«Der Chramschopf tut den Leuten gut»

Dieses Jahr feiert der Chramschopf sein 50-jähriges Bestehen. Eine, die als Gründungsmitglied von Anfang an dabei war, wirkt heute als älteste Mitarbeiterin des Vereins in der Abteilung Boutique mit: die 92-jährige Dorli von Arx.

Dorli von Arx
Auch wenn sie von schwierigen Zeit in ihrem Leben spricht, wirkt Dorli von Arx aufgestellt und zufrieden. (Bild: vk)

«Ich hatte halt Glück bis jetzt», sagt Dorli von Arx mit einem Lächeln. Mit ihren 92 Jahren ist die Zollikerberglerin noch immer aktiv unterwegs, engagiert sich bei den Senioren der reformierten Kirchgemeinde und ist regelmässig im Chramschopf, dem Brockenhaus im Zollikerberg, anzutreffen. Etwa einmal im Monat verkauft sie dort in der Abteilung Boutique moderne und antike Schmuckwaren. Noch immer so wie schon vor 50 Jahren. Denn ohne die damalige Initiative von Dorli von Arx und ihrem Mann hätte es den Chramschopf wohl nie gegeben.

Hier fand sie endgültig ihre Heimat. «Damals herrschte hier ein richtiger Bauboom», erinnert sie sich. Immer mehr Menschen zogen in den Zollikerberg und im Jahr 1960 wurde die reformierte Kirche eingeweiht. «Damit wir keine Schlafgemeinde werden», hatte die Kirchgemeinde unter dem damaligen Pfarrer Jakob Schildknecht dann eben jene Idee einer Dorfgemeinschaft. Der Chramschopf war aber noch nicht ganz geboren.

Anfänge in einer Scheune

Um der wachsenden Bevölkerung etwas zu bieten, wurde erstmals ein Bergfest organisiert, das bei den Anwohnern auf grossen Anklang stiess und zum Erstaunen der Organisatoren sogleich über 100 000 Franken in die Kassen spülte. «Das war eine richtige Aufbruchstimmung wie man sie sich heutzutage kaum vorstellen kann», erinnert sich Dorli von Arx. Also wurden weitere Feste organisiert und dabei festgestellt, dass der dazugehörige Flohmarkt äusserst beliebt war. «Mein Mann dachte sich, dass wir den Flohmarkt unbedingt beibehalten müssen», erklärt sie.

Also begannen die beiden damit, Stück für Stück ein kleines Inventar aufzubauen. «Ganz am Anfang fuhren wir am Samstag gar einmal mit dem Lastwagen durch das ­ganze Dorf und haben alles eingesammelt, was die Leute hergeben ­wollten», erzählt die umtriebige ­Seniorin. Vor allem Kleider, Haushaltsartikel, Bücher und Schmucksachen kamen so zusammen. Als Lager für die eingesammelte Ware stellte ihnen damals die Familie Brunner eine nicht genutzte Scheune ihres Bauernhofs zur Verfügung, «wofür wir sehr dankbar waren.» Im Jahr 1970 wurde dann der Verein Chramschopf gegründet. Der Platz in der Scheune reichte jedoch bald nicht mehr aus, worauf man sich bei der Gemeinde nach Möglichkeiten für einen neuen Standort erkundigte. Diese stellte dem Verein das Land zur Verfügung, auf dem der Chramschopf heute steht. «Unser ganzes Vereinsgeld haben wir für den neuen Bau ausgegeben», erzählt sie amüsiert.

Der Zusammenhalt macht’s aus

Von Beginn weg seien es drei Hauptziele gewesen, die mit dem Chramschopf erreicht werden sollen: den Zusammenhalt der Menschen im Dorf zu stärken, die Wiederverwertung gebrauchter Dinge sowie die Unterstützung sozialer Projekte mit den eingenommenen Geldern. «Damit helfen wir beispielsweise einem Kinderheim in Burkina Faso oder bauen Schulen in Albanien wieder auf, wo teilweise heute noch prekäre Verhältnisse herrschen», erklärt die Seniorin. Und auch für lokale Projekte macht der Verein jährlich Vergabungen von bis zu 150 000 Franken. Denn der Verein lief über all die Jahre so gut, dass die Kassen nach wie vor gefüllt sind. «Wir sind praktisch der einzige Verein, der Geld hat», sagt Dorli von Arx und lacht.

Die Mitarbeiter des Chramschopf profitieren davon nicht. Bis auf eine Teilzeitstelle im Sekretariat werden alle Leistungen ehrenamtlich erbracht. «Manchmal denken wir uns schon, dass wir alle Spinner sind. Doch die braucht es doch auch, nicht wahr?» fügt sie an. Es sei der Zusammenhalt all dieser engagierten Menschen, der die freiwillige Tätigkeit im Verein immer wieder aufs Neue lohnenswert mache. Dies stelle sie auch bei den Besuchern fest. Klar sehe sie am Wochenende eher weniger junge Menschen, was verständlich sei. Doch frisch Pensionierte, die froh um einen Treffpunkt und neuen Austausch mit der lokalen Bevölkerung sind, treffe sie neben den altbekannten ­Gesichtern immer wieder an. «Die Gemeinschaft ist den Leuten wichtig, das merkt man immer wieder. Der Chramschopf tut ihnen gut», ist sie überzeugt.

Neuorientierung geschafft

Die 92-Jährige wirkt äusserst aufgestellt und zufrieden, selbst wenn sie von schwierigeren Zeiten in ihrem Leben spricht. «Ich denke, wir dürfen sehr dankbar sein, dass wir in der Schweiz aufwachsen und leben können», erklärt sie ihre Sichtweise. Ihr Mann, mit dem sie praktisch ihr Leben lang alles gemeinsam gemacht hat, den sie stets bei allem unterstützte, mit dem sie neben dem Chramschopf auch eine eigene Handelsfirma für elektronische Bauteile betrieb, ist vor sechs Jahren gestorben. «Damals musste ich mein Leben neugestalten», erklärt sie. Sich weiterhin zu engagieren, habe ihr geholfen weiterzumachen, statt einfach aufzuhören und nicht mehr am Gesellschaftsleben teilzunehmen. Bis heute hilft sie weiterhin im Kirchengemeindehaus aus, beim Organisieren des Suppen­zmittags oder bei Apéros. «Ich wäre ohnehin für eine flexible Pensionierung», ergänzt sie. «Es soll doch jeder selber entscheiden können, wie lange er oder sie arbeiten möchte». In der eigenen Firma hat Dorli von Arx bis ins Alter von 79 Jahren gearbeitet. Wann es für sie mit dem Chramschopf ein Ende haben soll, kann sie noch nicht sagen, sie zuckt lediglich mit den Schultern. «Es ist eben doch nicht leicht, nach so langer Zeit einfach aufzuhören.»

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