«Das selbstbestimmte Sterben muss zur Normalität werden»

Heinz Rüegger beschäftigt sich beruflich seit zwei Jahrzehnten mit Fragen rund um das Sterben. Er realisierte, dass Patientinnen und Patienten angesichts der heutigen medizinischen Möglichkeiten am Lebensende schwierige Entscheidungen treffen müssen. Er setzt sich deshalb für Aufklärung und einen offenen Dialog ein.

Heinz Rüegger beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Fragen rund ums Sterben. (Bild: sst)

Herr Rüegger, wie kamen Sie dazu, sich mit dem Thema «Selbstbestimmtes Sterben» zu beschäftigen?

Das Thema Sterben beschäftigt mich aus beruflichen Gründen seit 20 Jahren. Bis vor drei Jahren arbeitete ich im Diakoniewerk Neumünster und besetzte dort eine Stelle im Bereich Ethik. Es ging darum, Grundsatzfragen zum Thema Leben und Tod, die sich im Spital und in der Langzeitpflege tagtäglich stellen, zu bearbeiten. Zudem hat das Thema Palliative Care in den letzten Jahren in der Gesundheitsbranche an Wichtigkeit gewonnen, gerade auch durch die neue Strategie, die der Bund in den letzten zwei Jahrzehnten ausgearbeitet hat. Auch die Selbstbestimmung ist ein zentrales ethisches Thema. Für den durchschnittlichen Schweizer ist das selbstbestimmte Leben – bis zum Lebensende – zentral.

Was ist unter selbstbestimmtem Sterben genau zu verstehen?

Mir fiel in der Vergangenheit ein ­eigenartiges Phänomen auf: Wenn Menschen von selbstbestimmtem Sterben sprechen, denken sie meist an den begleiteten Suizid, etwa mit Exit. In diesem Zusammenhang wurde es denn auch in den Medien kontrovers diskutiert. Doch dies ist nur ein kleines Nebengleis in dieser komplexen Thematik. Nur rund 1,8 Prozent aller Menschen in der Schweiz scheiden durch einen begleiteten Suizid aus dem Leben (2018). Viele realisieren nicht, dass der Fortschritt der Medizin dazu ­geführt hat, dass man heute in den meisten ganz normalen Fällen auch erst dann stirbt, wenn man sich aktiv für das Sterben, beziehungsweise für die Nichttherapie entscheidet.

Können Sie dies präzisieren?

Eine Statistik aus dem Jahr 2013 zeigt, dass dem Tod in 58,7 Prozent der Fälle eine Selbstbestimmung vorausgeht. Konkret stellen sich Fragen wie: Möchte ich lebensverlängernde Massnahmen, ja oder nein? Wenn ich mit 95 eine Lungenentzündung habe, will ich dann Antibiotika nehmen oder nicht? Wenn ich im hohen Alter eine Grippe habe, ein Nierenversagen oder eine Krebserkrankung entwickle, will ich daran sterben oder will ich die Krankheit behandeln? Diese Entscheide müssen aktiv gefällt werden. Man stirbt meist nicht mehr, weil es die Natur oder das Schicksal so will. Wir sterben, weil wir bereit sind, es zuzulassen. Das darf man aber nicht mit Suizid in Verbindung bringen.

Wie sehr werden Betroffene in ­diesem Entscheidungsprozess von ihren Ärzten beraten?

Seit dem 1. Januar 2013 gilt in der Schweiz das neue Erwachsenenschutzgesetz. Darin ist klar festgehalten, dass die letzte Entscheidung über das eigene Leben, bzw. über den eigenen Tod, nur beim Betroffenen liegt. Der Arzt darf erklären, woran man leidet und was man ­dagegen machen könnte, darf den Patienten aber in keinem Fall in seiner Entscheidung einseitig beeinflussen. Ärzte dürfen juristisch die Entscheidung nicht bestimmen. Das ist für Ärzte höchst anspruchsvoll. Denn Patienten wünschen sich oft solche Ratschläge, da sie selbst mit der Entscheidung überfordert sind.

