«Wir fühlen uns in Zollikon zu Hause»

Die siebenköpfige israelisch-­palästinensische Familie Elabed lebt seit zwanzig Jahren in Zollikon. Dass sie sich hier von Beginn weg heimisch fühlen konnte, war auch der Hilfsbereitschaft der Gemeinde zu verdanken.

Die Familie Elabed v.l.n.r: Musa, Vater Yaser, Abdu-­Allah, Saleh, Abdur-­Rahman, Mutter Fatima, Ibrahim.

«Um die Geschichte unserer Familie zu verstehen, muss man bei mir beginnen», erklärt Vater Yaser Elabed mit ­einem Lächeln. Er ist es, der 1986 den Entschluss fasst, in die Schweiz zu kommen, um hier ein neues Leben anzufangen. Nach seiner Ankunft lernt er bald seine erste Frau kennen, eine Zollikerin, und gründet hier am Zürichsee seine erste Familie. Aus der ersten Ehe stammen zwei seiner heute sieben Kinder. Zu Beginn schlägt sich Yaser Elabed als temporärer Hilfsarbeiter durch, ehe er über ein Zeitungs­inserat, das er selber schaltet, eine Stelle als Elektrotechniker in Zollikon findet. Daneben engagiert er sich freiwillig bei der hiesigen Feuerwehr und versucht so, sich direkt in die lokale Gemeinschaft zu integrieren.

Irgendwann erzählt ihm ein Bekannter, wie attraktiv eine Anstellung als Busfahrer bei der VBZ sei, worauf sich auch Yaser Elabed dort bewirbt, den obligatorischen Schweizerdeutsch-­Test besteht und fortan als Busfahrer tätig ist. Heute werden die meisten Anwohner sein Gesicht kennen, denn der 59-­Jährige fährt seit über zwanzig Jahren die Bus­linie 910 in der Gemeinde. «Ich kenne Zollikon inzwischen wirklich sehr gut», sagt der Familienvater und lacht. Doch der Reihe nach: Nach seiner ersten Ehe lebt er während rund zehn Jahren geschieden, bevor er sich entschliesst, doch noch einmal zu heiraten. Er reist zurück in seine Heimat und macht dort seiner künftigen Frau einen Antrag. «Und ich habe angenommen», ergänzt Fatima Elabed lachend den Bericht ihres Mannes.

Vom Beduinendorf ins ferne Europa

Damals lebt die junge Frau in ­einem Beduinendorf im Süden Israels, nahe der Grossstadt Be’er Sheva. Der grosse Teil ihrer Familie fühlt sich als Israeli, auch die junge Fatima besitzt den israelischen Pass. Doch sie fühlt sich schon immer mehr den Palästinensern zugehörig. Irgendwann wird die Familie umgesiedelt, muss vom Dorf in die Stadt ziehen, was ihr zusetzt. «Das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, ist sehr schön und ruhig. Ich hätte mir nie vorstellen können, es jemals zu verlassen», erinnert sie sich zurück. «Für mich ist es deshalb aus heutiger Sicht klar, dass es mein Schicksal war, hierher zu kommen.» Hier in der Schweiz, wo Yaser bereits eine Existenz aufgebaut hat, sollte ihre gemeinsame Zukunft also weitergehen.

Anfangs sei es nicht leicht gewesen, sich an die neue Kultur und an die Sprache zu gewöhnen, erinnert sich Fatima Elabed. Als sie mit dem ersten Kind schwanger ist, braucht sie noch immer ihren Ehemann als Übersetzer. «Das hat mich gestört, also wollte ich die Sprache so schnell wie möglich beherrschen», sagt die heute fünffache Mutter. Sie fasst den Entschluss, die hiesige Sprache spätestens dann gut genug zu sprechen, wenn ihr erster Sohn in den Kindergarten kommt. Auch will sie sich engagieren und sucht Arbeit.

