Tierseelen auf Papier bringen

Nur einfach Tiere zeichnen, das reicht der Kunstschaffenden, Illustratorin, Dozentin und Autorin Sandra Chiocchetti nicht. Sie will die Seele eines Tieres auf dem Papier festhalten.

Schon als Kind hat die Künstlerin Sandra Chiochetti ihre Liebe zu Tieren entdeckt. (Bild: zvg)

Das Waldgebiet, das den Sennhof im Zollikerberg umgibt, ist für Sandra Chiocchetti nicht nur Ort der Erholung, sondern auch Inspiration für ihr Schaffen. Sie, die sich selber lieber als Kunstschaffende denn als Künstlerin bezeichnet, wohnt hier seit 15 Jahren mit ihrem Mann und dem Hund Maxim. Sie liebt die täglichen Spaziergänge im Wald, schätzt den familiären Austausch im Quartier, aber auch die Nähe zur Stadt. «Im Sennhof zu wohnen ist einfach phänomenal.» Hier habe sie alles, was sie brauche. Und hier entstehen all ihre Zeichnungen. Sich selber beschreibt Sandra Chiocchetti als Skizzenkünstlerin, Illustratorin, Markendesign- und Werbeprofi, Dozentin, Autorin, Linkshänderin und Hutträgerin. Das trifft tatsächlich alles zu. Ohne Hut fühlt sich die gebürtige Stadtzürcherin «nicht vollkommen», das Leben versucht sie dennoch stets «mit Links» zu nehmen. Aus ihren Hunderten von Werken hat sie jüngst das Buch «Hundert Wau und ein Miau» herausgegeben, das sie mit witzigen Anekdoten aus Sicht der Vierbeiner erweitert hat. Entstanden ist ein Buch fürs Gemüt – nicht nur für Hundefreunde.

Als Dozentin für tierische Skizzenkunst gibt sie ihr Wissen und ihre Erfahrung, über Jahrzehnte angesammelt, an Lernwillige weiter. Mit genauso viel Engagement führt sie seit 1995 ihre Firma für Markenwirkung und Werbung. Auch hier gibt sie ihr Wissen in Workshops weiter. Ein Tausendsassa, würden wohl viele sagen, ein Mensch, dem all diese Talente in die Wiege gelegt wurden. Doch sie würde ihnen antworten: «Das Fundament meiner Arbeit und Begeisterung bilden folgende drei Dinge: Fleiss, Herzblut und Kreativität.»

Liebe auf den ersten Blick

Ihre Liebe für Tiere entdeckte Sandra Chiocchetti früh. Schon als Kind fiel sie jedem Vierbeiner, der ihr über den Weg lief, mit derselben innigen Leidenschaft um den Hals, die sie auch für ihren Nachbarschaftshund Collie lebte. Während sich die anderen Kinder auf dem Spielplatz vergnügten, spielte Sandra Chiocchetti mit ihrem tierischen Freund. «Er war meine erste Liebe», lacht sie. «Wenn wir nicht gerade spazieren gingen oder miteinander spielten, zeichnete ich.» Spätestens in der Schule merkt sie dann, dass sie, nebst ihrer Tierliebe, auch ein aussergewöhnliches Zeichentalent besitzt. «Und so gesellte sich zu meiner ersten Liebe eine zweite – der Bleistift.» Diese führt sie an die Kunstgewerbeschule und später über Umwege in die Werbung, wo ihr Zeichentalent besonderen Anklang findet. «Das war allerdings, bevor der Computer die ganze Branche praktisch über Nacht umkrempelte», erinnert sie sich. Skizzen von Hand wurden plötzlich nicht mehr gebraucht. Dennoch entscheidet sie sich, in der Werbung zu bleiben. Sie gründet ihre eigene Agentur, entwickelt sich zum Kommunikationsprofi. Doch ihre kreative Handschrift bleibt auf der Strecke. Ganze 15 Jahre lang zeichnet sie keinen einzigen Strich. Ihre Liebe zum Zeichnen scheint erloschen.

Eigene Technik

Als dann in einem Kundenmeeting eine einfache Skizze verlangt ist, bringt sie es nicht hin. «Das war ein Schock für mich.» Und es war gleichzeitig der Moment, den es brauchte, um die eingeschlafene Liebe wachzurütteln. Sie beginnt wieder zu skizzieren, experimentiert mit verschiedensten Utensilien und Techniken und entwickelt ­ihren eigenen Stil, der sich heute als klare Handschrift durch ihr Schaffen zieht.

Inzwischen hat Sandra Chiocchetti über 7000 Stunden ihres Lebens mit Zeichnen verbracht, Hunderte von Tieren beobachtet und ihre ganz eigene Technik entwickelt. Zuerst bringt sie mit dem Bleistift schnelle Striche auf das weisse ­Papier, ehe sie mit dem Ink Pen die relevanten Details herausarbeitet. Dann kommt der heikelste Teil: Mit einer Pipette gibt sie mit lockerer Hand flüssige Tusche auf die graue Skizze, die damit langsam Farbe annimmt. «So entsteht dieser flüchtige Eindruck, der mir unter anderem sehr wichtig ist. Denn Tiere sind immer in Bewegung, sie ­verschmelzen teils mit ihrer Um­gebung. Diesen Effekt versuche ich durch den Farbverlauf zu erzeugen.» Das heisst auch: Wenn die Farbe an der falschen Stelle runterläuft, muss sie von vorne beginnen. «Das ist eben das Risiko», erklärt sie mit einem Schulterzucken. Nicht selten belohnt sie ihr experimenteller Mut allerdings mit ­Ergebnissen, «die mich selber überraschen».

Begeisterte Kundschaft

Am liebsten zeichnet Sandra Chiocchetti im Wald, in Cafés, Zoos oder Museen. Auch mal zu Hause auf dem Sofa, während eine Tierdoku über den Fernseher flimmert: «Dies ist zum Beispiel bei Eisbären doch etwas einfacher.» Wichtig sei ihr vor allem, dass sie die Tiere aus unterschiedlichen Perspektiven beobachten könne. «So kann ich typische Bewegungen oder die ­Mimik eines Tieres, seine Eigenart und Seele besser erkennen.» Was vor allem Hunde- und Katzenbe­sitzer auf der ganzen Welt freut. Sie brauchen Sandra Chiocchetti lediglich ein paar Fotos ihrer Vierbeiner zuzuschicken, aus denen sie dann die Persönlichkeit des Tiers liest und versucht, diese aufs Papier zu bringen. Ein solches Porträt stellt sie zu etwa 80 Prozent fertig, ehe sie es dem Kunden zeigt. Erkennt dieser sein Tier nicht wieder, muss er das Bild auch nicht kaufen. Das kommt kaum vor. «Meistens sind die Leute begeistert von ihrem gezeichneten Vierbeiner.» Oder eben dessen Seele.

Anzeige