«Klimaveränderung ist irreversibel»

Atmosphärenphysiker Professor Albert Waldvogel aus ­Zumikon befürchtet schlimme Folgen des Klimawandels.

Der Physiker Albert Waldvogel hält den Ausstieg aus der Atomkraft für einen grossen Fehler. (Bild: zvg)

Der diesjährige Weltgebetstag kommt aus einem Land, das vermutlich nur wenigen bekannt ist, aber vor fünf Jahren ­erstmals wegen eines Zyklons im ­Mittelpunkt stand: Vanuatu ist ein Inselstaat im Südpazifik, bestehend aus 83 Inseln. Das Land ist anfällig für Bedrohungen durch Naturkatastrophen wie Vulkan­ausbrüche, Erdbeben, Zyklone und Sturmfluten. So fegte im vergangenen Jahr ein Zyklon über die nördlichen Inseln Vanuatus und ver­ursachte grosse Zerstörungen; ungefähr 160’000 Menschen, über 50 Prozent der Landesbevölkerung, sind betroffen.

Das klingt fürchterlich, doch Vanuatu ist weit weg und der Mensch verdrängt gerne. Dass wir alle die Folgen des Klimawandels spüren werden und dafür verantwortlich sind, betont Albert Waldvogel. Der Zumiker hatte ab 1985 eine Professur für Atmosphärenphysik an der ETH und ist zutiefst besorgt.

Herr Waldvogel, Klimawandel ist ein Dauerthema. Wo stehen wir?

Schon 2015 wurde im Pariser Protokoll vereinbart, dass bis 2050 eine maximale Erderwärmung um 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit angestrebt werde. Wir sind aber schon jetzt bei einer Erwärmung von plus einem Grad. Donald Trump hat uns durch seinen Ausstieg aus diesem Protokoll gut zehn Jahre in der Entwicklung gestohlen. Er hat in seiner Amtszeit nicht nur in den USA katastrophale Entwicklungen in Gang gebracht.

Was bedeutet das für die Zukunft?

Das Grönlandeis und die Polkappen beginnen zu schmelzen, damit steigt der Meeresspiegel im schlimmsten Fall über hundert Meter. Das Problem ist eben, dass die Klimaveränderung irreversibel ist. Wir können nichts rückgängig machen. Die aktuelle Pandemie ist ein absoluter Kindergarten gegen das, was unsere Enkel erwartet.

Wie können wir uns im Alltag verhalten, um den Klimawandel zu verlangsamen?

Wir brauchen ganz dringend eine Reduktion der fossilen Brennstoffe in den Bereichen Heizung, Industrie und Verkehr. Kein Mensch muss zum Christmas-Shopping in die USA fliegen. Wir müssen uns alle in der Mobilität einschränken.

Aber mit Blick auf die Mobilität kommen ja immer mehr E-Autos auf den Markt.

Die auch Energie brauchen. Und da war Fukushima leider eine absolute Katastrophe. Der Ausstieg aus der Atomkraft war ein riesiger Fehler. Durch die E-Autos haben wir einen grossen Energiehunger, den wir sättigen könnten, würden wir 30 Atomkraftwerke in der Schweiz bauen oder alle sechs Jahre die Zahl der Windräder und Solarzellen verdoppeln. Das ist politisch überhaupt nicht denkbar. Kanzlerin Merkel und der Schweizer Bundesrat haben damals so entschieden, weil sie nicht an die Menschen, sondern an die Wähler gedacht haben. Als Physiker sehe ich nicht nur die nächsten vier Jahre, sondern einen viel grösseren Zeitraum. Ein Katastrophenindex zeigt, dass der Fall Fukushima eine Milliarde Mal weniger Schaden angerichtet hat als der Klimawandel anrichten könnte.

Durch die Pandemie schränken wir uns ja alle in der Mobilität ein. Ist die Pandemie ein Freund der Natur?

Bedingt. Aktuell schränken wir uns ein, aber bald sind alle geimpft und somit gerettet. Kaum jemand denkt an das, was in 30 oder 60 Jahren passieren wird. Wir sind alle noch Steinzeitmenschen, die erst reagieren, wenn der Bär direkt vor der Höhle steht. Ich bin eigentlich ein positiver Mensch, aber für die Zukunft unserer Enkel und Urenkel sehe ich schwarz.

Mitte Januar wurde Spanien von Schneefall überrascht, auch in der Schweiz war es klirrend kalt. Das weist eigentlich nicht auf eine Erwärmung hin.

Klimawandel heisst nicht, dass es einfach überall ein bisschen wärmer wird. Es wird riesige Wetterkapriolen geben: Taifune, Dürren, Überschwemmungen und damit Seuchen und Pandemien – vergleichbar mit einer Krankheit, bei der sich Schüttelfrost und hohes Fieber abwechseln. Alles wird extremer. Das können wir ja schon jetzt mit den grossen Waldbränden, Hitzewellen und Dürrezeiten feststellen. Was in Vanuatu passiert ist, wird auch hier passieren, wenn wir uns nicht massgeblich für das Klima stark machen – und uns einschränken oder alternative Energiequellen finden.

Gibt es auch etwas Positives zu all den Katastrophenszenarien?

Ja. Die Weltgemeinschaft hat vor gut 30 Jahren beim Problem Ozonloch innert weniger Jahre die Produktion von schädlichen Kühlmitteln und Sprühdosentreibgasen total umgestellt. Damit wurde diese globale Problematik gestoppt. Es ist zu hoffen, dass dies unserer Generation mit dem Klimawandel auch gelingen wird.


Zur Person

Albert Waldvogel, 1941 geboren, studierte an der ETH Zürich ­Mathematik und Physik. Von 1966 bis 1972 arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent am ­Osservatorio Ticinese in Locarno. Ein hervorstechender wissenschaftlicher Beitrag war die Entwicklung des Joss-Wald­vogel-Disdrometers – eines Geräts, welches heute weltweit zur Messung von Tropfenspektren verwendet wird. Ab 1985 war der Zumiker ordentlicher Professor für Atmosphärenphysik und ab 1996 Vorsteher des Departements Umweltnaturwissenschaften. Von 1997 bis 2001 wirkte er in der Schulleitung der ETH mit. Von 2003 bis Februar 2006 war er Delegierter des Präsidenten für strategische Projekte und Ressource Development. Ende ­September 2006 trat er in den Ruhestand.

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