Ein Leben für den Eiskunstlauf

Claudia Cariboni war eine ge­feierte Eiskunstläuferin. Seit dem Ende ihrer aktiven Karriere ist sie Eislauftrainerin und unterrichtet Kinder und Erwachsene ganzjährlich drinnen und drausen. Einige Schüler haben grosse Ziele, andere sehen Eiskunstlaufen nur als Hobby. Claudia Cariboni lebt an schönster Lage im Zolliker Kleindorf. Antje Brechlin sprach mit ihr

Claudia Cariboni ist mit Leib und Seele Eislauftrainerin und geniesst die Zolliker Lebensqualität. (Bild: ab)
Claudia Cariboni ist mit Leib und Seele Eislauftrainerin und geniesst die Zolliker Lebensqualität. (Bild: ab)

Frau Cariboni, Sie leben hier wunderschön im Zolliker Kleindorf. Was schätzen Sie besonders?

Nahe der Stadt und trotzdem wie auf dem Land zu leben vor allem sowie die Ruhe und die Seenähe. Marder, Füchse – hier ist richtig Leben im Dorf. Katzen, die vorbeikommen, finde ich sehr entspannend. Eine gute Freundin wohnt in Sichtdistanz, ab und zu winken wir uns zu und verabreden uns. Ich wohne erst seit ein paar Jahren in Zollikon, kannte den Ort aber bereits, denn meine Tante lebte auch hier.

Sie stammen aus einer Eiskunstlauffamilie. Bereits Ihre Mutter war Schweizermeisterin, später war sie Ihre Trainerin. Auch Ihre Schwester Sandra war aktive Eiskunstläuferin. Sie selbst waren zwischen 1977 und 1983 sieben Mal Schweizermeisterin in der ­Elite Pflicht und haben an der ­Profi-Weltmeisterschaft im spanischen Jaca 1985 den achten Platz belegt. Sie schauen auf eine erfolgreiche Karriere zurück. In Ihrer aktiven Zeit begegneten Sie an internationalen Wettkämpfen auch der enorm erfolgreichen ostdeutschen Trainerin Jutta Müller und ihrem Schützling Katarina Witt, die zweimal Olympiasiegerin und viermal Weltmeisterin wurde. Gibt es dazu eine Anekdote?

Jutta Müller protegierte Katarina Witt enorm und tat alles, damit sie ein optimales Training absolvieren konnte. In der Kür war Kati Witt unglaublich gut, ihr Manko war ­allerdings das Pflichtlaufen. Dabei mussten vorgegebene Figuren möglichst exakt gelaufen werden.

Das Erlernen und Trainieren der Pflichtfiguren förderte die Disziplin und Kontrolle. Das galt damals als unerlässlich, um grundlegende Fertigkeiten zu erwerben. Die Pflicht war immer mein Steckenpferd; ich wurde damit ja auch mehrmals Schweizermeisterin. Katarina und ich trainierten vor einem internationalen Wettkampf in Wien nebeneinander auf dem Eis. Ihre Pflichtfiguren waren ein einziges Chaos, und Jutta Müller wollte von uns wissen, wie wir hinbekamen, dass meine Figuren wie mit dem Zirkel ins Eis gemalt waren. Das hat mich sehr gefreut. Leider wurde die Pflicht als Wettkampfdisziplin im Eiskunstlauf 1991 abgeschafft.

1985 beendeten Sie Ihre aktive Laufbahn. Sie absolvierten den Trainerschein und unterrichten seither Kinder und Erwachsene. Was war der Anlass, mit 25 Jahren die Eislaufschuhe an den Nagel zu hängen und dem Eislaufsport als Trainerin doch treu zu bleiben?

Ich wusste bereits als 16-Jährige, dass ich einmal Eislauftrainerin werden wollte. Mit vier Jahren stieg ich in den Sport ein. Jahrelang war ich Profi. Ich blickte auf eine erfolgreiche Laufbahn zurück und fand, dass es an der Zeit war, aufzuhören. Der Profi-Eislauf ist ein sehr intensiver Sport, und ich wollte auf eigenen Füssen stehen, nachdem mich meine Eltern jahrelang unterstützt hatten. Es ist sowieso etwas Grossartiges, wenn man seine Passion zum Beruf machen kann. Dafür bin ich sehr dankbar.

Was hat sich in den vergangenen vierzig Jahren im Eiskunstlauf verändert?

Die Ansprüche und das Niveau sind viel höher als damals. Die Technik, das Wertungssystem, die Schlittschuhe haben sich verändert. Im Ausland gehen zum Beispiel die jungen Talente fast nicht mehr zur Schule, sondern trainieren ununterbrochen. Vierfachsprünge werden heute bereits von sehr jungen Läuferinnen gesprungen, was unglaublich ist! Die Kräfte, die auf die jungen Körper wirken, kann man sich gar nicht vorstellen. Bei einer Landung betragen sie das Mehrfache des eigenen Körpergewichts.

Einige Ihrer bekanntesten Schülerinnen und Schüler sind Andreas von Arb, Saskia und Guy Bourgeois und in jüngerer Zeit die 12-jährige Eugenia Sekulowski aus Zollikon, die derzeit U13-Schweizermeisterin ist. Was muss man mitbringen, um unter die Besten zu kommen?

Den absoluten Willen! Talent braucht es auch, und die körperlichen Voraussetzungen müssen stimmen. Flexibilität, Kraft, Ausdauertraining und Ballett dürfen nicht fehlen. Mentale Stärke ist enorm wichtig und dass man ­Bewegungsvorstellungen hat und z. B. Sprünge visualisieren kann. Das Wichtigste aber ist der Wille zum Siegen und die Bereitschaft, mindestens zwanzig Stunden pro Woche zu trainieren. Die Psychologie beim Unterrichten spielt auch eine grosse Rolle für den Erfolg oder Misserfolg. Deshalb ist es für mich essenziell, immer positiv zu bleiben, denn das motiviert die Schüler enorm. In der Schweiz sind auch die Eltern der Eislauftalente gefordert, denn sie müssen viel Energie, Zeit und auch Geld aufwenden, um die Kinder an die Trainings und Wettkämpfe zu fahren.

Sie unterrichten nicht nur Spitzensportlerinnen, sondern auch Breitensportler. Was ist das Schöne am Eiskunstlauf?

Aus Sicht der Eisläuferin ist es ein bisschen das Gefühl von Schwerelosigkeit oder vom Fliegen – vor allem, wenn man zu einem Sprung ansetzt. Grundsätzlich können alle das Eislaufen lernen, die Freude an Bewegung haben. Auch die Verwandtschaft mit dem Ballett, die wichtige Rolle der Musik und das Rhythmusgefühl, welches durch den Sport gefördert wird, machen den Reiz des Eiskunstlaufens aus. Ausserdem lernt man Disziplin, Pünktlichkeit, sich durchzubeissen, wenns mal nicht so gut läuft, und ganz viel Geduld. Alles Eigenschaften, die im Leben sowieso von Vorteil sind. Als Eislauflehrer ist es erfüllend, ganz verschiedenen Menschen das Eislaufen beizubringen und sich gemeinsam mit ihnen über Fortschritte zu freuen. Es ist schön, leuchtende Augen zu sehen, wenn etwas besonders gut gelungen ist!

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