«Schon als kleiner Bub wollte ich Pilot werden»

Michael Nagel fliegt seit 27 Jahren für die Swiss, die am Anfang noch Swissair hiess. Der Pilot spricht über die Licht- und Schattenseiten der Fliegerei und erinnert sich an ein Schlüsselerlebnis in seiner Kindheit.

Swiss-Pilot Michael Nage
Swiss-Pilot Michael Nagel hat in der Corona-Krise mehr Zeit für seine Familie. (Bild: chi)

Für Michael Nagel war 2020 ein ruhiges Jahr. Als Pilot der Swiss hatte er nicht viel zu tun. Während des Lockdowns im Frühling flog er sehr wenig, mittlerweile übernimmt er acht bis zehn Kurzstreckenflüge pro Monat. Trotzdem wird es dem 51-Jährigen nie langweilig: «Ich geniesse die Zeit zu Hause und kann für meine drei Kinder da sein, wenn sie mich brauchen.» Zudem hat er seinem Bruder neulich bei der Revitalisierung eines Flussbetts geholfen: «Die Arbeit mit den Händen und in der Natur erfüllen mich. Ich bin ein Outdoor-Mensch und liebe es, draussen zu sein», sagt Michael ­Nagel mit einer ansteckenden Begeisterung. Er liebt auch die Zeit im Cockpit. Das ist für ihn ebenfalls eine Outdoor-Arbeit. Obwohl man nicht im selben Sinn draussen sei wie ein Gärtner, der die Erde in den Händen fühle, sei auch ein Pilot abhängig vom Wetter. «Gibt es auf einer Route zu heftige Gewitter oder tobt an der Destination ein Schneesturm, müssen wir unseren Flugweg permanent anpassen.»

Vor jedem Flug trifft sich Michael Nagel mit seinem Co-Piloten. Zusammen prüfen sie die Wetterlage auf ihrer Route. «Wir berechnen auch, wie viel Kerosen wir für den Flug brauchen.» Im Gegensatz zum Auto werde der Flugzeugtank nicht einfach aufgefüllt, man wolle mit so wenig Gewicht wie möglich fliegen – einerseits aus wirtschaft­lichen, andererseits aus ökologischen Gründen. Letzteres ist ihm wichtig: «Die Umwelt liegt mir am Herzen.»

Stillstand als Chance

Michael Nagel sieht den in den letzten Jahrzehnten stark angewachsenen Flugverkehr mit kritischen Augen. «In der Zeit vor Corona hat die Fliegerei ein bedenkliches Ausmass erreicht, hinter dem ich eigentlich nicht mehr stehen kann.» Für ihn liegt im Stillstand als Folge der Pandemie eine grosse Chance. In seinem Freundes- und Bekanntenkreis stelle er fest, dass die meisten dieser Zeit auch etwas Positives abgewinnen können: «Man ist nicht andauernd auf Draht, sondern nimmt sich mehr Zeit für sich und seine Familie.» Er wünscht sich, dass diese Wiederentdeckung der Ruhe sich auch auf den Flugverkehr auswirken wird. «Die Selbst­verständlichkeit, mit der man an einem Tag nach London an ein Meeting geflogen ist und am nächsten Tag nach Barcelona an eine Party, hat Corona hoffentlich beendet.» Die Umweltbelastung durch die Vielfliegerei sei evident.

Sägt ein Pilot mit dieser Haltung nicht am Ast, auf dem er sitzt? «Es schlagen zwei Herzen in meiner Brust», sagt Michael Nagel. «Neben den ökologischen Bedenken liebe ich meinen Job. Er ist spannend, abwechslungsreich und anspruchsvoll. Und wie gesagt gefällt mir, dass er draussen stattfindet.» Im Cockpit erlebe er immer wieder einzigartige Naturspektakel: «Ich habe in der Nacht von Blitzen hell erleuchtete Gewittertürme gesehen und darüber schienen die Sterne.» Auch Sonnenauf- und Untergänge oder ein Alpenflug an einem schönen Tag seien selbst nach 27 Jahren immer wieder ein Geschenk. «Ich wünsche mir», schliesst er den Bogen, «dass die Menschen durch die Krise zu einem Umdenken finden, das bei mir schon seit Längerem stattgefunden hat».

