Klare Absage ans Chirchbüel

517 Zumiker und Zumikerinnen kommen zur Gemeinde­versammlung und lehnen die geplante Überbauung mit ­grosser Mehrheit ab.

Schon weit vor dem Beginn der Versammlung war der Gemeindesaal mehr als gut gefüllt. (Bild: bms)

Heiss war es am vergangenen Dienstag tagsüber gewesen. Am Abend wurde es noch heisser, und zwar im Gemeindesaal. Offizieller Titel war: Gemeinde­versammlung. Inoffizieller Titel: Chirchbüel. Im Vorfeld war die geplante Überbauung leidenschaftlich diskutiert worden. Diese Leidenschaft lag spürbar in der Luft. 517 Zumiker und Zumikerinnen strömten zur Versammlung, sodass die Einhaltung des Schutzkonzeptes zeitweise in Gefahr war. Schnell reichten die Stühle nicht mehr. Die Stimmbürger nahmen auf dem ­Boden, auf den Treppen und dem Aufgang Platz – was es für die Stimmenzähler nicht leichter machte. Die Beschwerden mehrten sich, Stimmen seien nicht registriert worden. Mehrfach musste Gemeindeschreiber Thomas Kauflin regulierend tätig werden. Auf Antrag wurden die Traktanden Gestaltungsplan und Baurechtsvertrag getrennt behandelt.

«Die Höhe ist relativ»

Vorgestellt wurde der Gestaltungsplan von Marc Bohnenblust. Der Vorsteher Hochbau verwies unter anderem auf die Überalterung, auf die Nachwuchsprobleme der Vereine und die knappen Schülerzahlen. Zudem hätten die Zumiker klar die Bauzonenrevision unterstützt. Er erinnerte nochmals an den Wohnbedarf für junge Familien. Grundsätzlich sprächen vier Argumente für das Projekt «Weben»: die Einfachheit mit Durchlässigkeit und Schutz gegen den Lärm der Forchautobahn, die Nachhaltigkeit mit geringem Flächenverbrauch, die Eingliederung mit Einhaltung des Abstands und die Gemein­nützigkeit mit dem Potenzial zur Belebung des Dorfplatzes. Das alles würde die neu gegründete Genossenschaft «Weberei» bieten.

Realisiert würde das Projekt durch die Halter AG. «Die Silhouette unseres Dorfes wird sich für ganz, ganz wenige Bürger verändern. In Summe aber bleibt die Kirche sichtbar», unterstrich Marc Bohnenblust. Der Kritik vorgreifend erläuterte er, dass Höhe immer relativ sei. Durch das Abfallen des Geländes seien die Neubauten nicht so überdimensional, wie von den Gegnern befürchtet. Auch der Kritik der fehlenden Parkplätzen widersprach er: «Das ist vielleicht eine Generationenfrage. Für die nachkommende Generation werde das Auto gar keine so grosse Rolle mehr spielen.» Und er schloss mit dem Zitat: «Lasst uns am Alten, so es gut ist, halten. Doch auf altem Grund Neues schaffen zu jeder Stund.»

«Für Zumikon überdimensioniert»

Unisono machten die Gegner der Bebauung klar: Niemand könne gegen bezahlbaren Wohnraum für junge Familien sein. Aber nicht so. Die drei Häuser mit insgesamt 52 Wohnungen seien für ein Dorf wie ­Zumikon eine Nummer zu gross. Auch gegen die Architektur sei nichts einzuwenden. Aber zum Chirchbüel würde diese nicht passen. «Das ist für Zumikon einfach überdimensioniert», betont Jürg Unternährer, der für sein «Sagen Sie Nein» reichlich Applaus bekam.

Unterstützung kam auch von Marc Wachter (SVP), der vor allem als junger Zumiker sprach: «Wir sind jung. Unser Unihockey-Verein hat Wartelisten. Von Überalterung kann keine Rede sein.» Er unterstrich auch, dass die jungen Zumiker nicht nach Zürich zögen, weil sie keinen Wohnraum hier fänden. «Die wollen in Zürich leben.»

Patrick Lüthy (FDP) hielt dagegen: «Wir möchten, dass auch Verkäuferinnen und Leute, die nicht an der Langstrasse wohnen möchten in ­Zumikon leben können. Sein Aufruf «Stimmen Sie dafür. Lassen Sie sich nicht von Populismus leiten», wurde lauthals ausgebuht.

Paul Maurer, seit 1964 in Zumikon wohnhaft, formulierte seine Ablehnung knapper: «Das ist schlicht eine Katastrophe.» Auch Beat Hauri, ein erklärter Gegner des Projekts, brachte nochmals seinen Unmut zum Ausdruck. Er fühle sich über den Tisch gezogen. Bei den Änderungen der Bauzonenordnung sei den Zumiker etwas anderes versprochen worden. Im Protokoll der damaligen Versammlung sei von der «Gestaltungspflicht» die Rede gewesen. Zudem appellierte er: «Denken Sie an die Bürger, die jetzt schon hier wohnen.» Auch er wurde mit viel Beifall bedacht. Ein letztes Votum von Severin Krebs für das Projekt, mit der Warnung, die Zukunft könnte eine viel schlimmere Alternative bringen, verpuffte. Es lag spürbar in der Luft: Das Projekt stiess auf wenig Zustimmung. Und so konnten es die Zumiker fast nicht abwarten, endlich bei der Stimmenzählung die Chirchbüel-Pläne mit grosser Mehrheit abzuweisen. Ein letzter verzweifelter Versuch, die Pläne doch noch an die Urne zu bringen, fand kaum Befürworter. Gebraucht hätte es ein Drittel der Stimmen. Glücklich mit dem Ergebnis und glücklich, den stickigen Gemeindesaal zu verlassen und die Masken endlich abzunehmen, strebten die Zumiker nach Hause.


Die Abstimmungen im Überblick:

  • Jahresrechnung 2020 – angenommen
  • Gestaltungsplan Chirchbüel – abgelehnt
  • Urnenabstimmung zum Gestaltungsplan Chirchbüel – abgelehnt
  • Baurechtsvertrag Chirchbüel – entfallen
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1 Kommentar

  1. Es ist schon sehr traurig, wie wenig Platz eine Mehrheit der Zumiker und Zumikerinnen dem so dringend benötigten günstigen Wohnraum gerade für junge Familien einräumt. Ein Projekt, das das Dorfbild zerstört? Was ist dann mit jenen Villen in Zumikon, die bunkerartig über Zumikon thronen? Solche Betonklötze stören meiner Ansicht nach das so idyllische Dorfbild von Zumikon ebenso und noch viel mehr. Und Zumikons Dorfplatz? Es ist eigentlich ein so schöner Ort, an dem sich gerade jetzt im Sommer viele entspannen. Allerdings mit viel Verschönerungspotential. Vor allem bei dem von Kindern gut frequentierten Brunnen, der zu fast keiner Tageszeit Schatten bietet oder auch einladende Sitzgelegenheiten. Kann dies auch ein Grund zum Handeln sein oder Anlass zur leidenschaftlichen Diskussion? Es wäre wünschenswert…