Dem Affen keinen Zucker geben

Ein neues Buch gegen mediale Verwirrungen und diffuse Ängste und für einen achtsamen Umgang mit den eigenen Bedürfnissen.

Besonders Kinder freuen sich über den kleinen Affen, der durch das Buch turnt. (Bild: zvg)

Mit vier Kindern im Alter zwischen fünf und sieben Jahren und einer 70-Prozent-Anstellung hatte Anna-Theresa Krischan im Jahr 2020 eigentlich genug zu tun – es galt im Homeoffice zu arbeiten und nebenbei das Schulkind, das Kindergartenkind und die Kleinen zu unterhalten. Trotzdem hat sie nebenbei noch ein Buch geschrieben: «Vinz und das Jahr der Affen». Dieses ist bei Books on Demand und auch in der Küsnachter Buchhandlung Wolf erhältlich. Dabei symbolisieren die Affen nicht nur den ­Virus, der von Mensch zu Mensch springt; sie stehen auch für die übertriebene Angst, für die ­Panik, die sich breit machte. Im Interview erzählt die Autorin, was hinter dem Buch steckt und wo die ­Herausforderungen lagen.

Was war der Auslöser für Ihr Buch?

Es waren zwei Faktoren. Beruflich stand ich gerade im Austausch mit Indien, und die Pandemie konfrontierte mich mit einer Fassungs- und Sprachlosigkeit. Ich konnte die Bilder – vor allem jene aus Indien – nicht begreifen. Auf der anderen Seite waren meine vier Kinder zu Hause. Wie sollte ich ihnen die ­Situation erklären, ohne sie zu verunsichern oder Angst entstehen zu lassen? Somit war Vinz geboren, der ganz kindgerecht die Ausmasse und Auslöser der Pandemie erklärt.

Warum haben Sie das Bild der ­Affen gewählt?

Es gibt ja den Begriff «monkey mind», der einen absolut unruhigen und verwirrten Geist beschreibt. Ich glaube aber, dass wir auch durch die Informationsflut, durch die Berichterstattung und die sozialen Medien verunsichert wurden. Und spätestens seit dem Film «The social dilemma» wissen wir alle, wie sehr uns die digitale Welt beeinflusst. Ich plädiere in dem Buch dafür, dem Affen eben keinen Zucker zu geben – ihn nicht grösser werden zu lassen.

Wie haben Sie Ihren Kindern die Situation erklärt?

Wir haben alle zusammen die ­Dokumentation «Es war einmal das Leben» angeschaut. Das ist eine Reise durch den menschlichen Körper. Dabei wird auch das Immunsystem erklärt und wie Impfungen funktionieren. Wir haben darüber gesprochen, dass wir hier eine sehr saubere Luft haben, dass wir nicht vorbelastet sind und keine zu grosse Angst haben müssen. Parallel haben wir natürlich auf die Einhaltung der Schutzmassnahmen gedrängt.

Haben Sie den Alltag strukturiert oder es auch mal einfach laufen lassen?

Mit vier Kindern muss man den Tag klar strukturieren. Die Überraschungen und improvisierten Momente kommen von alleine. Wir sind zum Beispiel jeden Morgen zusammen joggen gegangen, obwohl ich es wirklich nicht mag. Aber so gab es eine Art Bruch zwischen Zuhause und Schule oder Chindsgi. Wir haben direkt am ­Anfang ein Whiteboard und einen Kopierer gekauft und die halbe ­Bibliothek ausgeliehen. Das Wohnzimmer wurde zum Mittelpunkt
für Leben und Lernen. Parallel ­haben wir in der Garage eine Leinwand aufgehängt und Kinoabende mit Popcorn veranstaltet. Wir ­haben über Youtube einen DJ an die Wand projiziert – samt Musik. Ich habe mich ein bisschen wie in einer Disco gefühlt.

In Ihrem Buch geht es auch darum, dass Kinder ganz profane Bedürfnisse wie Hunger oder Geborgenheit formulieren. Ausserdem gibt es Tipps zum Meditieren und zur Achtsamkeit. Sind Kinder damit nicht überfordert?

Nein. Die Besinnung auf die ganz einfachen Bedürfnisse funktioniert bei Kindern wie bei Erwachsenen. Sich einfach mal fragen: Was fehlt mir jetzt? Was brauche ich? Möchte ich in den Arm genommen werden? Möchte ich meine Ruhe haben? Es ist oft hilfreich, in sich selber hineinzuhören, sich in sich selber einzufühlen.

Am Ende des Buchs brüten Vinz und seine Schwester aus Hühnereiern kleine Küken aus. Mit diesem versöhnlichen Schluss entlassen Sie den Leser mit einem Augenzwinkern.

Ja, das war mir wichtig. Das haben wir übrigens wirklich gemacht. Wir haben 21 Tage vor der Brutmaschine gesessen und immer wieder die acht Eier gewendet. Am Ende kamen drei Hähne und ein Huhn heraus, die dann auf einen Bio-­Bauernhof gewandert sind. Das hat uns auch gelehrt, dass wir nicht alles beeinflussen können. Wir mussten einfach warten und hoffen. Und das lenkt dann automatisch den Fokus auf die Frage: Was kann ich selber beeinflussen und ändern?

Werden wir zu unserer vertrauten Normalität zurückehren?

Das hoffe ich nicht. 2021 wird ein Jahr der Erholung, in dem wir auch die Chancen erkennen werden. Es wird im Arbeitsleben neue Formate geben. Ausserdem bin ich sicher, dass wir mehr Leichtigkeit in unser Leben lassen werden. Dass es bei Festen um die Begegnung mit anderen Menschen geht und nicht darum, ob alles perfekt organisiert ist.

Gibt es ein weiteres Buch?

Ich arbeite gerade daran. Ich will noch nicht viel verraten, aber es geht um eine fantastische Geschichte, um Familie und die Begegnung mit sich selber.

Mit Anna-Theresa Krischan sprach Birgit Müller-Schlieper


Zur Person

Anna Krischan hat nicht nur geschrieben, nebenbei wurde die Garage zur Disco umgebaut.
Anna Krischan hat nicht nur geschrieben, nebenbei wurde die Garage zur Disco umgebaut. (Bild: zvg)

Anna-Theresa Krischan schreibt literarisch unter dem Namen Anni Baboum. Die Deutsch-Französin wuchs in einer deutsch-französisch-­ungarischen Familie in Würzburg auf. Der Grossvater ist romanistischer Philologe. «Unser ganzes Haus war eine einzige Bibliothek», ­erinnert sich die Zumikerin. Sie studierte nach der ­Matura in Passau und Madrid Kulturwirtschaft. Danach begann sie beim Klett-Verlag. 2010 wechselte sie in eine Dependance nach ­Zürich, wo sie unter anderem für die Erwachsenenbildung zuständig war. 2013 kam das erste Kind zur Welt, ein Jahr später das zweite, Kinder drei und vier folgten 2015. Trotzdem war sie immer beruflich tätig – unter anderem als Lektorin und Übersetzerin, zuletzt im ­Stiftungswesen. Mit «Vinz und das Jahr der Affen» hat Anni ­Baboum ihr erstes Buch veröffentlicht.

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