Einem komplexen Organ auf der Spur

Seit fünf Jahren arbeitet Andreas Serra, Facharzt für Nierenerkrankungen und Innere Medizin, an der Klinik Hirslanden. Mit seiner Familie in den Zollikerberg zu ziehen, sei eine richtig gute Entscheidung in seinem Leben gewesen, sagt er.

Andreas Serra in seiner Praxis an der Klinik Hirslanden
Andreas Serra in seiner Praxis an der Klinik Hirslanden – der Schriftzug stammt vom ehemaligen Berner Club «Mocambo» und ist ein schönes Andenken an seine Studienzeit. (Bild: Chi)

Wenn ein Kind davon träumt, Ärztin oder Arzt zu werden, denkt es in der Regel nicht an Nephrologie und Dialyse. Auch Andreas Serra hatte als Kind noch nicht geahnt, dass er einmal Facharzt für Nierenerkrankungen und Blutreinigung werden würde. Nachdem er zunächst einem Biologiestudium an der ETH Zürich nachgegangen war, wechselte er an die Medizinische Fakultät der Universität Bern. Gerne erinnert sich der 53-Jährige an jene Zeit zurück. In der beschaulichen Hauptstadt gefiel es ihm so gut, dass er nach dem Studium dortblieb. Am Inselspital Bern lernte er seine heutige Ehefrau kennen. Erst nach 14 Jahren kehrte Andreas Serra wieder in seinen Heimatkanton Zürich zurück. «Ich bin ein halber Berner, doch Berndeutsch spreche ich nicht», sagt Andreas Serra und lacht. Und YB-Fan sei er in dieser Zeit auch nicht geworden.

Der junge Student merkte rasch, dass ihn vor allem jene Bereiche ansprachen, die Kopfarbeit und Pro­blemlösung erforderten – wie eben die Nephrologie. Er geriet an einen Oberarzt, der sein Mentor wurde und ihn in dieses Themenfeld einführte. «Die Niere ist ein sehr komplexes Organ, das viele verschiedene Funktionen ausführt», sagt Andreas Serra. Entsprechend vielseitig sind auch die Störungen, mit denen sich die Nephrologie befasst. Nierenschäden können zum Beispiel durch Diabetes hervorgerufen werden. «Die Niere wird krank, wenn ein anderes Organ beschädigt ist oder etwas mit dem Stoffwechsel nicht stimmt», erläutert der Facharzt, der seit gut fünf Jahren an der Klinik Hirslanden tätig ist. «Neben Diabetes ist ein hoher Blutdruck die häufigste Ursache für Nierenerkrankungen. Daneben gibt es aber auch diverse andere Krankheiten, die jede für sich genommen selten sind.» Dazu zählen etwa Autoimmunerkrankungen oder angeborene Schäden. «Diese Vielschichtigkeit macht die Nephrologie für mich so spannend.»

Dialysen heute viel schonender als früher

«Die Niere ist eines der wenigen ­Organe, auf das der Körper verzichten kann beziehungsweise dessen Funktionen mit entsprechenden Hilfsmitteln auf anderem Wege aufrechterhalten werden können», sagt Andreas Serra. «Wartet jemand vergeblich auf eine Spenderniere, so können die fehlenden Funktionen heutzutage maschinell erzeugt oder mit anderen Mitteln herbeigeführt werden.» Hier ist die Dialyse, also ein Blutreinigungsverfahren, ein wichtiges Stichwort, weil die Niere normalerweise für die Blutreinigung zuständig ist. «Dialysen sind heute viel schonender und besser verträglich als früher», erklärt Andreas Serra. «Mit Unterstützung eines Angehörigen und bei entsprechenden Raumverhältnissen können Dialysen auch zu Hause durchgeführt werden.» Einen Eindruck dessen, was moderne Dialyse genau beinhaltet, wird Andreas Serra in einem Vortrag vermitteln, in dem er die Evolution der Niere von den frühen Meeresbewohnern bis zum Menschen nachzeichnet (siehe Box). Ab November wird er mit seiner Frau Jana Henschkowski-Serra, ebenfalls Nierenspezialistin und Inhaberin der Praxis Riesbach, ein Zentrum für Nephrologie und Dialyse eröffnen.

