die Residenz Neumünster Park, das Alterszentrum Hottingen, das Institut Neumünster, Gastronomie & Räume Zollikerberg und unsere Diakonissen-Schwesternschaft Neumünster. Zentrale Fragen sind hier also: Was verbindet uns? Welche Themen können wir gemeinsam vorantreiben? Und wo gehen die einzelnen Betriebe ihrem Auftrag entsprechend eigene Wege?

Wie lassen sich die einzelnen Betriebe verbinden?

Vor allem durch die gemeinsame Kultur und unseren Anspruch an die Qualität unserer Arbeit. Die grundlegende Frage, wie wir unseren Patienten, Bewohnenden, Mieterinnen, Kunden und Mitar­beitenden begegnen wollen, muss überall spürbar sein und gelebt werden. Unser zentraler Leitsatz «Ich fühle mich wohl und in guten Händen» soll tägliche Realität sein, egal ob in der Langzeitpflege oder im Akutspital.

Die von Ihnen angesprochenen Werte basieren auf der 160-jährigen Tradition des Diakoniewerks Neumünster und der über 100-jährigen Tradition der Schweizerischen Pflegerinnenschule, die 1998 fusioniert haben.

Genau. Die in der Tradition verankerte christliche Grundhaltung ­leben wir auch heute. Einfach gesagt: Es ist unser Anspruch, mit unserer Arbeit einen Beitrag an eine humane, solidarische Gesellschaft zu leisten. Die Menschen, die sich uns anvertrauen, haben Anspruch auf hochqualifizierte fachliche Arbeit und auf unsere Zuwendung und Wertschätzung.

Gilt das auch im Umgang mit den Mitarbeitenden?

Natürlich. Unsere 1400 Mitarbeitenden haben Anspruch auf eine gute Organisationskultur und sind gefordert, diese mitzuprägen. In den vergangenen Jahren wurde viel in diese Richtung gewirkt.

Inwiefern?

Das gemeinsame Erarbeiten und immer wieder das Festigen unserer Grundwerte wurden nicht bloss von oben verordnet, sondern durch eindrückliche Organisationskultur-Projekte gelebt. Das ist für mich bereits nach vergleichsweise kurzem Mitwirken spürbar. Es geht um die kontinuierliche Auseinandersetzung mit der Frage: «Was macht uns aus, wie wollen wir zusammenarbeiten, wie gehen wir mit Konflikten um?» Das verlangt für alle Beteiligten ein hohes Mass an Selbstreflexion und Kritikfähigkeit.

Als Dozentin haben Sie auch Lehraufträge, etwa an der ZHAW oder der Uni Basel. Wie bereichert Sie diese Tätigkeit?

Als ausgebildete Psychologin nehme ich meine Lehraufträge leidenschaftlich gerne wahr. Hier kann ich meine zwei Herzensthemen – das Führen von Organisationen ­sowie die ganzheitliche Sicht auf Gesundheit und Krankheit – an die Fachkräfte von morgen weitergeben. Der Kontakt mit jungen Menschen ist für mich auch deshalb wertvoll, weil ich sehe, was die nächste Generation im Studium oder ihrem Berufsalltag beschäftigt.

Beeinflusst das wiederum Ihre tägliche Arbeit?

Ganz klar. Auch mit Patienten oder Bewohnerinnen selber in Kontakt zu stehen, ihre Sicht zu hören und so nach wie vor nahe am Menschen und seinem Wohlergehen sein zu können, hilft enorm. Denn so frage ich mich fortlaufend: Machen wir das, was wir machen, auch wirklich im Sinne derer, die auf unsere Dienstleistung angewiesen sind?

Die gesamtheitliche Sicht auf den Menschen scheint Ihnen wichtig zu sein.

Absolut, das hat mich immer begleitet und angetrieben. Ich sehe nicht den Herzinfarkt auf Zimmer 23, sondern immer den Menschen dahinter.

Wussten Sie also schon immer, wo Sie Ihr beruflicher Weg hinführt?

Ja. Schon in der Schule war mir klar, dass ich später im Gesundheits­wesen arbeiten will. Bis heute musste ich mir noch nie die Frage stellen, ob es sinnvoll ist, was ich tue. ­Meine Arbeit erfüllt mich zutiefst. Das empfinde ich als enorm wertvolles Geschenk.

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