Familienabenteuer

Michael Nagel ist es wichtig, dieses Bewusstsein seinen drei Kindern weiterzugeben. Der Bub besucht noch die Primarschule Rüterwis im Zollikerberg, die übrigens von seiner Mutter, Franziska Langegger, als Co-Leiterin geführt wird. Die beiden Mädchen gehen in Zollikon und Küsnacht in die Oberstufe. Als langjähriger Mitarbeiter könnte ­Michael Nagel mit seiner Familie einmal pro Jahr gratis an eine beliebige Destination auf dem Swiss-Netz fliegen. «Das ist natürlich verlockend, doch wir haben dieses Angebot aus den genannten Gründen nicht mehr genutzt, seit wir vor drei Jahren aus Hongkong zurückgekommen sind.»

Hongkong? Hier erlebte die Familie ihr grösstes gemeinsames Abenteuer. Schon lange war es ein Wunsch der Eltern gewesen, mit ihren Kindern eine Zeit im Ausland zu leben. 2016 bot sich die Gelegenheit: «Die Swiss hatte damals einen leichten Überbestand an Flugkapitänen auf meiner Flotte, dem Airbus A320.» Michael Nagel bekam zwei Jahre unbezahlten Urlaub und die Garantie, danach wieder für die Swiss fliegen zu können. «Weil ich auch während dieser Auszeit fliegen wollte, habe ich mich nach Jobs umgesehen», erzählt er. Neben Angeboten aus Vietnam, Nepal oder Tansania entschied er sich für die Hongkong Airlines. Bei der Wahl spielte auch der Sicherheitsaspekt eine Rolle: «Mit drei Kindern erschien uns Hongkong als ideale Lösung.» Tatsächlich wurde diese Zeit für die Familie eine tolle Erfahrung. Die Kinder besuchten eine internationale Schule, an der sich auch die Mutter freiwillig engagiert hat. «Meine Frau war der sichere Hafen der Familie», sagt Michel Nagel. «Während ich eine Weiterbildung absolvierte, richtete sie die Wohnung ein und übernahm die Kinderbetreuung.» Auch auf seinem neuen Job machte der Pilot wertvolle Erfahrungen. Die Hongkong Airlines beschäftigt Personen aus mindestens 50 Nationen. «Ich empfand den Austausch mit Leuten aus so unterschiedlichen Kulturen als grosse Bereicherung.»

Investition in die Zukunft

Hinter dem Hongkong-Projekt steckte auch der Wunsch, seinen Kindern etwas bieten zu können, was er selbst als Bub erleben durfte: Zusammen mit seinen Eltern lebte Michel Nagel zwei Jahre lang in Washington D.C., wo sein Vater als Arzt in einem Spital arbeitete. «Ich habe spezielle und schöne ­Erinnerungen an diese Zeit», sagt er. Damals entstand sein Berufswunsch, Pilot zu werden: «Wir wohnten in der Nähe eines Sees, über dem immer ein Wasserflugzeug kreiste.» Dieses Spektakel war für den Vierjährigen das Grösste. Abends nach der Arbeit kramte sein Vater jeweils in seiner Hosentasche nach Münz und warf seine Dimes und Nickels in Michaels Sparsäuli. Kurz vor der Rückkehr in die Schweiz war es so weit: Das Säuli war voll, und der Vater stockte den fehlenden Betrag auf, um dem Bub den ersehnten Flug im Wasserflugzeug zu ermöglichen – wie sich ­herausstellen sollte, eine nachhaltige Investition in dessen Zukunft. Als der kleine Michael aus dem Flieger gestiegen sei, habe er im breitesten US-Englisch zu seinem Vater gesagt: «Hey daddy, one day I’m gonna be a pilot!»

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