Damals habe es allerdings noch mehr Schwierigkeiten gegeben, eine Stelle zu finden, erinnert sie sich. «Vor allem mein Kopftuch war immer wieder der Hauptgrund für die Absagen.» Um sich noch besser zu integrieren, nimmt sie an lokalen Anlässen teil. Die Gemeinde fördert ihre Integration, indem sie ihr einen einmonatigen Intensivsprachkurs finanziert. «Das hat mir den Einstieg enorm erleichtert», zeigt sie sich heute noch dankbar. Trotz aller Bemühungen kommt die Familie an einen Punkt, an dem sie sich überlegt, nach Israel zurückzukehren. Für die Mutter ist das Leben und die Betreuung der Kinder in einem fremden Land hart, Zweifel befallen sie, ob sie das alles überhaupt schafft. «Doch dann fanden wir eine Wohnung im Zollikerberg», schildert Mutter Fatima. «Und haben uns endgültig entschieden, zu bleiben.»

Starker emotionaler Familienzusammenhalt

Inzwischen lebt Fatima Elabed seit rund 18 Jahren hier, hat eine Ausbildung als Spielgruppenleiterin ­absolviert und arbeitet als Pflegehelferin SRK sowie als Kulturdolmetscherin für Arabisch-­Deutsch. Beide Eltern besitzen längst den Schweizer Pass. «Und all unsere fünf Jungs sind im Spital Zollikerberg geboren», ergänzt die Mutter vergnügt. Die Söhne sind mittlerweile im Alter zwischen sieben und 17 Jahren. Abdur-­Rahman, der älteste, ist im dritten Jahr seiner Lehre zum Detailhandelsfachmann, der zweitjüngste, Abdu-­Allah, hat gerade das erste Jahr der Handelsmittelschule an der Kantonsschule Hottingen ­begonnen. Saleh, der mittlere Sohn, befindet sich im ersten Jahr der Sekundarschule in Zollikon und die beiden jüngsten Brüder, Ibrahim (12) und Musa (7) gehen hier in die Primarschule.

Doch wie funktioniert das alltägliche Familienleben zu Hause mit fünf Söhnen? «Eigentlich verbringen wir gar nicht so viel Zeit zu siebt», stellt Vater Yaser fest. «Durch die Arbeit, die Schule und all die Hobbies, die meine Söhne machen wollen, sitzen wir oft nur beim Essen alle beisammen.» Das helfe, vielen Streitereien aus dem Weg zu gehen. «Es gibt natürlich Zankereien zwischendurch, aber normalerweise halten wir zusammen und helfen einander», erklärt die Mutter und die ganze Runde bejaht. Die Kinder hätten früh gelernt, füreinander da zu sein, sich gegenseitig zu unterstützen und gemeinsam an einem Strick zu ziehen. «Das hat auch mit unserer Religion zu tun», erklärt die Mutter.

Beide Eltern sind strenggläubige Muslime und erziehen ihre Kinder nach islamischen Werten. Zu Hause werde deshalb neben Deutsch auch Arabisch gesprochen. Und das Gebet dürfe niemals ausgelassen werden. Für die Kinder sei es manchmal schwierig, fünfmal täglich ihr Gebet zu vollziehen. Doch ihr Umfeld und ihr Freundeskreis würden das ­Ritual ohne Probleme respektieren. Der Älteste, Abdur-­Rahman, erzählt, er sei in der Schule oft der einzige Dunkelhäutige gewesen. Trotzdem habe er nie Diskriminierung oder Fremdenhass erlebt. «Im Religionsunterricht hat uns die Lehrerin sogar jeweils um Rat gefragt, da wir die einzige muslimische Familie ­waren, die ihren Glauben so strikt praktiziert», erinnert er sich.

Die Familie kann nicht oft genug betonen, wie wohl und heimisch sie sich hier fühlt. Mutter Fatima erwähnt immer wieder, wie hilfsbereit die Gemeinde bei ihrer Ankunft gewesen sei und wie man ihr in Zollikon von Anfang an das Gefühl gegeben habe, akzeptiert zu sein. Inzwischen ist die Familie auch über die Kinder fest in der Gemeinde verankert. «Man kennt uns hier und begrüsst uns. Das gibt uns das Gefühl, dazuzugehören», freut sich Vater Yaser. Und antwortet auf die Frage, was für die Familie ­Elabed im Leben das Wichtigste sei, ganz selbstverständlich: «Gesundheit, Friede und Freude.»

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