Was gibt es im Seuchenjahr zu feiern?

Frohe Festtage! Wünschen wir uns auch dieses Jahr, oder? Erst recht. Was aber gibt es Festliches zu sagen in diesem Seuchenjahr? Ich probiere einfach mal, nehme die alten Krippenbilder und mische sie mit akuten Erfahrungen. Die Bilder: der Stall, die Hirten, der Engel. Die Erfahrungen: Lockdown, Social Distancing, Todesfurcht. Kommen beide miteinander ins Gespräch?

Engelsfigur
Friede auf Erden kündet der Engel. Er hat gut reden. (Bild: ab)

I. Der Stall

Wie bringt man einen simplen Stall zum Glänzen? Alle grossen Maler versuchten es – mit fabelhaftem Erfolg: Auf zahllosen Bildern glänzt der Stall, seine Ausstattung bleibt armselig, umso heller und wärmer wirkt er, so beseelt und geheimnisvoll, da möchte man gleich hineinschlüpfen. Okay, in Bethlehem waren göttliche Kräfte im Spiel, ist nicht ganz fair. Dennoch dachte ich stets: Das wäre wahre Lebenskunst – meinen Stall zum Fest verwandeln! Wir alle landen ja irgendwann im Stall, ob Mietwohnung, Villa, Pflegeheim, einerlei, entscheidend ist einzig: Beleben wir ihn? Wärmen, animieren, inspirieren wir ihn? Wo nicht, taugt die teuerste Kulisse nichts.

Corona verstärkt das. Zuvor lebten wir gern verstreut, oft als Anhängsel des Veranstaltungskalenders. Jetzt, wo die äusseren Freiheiten eingeschränkt sind, kann eine innere Freiheit erwachen: Hey, das ist ja mein Stall, meine Welt, auf mich kommt es an, wie lebenswert sie ist. Bisher betrachteten wir den Stall gern wie ein Basislager, von da brachen wir auf, zum Urlaub, am Wochenende; sobald wir etwas Zeit hatten, verreisten wir. Sehnsuchtsorte lagen über den Planeten verstreut. Jetzt, da die Welt voller Stopptafeln ist, komme ich leichter auf den Geschmack, den Stall als meine Welt zu gestalten. So gewännen wir unsere Autonomie zurück. Ich, ein Endverbraucher meiner ­Lebenschancen? Aber bitte, ich bin hier der Akteur meines Lebens.

II. Die Hirten

Die waren in der Gegend, neugierig, und kümmerten sich. Das kam auch vor in diesem durchzogenen Jahr, häufiger als sonst. Haben wir uns als soziale Wesen neu entdeckt? Wir duckten uns ins Home­office und Homeschooling, viele haben es prima zu Hause: voller Kühlschrank, Hometrainer, Netflix. Und doch vermissten wir – nein, nicht die Safari in Botswana, nicht die 1. August-Feier, nicht einmal das Schwingfest. Wir vermissten die Kollegen.

Ausgerechnet Homeoffice, diese Zuflucht der Privatheit, macht uns bewusst: Nur als Privatbetrieb taugt das Leben nicht – und mag es noch so feudal ausgestattet sein. Wir sind im Kern soziale Wesen. Wir mögen persönlich noch so gut drauf sein – so richtig in Form gelangen wir in Beziehung zu andern. Was ist noch los mit mir, wenn mich keiner beobachtet, sich über mich ärgert oder freut? Verkümmert nicht mein bisschen Geist, wenn ich keine Angriffe parieren muss? Was wird aus meinen Talenten, wenn sie nicht an einer gemeinsamen Sache wachsen?

Was unsere Welt zusammenhält, sind Beziehungen. Die Hirten wussten es und kümmerten sich. Corona lehrt uns, das auch zu tun. Beziehungen wollen belebt und ­gefüttert werden. Sie leben vom ­Interesse – nicht nur für unseresgleichen. Zum Stall kamen leicht verspätet sogar die Drei Könige, also die Reichen. Sie checkten: Mit sich allein sind auch Reiche in schlechter Gesellschaft.

III. Der Engel

«Frieden auf Erden!» kündet der Engel. Er hat gut reden. Er mit seinen Kontakten nach oben. «Engel» heisst «Bote», er ist der Go-between zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Sind wir nicht vom selben Schlag? Dauernd unterwegs zwischen ­Biologie und Geist? Aktuell näher an der Biologie: Der Tod wird mit Covid-19 wieder anschaulicher. Was rät der Engel? Frieden! Prima Idee: Unseren Frieden machen mit der Endlichkeit. Praktisch eine Zumutung: Wie kann man den Frieden machen mit dem eigenen Verschwinden?

Der Tod, früher Übergang, verliert die Perspektive. Wo ist die Erzählung, die ihn einbindet ins Leben? Eine Erzählung, die uns Sterbliche ins unermessliche Universum ­verwebt? Sie sähe schon meinen Körper als kosmische Geschichte: Er besteht vor allem aus Wasserstoff – und der entstand kurz nach dem Urknall. Mein Körper, dreizehn Milliarden Jahre alt! Die ­übrigen Atome, nur wenig jünger, stammen von Tausenden Sternen unserer Galaxie. Ich bin aus Sternenstaub. Ein galaktisches Wesen, rein körperlich.

Und seelisch? In seinen letzten ­Minuten zieht sich ein Sterbender aus dem Körper zurück. Was heisst «sich»? Ist da noch ein «Ich»? Und wohin zurück? Kommt da noch ­etwas – oder verschluckt uns das Schwarze Loch? Niemand weiss es. Klar ist nur: Je selbstbezogener ich lebe, desto schlimmer das Ende. Bin ich mir das Allerwichtigste, habe ich schlechte Karten. Nehme ich aber teil am Leben um mich ­herum, den Jungen, den Vögeln, der Musik, dann lebt ja weiter, was mich interessiert. Und ich mit ihm. Der Engel hat schon recht: Frieden machen mit sich. Zwischen den Welten pendeln. Vielleicht ist der Tod doch ein Übergang – zwischen Realismus und Poesie, zwischen dem Fass­baren und dem Unsichtbaren. Was spricht dafür, nur das Erklärbare für wirklich zu halten?

Ja, solche Dinge gehen mir durch den Kopf, wenn ich an Weihnachten denke. Stall, Hirten, Engel. Hauptsache, im Stall daheim. Hauptsache, nicht einsam. Hauptsache, nicht kosmisch verwaist. Und bei allem: Wir können etwas tun.

Frohe Festtage!

Ludwig Hasler, Philosoph und Publizist, Autor des philosophischen Bestsellers «Für ein Alter, das noch was vorhat». Lebt in Zollikon.

Anzeige