Traum vom Betreuungshaus geplatzt

Das Schulhaus Rüterwis muss weiterhin auf ein neues Betreuungshaus warten. Nach einem Streit über Mehrkosten hat die Schule Zollikon das Projekt abgebrochen.

Das Projekt «Tripp Trapp» für den Neubau des Betreuungshauses Rüterwis ist gestorben. (Bild: Bienert Kintat Architekten)

Vor einem guten Jahr wurde das Siegerprojekt bestimmt: Nach der Ausschreibung für den Neubau des Betreuungshauses Rüterwis entschied sich die Jury unter den acht eingereichten Arbeiten für das Projekt «Tripp Trapp» des Zürcher Architektur­büros Bienert Kintat. Als nächster Schritt stimmte das Zolliker Stimmvolk im Sommer 2020 einem Projektierungskredit von 600 000 Franken zu. Vor einigen Tagen nahm, was vielversprechend begonnen hatte, eine überraschende Wende: Per Medienmitteilung meldete die Schule Zollikon den sofortigen Abbruch des Projekts.

Als Grund wurden «bisher nicht vorhersehbare Kosten» angegeben. Was diese Formulierung genau bedeutet, erläutert Thomas Gugler, Liegenschaftsvorstand der Schule Zollikon. Ein Element der Ausschreibung sei der Kostenrahmen von 7,5 Millionen Franken gewesen. «Dem waren sich alle Teilnehmenden bewusst und niemand hat sich geäussert, dass der Kostenrahmen nicht einzuhalten wäre», betont er. Zudem hat man alle eingereichten Projekte von einem unabhängigen Kostenplaner überprüfen und berechnen lassen. So kam man auch beim Siegerprojekt «Tripp Trapp» auf einen etwas höheren Betrag, weshalb der Projektierungskredit auf der Basis von 8,3 Millionen Franken beantragt wurde.

«Wer ist eigentlich der Bauherr?»

Ernüchterung machte sich breit, als das Architekturbüro Bienert Kintat Ende Januar seine Kostenschätzung für das ausgearbeitete Projekt präsentiert habe. Diese belief sich gemäss Thomas Gugler auf einmal auf mehr als 11,5 Millionen Franken. «In unseren regelmässigen Planungssitzungen hatte der verantwortliche Architekt mit keinem Wort auch nur ansatzweise auf eine derartige Kostenentwicklung hingewiesen.»

Für Thomas Gugler ist das Vorgehen des Architekturbüros unverständlich und nicht nachvollziehbar, zumal dieses die immense Kostensteigerung nur in den wenigsten Punkten habe begründen können. Möglicherweise habe man in der Vorprojektphase zu viel ­Vertrauen in den Architekten als Gesamtleiter gesteckt, gesteht der Liegenschaftsvorstand. «Man kann sich fragen: Wer ist hier eigentlich der Bauherr? Die Gemeinde oder der Architekt?» Der Verdacht stehe im Raum, dass hier versucht werde, möglichst viel aus einem Bauvorhaben herauszuholen, das von der Gemeinde ohnehin dringend umgesetzt werden müsse. «Das ist zum Glück nicht der Fall, das derzeitige Betreuungshaus ist zwar zu klein geworden, aber genutzt werden kann es weiterhin.»

Voraussehbare Mehrkosten nicht mitberechnet

Einen anderen Blick auf den Ablauf, der zum Abbruch des Projekts führte, hat Architekt Volker Bienert. Seitens der Gemeinde habe man die im Wettbewerb durch einen ­externen Kostenplaner ermittelten Kosten von 8,6 Millionen für das ­Siegerprojekt «Tripp Trapp» im Handstreich auf 8,3 Millionen für den Projektierungskredit gesenkt. Dabei seien auch vorhersehbare Mehrkosten – zum Beispiel die ­halbe Million Franken für die auf­wändige Gründung – nicht mitgerechnet worden, sagt der Inhaber und Geschäftsführer von Bienert Kintat Architekten. Auch habe die Bauherrschaft in der Phase
Vor­projekt zusätzliche Anforderungen an den Neubau gestellt – etwa eine kontrollierte Lüftung, eine Mehrausstattung der Betriebs­küche und Kühlräume. «Diese Positionen waren in den 8,3 Millionen des Projektierungskredits alle nicht berücksichtigt.»

Das Architekturbüro habe selbstverständlich Hand geboten, die im Vorprojekt geschätzten Kosten von 11,5 Millionen Franken einzuordnen und im Dialog mit der Bauherrschaft zu reduzieren. «Anfang März konnten wir ein Einspar­potenzial von rund 1,5 Millionen Franken präsentieren.» Volker Bienert habe ausserdem vorgeschlagen, sich zusammen an den runden Tisch zu setzen. Darauf sei die Gemeinde aber nicht eingegangen, sondern habe es vorgezogen, das Projekt abzubrechen.

Kluft zwischen Fachpersonen und Politikern

Der Architekt bedauert diesen Entscheid. Auch bezweifelt er, dass der Abbruch des Projekts wirklich eine kostengünstige Variante für die Gemeinde ist. Denn bei einem abrupten Abbruch eines laufenden Projekts müssen die bisherigen Kosten abgeschrieben werden, und den beauftragten Planern steht ein zusätzlicher Honoraranteil für die entgangenen Leistungsteile zu. «Auch fachlich ist der Entscheid für mich nicht nachvollziehbar», sagt Volker Bienert. Er ortet eine Kluft zwischen den involvierten Fach­personen und den politischen Entscheidungsträgern. In seiner Wahrnehmung hätten sich letztere gegenüber fachlichen Argumenten verschlossen. «Offenbar war man verunsichert und scheute sich, mit einer neuen, höheren Zahl vors Volk zu gehen.»

Sicher ist, dass der Entscheid über das weitere Vorgehen in den Händen der Politik liegt. «Wir haben noch keinen Plan B, da wir vom Projekt überzeugt waren und es auch realisieren wollten», sagt ­Liegenschaftsvorstand Thomas Gugler. Nachträglich ein anderes der eingereichten Projekte zu berücksichtigen, sei rechtlich gar nicht machbar und zudem auch keine Option: «Wenn man das beste Projekt haben kann, ist das zweitbeste keine Alternative.» Spätestens an der kommenden Gemeindeversammlung vom 12. Juni will die Schule Zollikon über das weitere Vorgehen orientieren. Zudem
soll an dem Anlass der Souverän den gewährten Projektierungskredit formell wieder zurückziehen.

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