Gottesdienst im Schichtbetrieb

Zur Aufgabe der Kirchen gehört, sich um das seelische Wohlbefinden ihrer Mitglieder zu kümmern. Nah zu sein, da zu sein. Mit den Corona-Abstandsregeln ist dies ungleich schwerer geworden. Betagte Menschen gehören zur Risikogruppe und sind wegen der Schutzmass­nahmen besonders der Verein­samung ausgesetzt, vor allem Alleinstehende. Die Kirchen nutzen die Digitalisierung auch über Online-Gottesdienste. Den persönlichen Kontakt ersetzen sie nicht.

Die Kirchen bieten auch Online-Gottesdienste an. (Bild: zvg)

«Die Mehrheit der Menschen über 80 Jahre kommen mit der Digitalisierung an ihre Grenzen», sagt der Zolliker Pfarrer Simon Gebs. Ausser mit der Plattform WhatsApp, diese sei auch bei vielen älteren Menschen beliebt, um mit Kindern und Enkeln in Kontakt zu bleiben. Das Handling der sozialen Netzwerke, die Orientierung auf verschiedenen Ebenen einer App stellen für viele eine zu grosse Hürde dar. Betagte Menschen hätten zudem oft motorische Schwierigkeiten. Ihnen falle es schwer, die kleinen Buchstaben und Zahlen auf dem Display zu treffen. Trotzdem: Die reformierten Kirchen stellen jeden Samstag den Gottesdienst auf die Website und auf Youtube, damit alle den Gottesdienst miterleben können, die nicht live vor Ort sein können. Die Wirkung der Online-Gottesdienste sei überaus gesprächsanregend, so ­Simon Gebs. Er bekomme noch Tage später Rückmeldungen oder An­regungen. Die Gemeinden Zollikon, Zumikon, Küsnacht, Erlenbach und Herrliberg wechseln sich wöchentlich mit Online-Gottesdiensten ab. Am Heiligen Abend wurde die ­Zolliker Weihnachtsfeier aus der reformierten Kirche Zollikerberg sogar gestreamt. Bisher wurde der Stream 257-mal aufgerufen (Stand 20.1.2021). «Den grossen Aufwand hat ein professionelles Team be­wältigt. Licht, Ton, alles musste stimmen. Das hätten Laien nicht bewerkstelligen können», sagt ­Simon Gebs.

Von Angesicht zu Angesicht

Nach wie vor finden wöchentlich Gottesdienste in den reformierten und katholischen Kirchen statt.

Die Anzahl ist auf 50 Personen begrenzt. In den katholischen Kirchen Zollikerberg und Zollikon stehen Kameras, die die Gottesdienste in den Pfarreisaal übertragen. Leinwand und Kinobestuhlung ersetzen zwar nicht die Atmosphäre der Kirche, lindern aber das Problem, Menschen nach Hause schicken zu müssen, weil sie nicht zu den ersten 50 zählen.

Pfarrer Simon Gebs bietet Seelsorge auch per Skype oder Zoom, per WhatsApp-Call oder einfach am ­Telefon an. Das Angebot werde gut genutzt, aber zu betonen sei, dass Gespräche von Angesicht zu Angesicht am besten funktionierten; ­Hörprobleme der Betagten seien bisweilen ein grösseres Problem. Soweit immer möglich macht Simon Gebs ­Besuche zu Hause oder in den Wohn- und Pflegeeinrichtungen. Die Zumiker Pfarrerin Adelheid Jewanski bekräftigt, dass das Gefühl der Gemeinschaft vor allem durch persönlichen Kontakt zustande komme. «Wir halten Räume offen, damit die Menschen zum Beispiel zum Meditieren vorbeikommen können. Es ist wichtig, auch bei den Gottesdiensten einen Moment der Gemeinschaft erleben zu dürfen. Einige Menschen kommen sogar täglich vorbei, um eine Kerze anzuzünden.» Auch die katholische Kirche ist sich ihrer ­Aufgabe bewusst und sieht in der Vereinsamung ein grosses Problem. Betagte Menschen seien froh, einen Seelsorger in der Nähe zu haben. Matthias Merdan, Pastoralassistent der katholischen Kirche Zollikon, Zollikerberg und Zumikon: «Wegen der beschränkten Teilnehmerzahl verdoppeln und verdreifachen wir einige Gottesdienste. Wir haben sozusagen Schichtdienst eingeführt.»

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