«Wenn wir trauern, sind wir alle gleich»

Mit dem Tod kommt sie bei ihrer Arbeit als Friedhofsgärtnerin täglich in Berührung. Mit Trauer kennt sie sich aus. Und dennoch empfindet Claudia Denzler den Friedhof Zollikon eher als lebendigen denn als traurigen Ort.

Die Töpfchen für die Gefühle Wut, Trauer, Angst, Liebe und Glück, die Claudia Denzler in ihrer Jugendarbeit verwendet, hat sie auch als Friedhofsgärtnerin stets zur Hand. (Bild: vk)

Seit zehn Jahren arbeitet Claudia Denzler als Landschaftsgärtnerin auf den Friedhof Zollikon. Hier kümmert sie sich einerseits um die Pflege der Natur, um den Lebensraum der Bäume, Sträucher und Blumen. Andererseits ist für sie auch das Abschiednehmen, Sterben und Trauern ­Arbeitsalltag. Wer sich mit ihr austauscht, merkt sofort: Diese Frau ist geerdet, spricht offen und ehrlich darüber, wie sie das Leben und den Tod sieht. «Über den Tod reden wir nur selten, doch er ist so selbstverständlich wie die Geburt», sagt sie. Als Teil ihrer Arbeit führt sie regelmässig Beisetzungen durch, spricht mit Angehörigen, nimmt die Besucherinnen und Besucher in Empfang. Viele kennt sie mit Namen. Sie erlebt täglich, wie Menschen mit Verlust und der damit verbundenen Trauer umgehen, nimmt Anteil daran. Das könne hart sein, sagt sie, mache ihren Beruf aber auch aus. «Es gibt für mich nichts Schöneres, als zu spüren, was uns Menschen in solchen Momenten verbindet.» Deshalb sei der Friedhof für sie kein trauriger Ort, sondern einer, an dem offene Gespräche entstehen, Erinnerungen geteilt werden, die Menschen einfach wieder Menschen seien. «Wenn wir trauern, sind wir alle gleich», beschreibt sie ihre tägliche Erfahrung.

Offener Umgang mit Gefühlen

Dass sich Claudia Denzler mit Verlust und Trauer auskennt, hat nicht nur mit ihrem Beruf auf dem Friedhof zu tun. Auch ihre eigene Vergangenheit hat sie gelehrt, damit umzugehen – und zwar auf die harte Tour. Während über zehn ihrer jungen Jahre bewegte sie sich in der Drogenszene, musste viermal nach einer Überdosis wieder ins Leben zurückgeholt werden. Während dieser Zeit verlor sie zweimal ihren Lebenspartner. «Heute bin ich einfach froh, dass ich lebe», sagt sie. «Und ich kann sagen, dass ich die Menschen wirklich verstehe, die mit Verlust umgehen müssen.» Seit 20 Jahren ist sie clean, sie steht mit beiden Beinen im ­Leben und kann ihre persönliche Lebenserfahrung sowohl bei ihrer Arbeit im Friedhof als auch bei der Präventionsarbeit mit Jugendlichen weitergeben. «Aufgrund meiner eigenen Vergangenheit verstehe ich, wie die Jugend tickt. Oder wenn sie eben nicht tickt.»

Dabei stellt sie immer wieder fest, dass die meisten Menschen nirgends wirklich lernen, mit Gefühlen wie Wut, Trauer, Angst, Liebe oder Glück umzugehen. «Das Schulfach ‹Wie geht es mir?› gibt es leider nicht», erklärt sie. Dass Sucht oder Ablenkung Mittel sind, um sich den eigenen Gefühlen nicht stellen zu müssen, beobachtet sie daher oft. «Das müssen nicht einmal harte Drogen sein», betont sie. «Sich abzulenken ist in unserer Gesellschaft völlig normal; mit Konsum, Medien, dem Fokus auf Geld. Worum es für uns Menschen wirklich geht, verstehen wir so nicht.» In der Jugendarbeit greift sie deshalb zur Veranschaulichung oft auf fünf Töpfchen zurück, die für die fünf grossen Gefühle stehen, die alle kennen. Sie füllt sie mit Wasser und zeigt, dass stets alle Töpfchen gleichmässig gefüllt sein sollten. Und dann erklärt sie, «wie man ­damit umgehen kann, wenn eines überläuft und uns überfordert.»

Mit sich im Reinen sein

Worum es im Leben geht, wusste Claudia Denzler eigentlich schon als Kind. Ihre Grossmutter sagte ihr damals: «Lebe stets so, dass du niemandem etwas schuldest und jederzeit gehen kannst.» Wirklich verstanden hat sie den Ratschlag aber erst als Erwachsene: Es geht nicht um materielle Schulden. Aus vielen Gesprächen mit Angehörigen von Verstorbenen weiss sie, dass Menschen eher Mühe mit dem Sterben haben, wenn sie ihr Gewissen plagt. «Es ist entscheidend, welche Werte wir leben», erklärt die Gärtnerin. «Am Schluss geht es um nichts anderes, als mit sich und seinen Gefühlen im Reinen zu sein.» Die 50-Jährige glaubt nicht an Himmel und Hölle. Dennoch ist sie überzeugt, dass es nach dem Tod nicht einfach fertig ist. Manchmal, so sagt sie, spüre sie die Seelen der Verstorbenen. «Das ist ein Windchen, ein kleiner Schub Energie, der klar spürbar an einem vorbeirauscht.» Und auch bei Aufbahrungen spüre sie, ob eine Seele den Körper bereits verlassen habe. «Wenn nicht, habe ich schlicht das Gefühl, nicht alleine im Raum zu sein.»

Abenteuer statt Sicherheit

Was es bedeuten kann, mit sich im Reinen zu sein, zeigt eindrücklich Claudia Denzlers Freizeitgestaltung. Bereits zweimal hat die Landschaftsgärtnerin den Atlantik überquert, das letzte Mal vor zwei Jahren. Dafür hat sie zusammen mit einem Freund während zwölf Jahren ein altes Segelschiff umgebaut und wieder auf Vordermann gebracht. «Viele Leute haben damals nicht verstanden, wieso ich meinen sicheren Arbeitsplatz und meine Wohnung für dieses Abenteuer aufgegeben habe», erinnert sie sich. Doch Claudia Denzler war auf der Suche nach Freiheit, für die sie bereit war, ihr ganzes Erspartes aufzuwenden. «Wenn du so leben willst, dass du dir selber treu bleiben kannst, braucht das extrem viel Mut», weiss sie. Sie hat bereits ein neues Projekt, dem sie den Grossteil ihrer Freizeit widmet. An den Abenden und am Wochenende baut sie an ihrem eigenen Wohnwagen. «Mein Ziel ist es, in zwei bis drei Jahren darin wohnen zu können.» Sie brauche nicht mehr als einen Raum, der ihr das Lebensnotwendige zur Verfügung stellt. «Mein Lohn im Leben ist es, für andere Menschen da zu sein und zu wissen, dass ich jeden Tag mein Bestes gegeben habe. Das ist, was mich ausmacht und mir heute meine Zufriedenheit gibt.»

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