«Die will doch nur helfen»

Ein netter Anruf, eine besorgte Bankmitarbeiterin und schon ist das Konto leer. Die Reaktion: «Das hätte mir auch passieren können».

Die Besucherinnen konnten sich auch über eigene Erfahrungen austauschen. (Bilder: bms)

Auf eine Mail, in der ein Erbe für einen verstorbenen Multimillionär gesucht wird, fällt wohl keiner mehr rein. Die Betrüger sind perfider geworden. Deshalb hatten die Fachstellen für das Alter Zollikon und Zumikon vergangene Woche eingeladen. Zu Gast war das Forumtheater Zürich. Auf Grundlage von Gesprächen mit der Kantonspolizei und Betroffenen haben die Schauspieler die Erfahrungen umgesetzt und demonstrierten, wie Senioren ganz en passant beraubt und ausgetrickst werden.

In realistischen Alltagssituationen führten die drei Darsteller eindrucksvoll vor, wie schnell ein Konto leergeräumt ist. Dafür schlüpften sie ansatzlos in unterschiedliche Rollen und blieben absolut authentisch. Der konkrete Fall: Die nette Frau Schulthess meldet sich telefonisch bei Mäggy. Die ältere Dame ist gerade allein zu Hause. Dabei sei angemerkt: Mäggy ist keine bettlägrige Seniorin. Sie steht mit beiden Beinen im Leben. Frau Schulthess ist von der zuständigen Bank und hat ein besonderes Anliegen. Es seien Sicherheitslücken aufgetreten und zu befürchten sei, dass auch das Konto von Mäggy und ihrem Mann gehackt worden sei. Natürlich ist das der Bankberaterin extrem unangenehm. Immer wieder entschuldigt sie sich. «Deswegen müssen wir sicherheitshalber auf Ihr Konto schauen», unterstreicht sie mit dringlicher Stimme. Schliesslich gehe Sicherheit vor – gerade wenn es ums Geld geht. Das leuchtet Mäggy ein. Sie öffnet den Computer und lässt sich von der angeblichen Mitarbeiterin der Bank durch das Programm führen – bis sie schliesslich das Fernwartungsprogramm aktiviert hat. ­Mäggy hat zwar ihre Bedenken. «Ich kann Ihnen doch nicht mein Passwort verraten», zögert sie. Frau Schulthess beruhigt: «Sie sagen es mir ja nicht. Sie geben es nur ein. Ich kann das nicht lesen.»

Mäggy ist erleichtert, als Frau Schulthess ihr sagt, mit dem Konto sei alles in Ordnung. Am nächsten Morgen war das Konto leer.

«Die klang so fürsorglich»

Nach dem szenischen Teil hatten die Besucher und Besucherinnen Zeit, sich gegenseitig auszutauschen. Unisono war zu hören: «Das hätte mir auch passieren können.» Die Betrüger nutzen den Überraschungsmoment und verwickeln die Angerufenen so schnell in ein Gespräch, dass diese gar keinen klaren Gedanken fassen können. «Die Frau Schulthess klang so fürsorglich und besorgt. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass sie helfen will», meinte ein Besucher.

Zu Gast bei der katholischen Kirche war nicht nur das Forumtheater, sondern auch der Polizeibeamte Thomas Patrick. Auch er hatte Ratschläge. Nach solchen Anrufen sollte immer die Polizei informiert werden. Selbst wenn der Trick nicht funktioniert hat. So wisse die Polizei, wo genau die Telefonbetrüger aktiv sind und könne die Bevölkerung gezielt aufklären.

Ganz ohne Scham melden

Auch diejenigen, die auf den Trick reingefallen sind, sollten sich melden – ganz ohne Scham. Es passiere auch Menschen, die normalerweise überlegt handeln. Die Fachstelle für Seniorenschutz sei speziell auch für die Opfer da – und das langfristig. Mit psychologischer Unterstützung und wenn nötig einer Schulden­beratung. «Es gibt Opfer, die sich für die Betrüger verschulden», unterstrich Thomas Patrick. Grundsätzlich rät die Polizei, aufmerksam und kritisch zu sein. «Eine 044 auf dem Telefondisplay sagt nicht automatisch, dass der Anruf aus Zürich kommt. Die Nummer kann schnell manipuliert werden und aus dem Ausland kommen», erläuterte der Polizeibeamte. Das gelte auch für Mail-Absender. Er machte klar: Sei einmal Geld geflossen, gebe es so gut wie keine Möglichkeit, dieses zurückzuholen. «Wir wissen oftmals, in welchen Ländern die Betrüger sitzen. Aber dort zählt es nicht selten zum Bruttoinlandseinkommen und wir können nichts machen.»

Was die Senioren und Seniorinnen machen können, ist sich informieren. Am 18. November haben sie wieder Gelegenheit. Dann lädt die Zolliker Spitex um 18 Uhr in den Gemeindesaal zu einem Referat über den Enkelbetrug.

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