Sie sprechen die Überforderung an. Wie einfach fällt es uns Menschen, sich für oder gegen den Tod zu entscheiden?

Viele von uns sind hochambivalent. Die Herausforderung ist, dass ­Patientinnen und Patienten zuerst herausfinden müssen, was sie wirklich wollen. Und zwar nicht, was die Angehörigen wollen, oder was vom Umfeld erwartet wird. Sie müssen spüren, ob sie selber bereit sind zu sterben, oder ob sie alles daran setzen möchten, den Tod ­abzuwehren. Dies erfordert viel Aufklärung, geduldige Ärzte und Pflegefachpersonen sowie einen offenen Dialog im persönlichen Umfeld. Auf der anderen Seite überfordert dieser Prozess auch viele Ärzte. Sie haben ihren Beruf ja meist deshalb gewählt, weil sie beim Überleben helfen wollen, nicht beim Sterben. Sie befinden sich in einer Zwickmühle, über die aber niemand spricht.

Wieso fällt es uns als Gesellschaft so schwer, über den Tod und insbesondere über das selbstbestimmte Sterben zu sprechen?

In unserer Kulturgeschichte wird selbstbestimmtes Sterben seit Jahrhunderten mit dem Suizid in Verbindung gebracht. Dabei war der Selbstmord historisch gesehen der Sündenfall schlechthin. Mit Gesetzgebungen, religiösen Tabus, sozialem Druck und strafrechtlichen Verboten wurde jahrhundertelang alles unternommen, dass Menschen nicht über ihren eigenen Tod entscheiden. Durch die medizinischen Errungenschaften sind wir heute – überspitzt formuliert – gezwungen, den selbstbestimmten Tod zum Normalfall zu machen. Wir müssen nun lernen, mit diesem Normalfall umzugehen. Wir müssen darüber sprechen.

Gibt es im Umgang mit diesen ­Fragen Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Ja. Ich glaube, dass Frauen eher einen Zugang zu existenziellen Lebensfragen haben als Männer. Sie gehen offener damit um und beschäftigen sich generell auch stärker mit Gesundheitsthemen. Sie sind im Schnitt zudem stärker in die Pflege von Kranken involviert, machen mehr Besuche in Spitälern oder Pflegeheimen und erleben das Thema Sterben oft sehr viel näher. Ob ihnen dies die Entscheidung in Bezug auf ihr eigenes Leben schlussendlich einfacher macht, sei dahingestellt.

Welche Rolle können Patienten­verfügungen in der Entscheidungsfindung spielen?

Die Patientenverfügung ist ein wichtiges Instrument. Sie regt dazu an, sich über das Sterben Gedanken zu machen. Man merkt, welche ­Fragen sich überhaupt stellen. Man nimmt sich Zeit, sich mit dem Thema Tod anzufreunden, und kann vielleicht auch im Umfeld gewisse unangenehme Gespräche führen. Man tastet sich an das Thema heran und beginnt einen inneren Weg zu gehen, auf dem man sich mit den entstehenden Fragen beschäftigt.

Glauben Sie, dass sich der Umgang mit dem selbstbestimmten Sterben bald ändern wird?

Es wird spannend zu sehen sein, ob die Generation der Babyboomer bereits souveräner damit umgehen kann. Im Moment spricht nicht viel dafür, das Thema Tod ist noch immer etwas, worüber man lieber nicht sprechen möchte. Selbst Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, sind sich oft nicht bewusst, welcher Paradigmenwechsel hier bereits stattgefunden hat.


Heinz Rüegger wurde 1953 geboren, hat drei erwachsene Kinder und wohnt mit seiner Frau im Zollikerberg. Er ist ausgebildeter Theologe, Ethiker und Gerontologe und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Fragen des Alters und des Alterns. Seit seiner Pensionierung Ende 2018 ist er freiberuflich und als freier Mitarbeiter des Instituts Neumünster tätig. Dabei ist ihm der Brückenschlag zwischen wissenschaftlicher Forschung und dem praktischen Alltag von Institutionen des Sozial- und Gesundheitswesens wichtig.

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