Der Traum von einer künstlichen Niere, die alle Funktionen der organischen Niere übernimmt, ist für Andreas Serra hingegen Zukunftsmusik. «Man liest zwar immer wieder in Fachzeitschriften von Vorstössen in diese Richtung, doch sind die Nierenfunktionen einfach zu vielfältig, als dass sie in absehbarer Zeit durch ein kleines Gerät ersetzt werden könnten.»

Eine gemeinsame Sprache finden

Rosi Brack/Andreas Serra: «Zystennieren – ADPKD», Ratgeber mit Antworten auf alle Fragen für Betroffene und Angehörige. Hogrefe Verlag, 2020.

Seit Kurzem ist Andreas Serra ausserdem Buchautor: Zusammen mit einer Patientin hat er während zwei Jahren einen Ratgeber geschrieben, der nicht nur die Sicht des Arztes, sondern auch die von Betroffenen und deren Angehörigen abbilden soll. «Die Zusammenarbeit mit Rosi Brack, die an einer sogenannten Zystenniere leidet, war herausfordernd und hat gleichzeitig Spass gemacht», sagt der Arzt. Neben Informationsblöcken besteht das Buch aus praxisbezogenen Dialogen zwischen Arzt und Patientin. Den Anstoss für die Buchidee gaben die vielen Fragen Rosi Bracks, die der Nierenspezialist so verständlich wie möglich zu beantworten versuchte. «Bei der Arbeit an dem Projekt ging es auch darum, eine Sprache zu finden, die wir beide verstehen. Allein hätte ich ein solches Buch nicht realisieren können», ist Andreas Serra überzeugt.

Die Corona-Pandemie hat den Berufsalltag des Wahl-Zollikers nicht so stark beeinflusst wie den vieler seiner Kollegen. «Die Schwierigkeit bestand vor allem darin, den Pa­tienten, die auf regelmässige Kon­trollen angewiesen sind, die Angst vor einer Ansteckung im Spital zu nehmen», erinnert sich Andreas Serra. Das sei ganz gut gelungen: Die Maskenpflicht, die Ein-Personen-Regel im Wartezimmer sowie die Omnipräsenz von Desinfek­tionsmitteln habe den Patienten die nötige Sicherheit vermittelt. «Tatsächlich hatten wir auch keine einzige Ansteckung zu verzeichnen», hält Andreas Serra befriedigt fest.

«Ansonsten bin ich ein Langweiler»

Seit rund fünf Jahren wohnt Andreas Serra mit seiner Familie im Zollikerberg. Die beiden Kinder sind hier in den Kindergarten gegangen und gehen inzwischen zur Schule. «Ich fühle mich schon wie ein Zollikerbergler», sagt der gebürtige Knonauer. «Wir haben super Nachbarn und tolle Lehrpersonen an der Schule.» Es sei eine jener richtig guten Entscheidungen in seinem Leben gewesen, nach Zollikon zu kommen. «Ich möchte nicht mehr weggehen. Ich liebe den Wald und fahre jeden Tag mit dem Velo zur Arbeit und wieder zurück», schwärmt er. Auch die Nähe zum See begeistert ihn: «Wir haben in diesem Jahr auf die Sommerferien verzichtet und waren dementsprechend oft in der Badi.» Die Kinder würden sich bereits als «Seechind» bezeichnen. «Ansonsten bin ich ein Langweiler», sagt Andreas Serra lachend. «Ich gehe arbeiten und bin ansonsten zu Hause. Aber mehr brauche ich eigentlich gar nicht».

Publikumsvortrag

Vom Quastenflosser über den Hai zur modernden Dialyse. Referent: Prof. Dr. med. Andreas Serra. Mittwoch, 30. September, 18.30 bis 20 Uhr, Klinik Hirslanden. Anmeldung erforderlich: Tel. 0848 333 999. Die Teilnahme ist kostenlos.

Anzeige