Medizin trifft auf Musik

Ein langes Leben mit Disziplin und Empathie.

Auch mit 102 Jahren legt Cécile Staehelin – liebevoll Cilli genannt – viel Wert auf ihr Äusseres. (Bild: bms)

Die Anwohner rund um die Tobelhusstrasse werden sich vergangene Woche wohl sehr gewundert haben. Am Nachmittag war ein Alphorntrio zu hören, am Abend spielte die Harmonie Zumikon auf der Strasse auf. Der Grund für die musikalischen Ständchen war der 102. Geburtstag von Cécile Staehelin. Musik spielte aber nicht nur an diesem Ehrentag eine grosse Rolle, sondern gehört zur ganzen Familie. Der vor sieben Jahren verstorbene Ehemann Dietrich war Cellolehrer, die drei Kinder spielen Cello, Querflöte, Saxofon und Klavier. Neben der Musik gehört die Medizin zum langen Leben der Zumikerin. Da der grosse Bruder seinerzeit ein Medizinstudium in Basel aufgenommen hatte, fragte die junge Frau ihren Vater, ob sie auch Medizin studieren dürfe. Seine Antwort: «Ja. Aber dann musst du eine besonders gute Ärztin werden.» Ihr Vater wird nicht der erste und auch nicht der letzte gewesen sein, der findet, Frauen müssen im selben Beruf besser und härter arbeiten als Männer.

Arbeit im Absonderungshaus

Nach dem Studium ging Cécile Staehelin für ein halbes Jahr nach Davos ins Militärkrankenhaus. Um genauer zu sein ins Absonderungshaus der Tuberkuloseabteilung. In einem früheren Interview erinnert sie sich noch genau an diese Zeit.

Im Militärsanatorium lagen jeweils 40 bis 50 Patienten – und das oft für Monate. Der Tag sei klar organisiert gewesen. Nach dem Morgenessen wurden die Soldaten für zwei Stunden zur Liegetherapie an die frische Luft geschoben. Leise Unterhaltungen seien erlaubt gewesen, an jedem Bett stand ein Spucknapf. Nach dem Mittagessen durften die Patienten einen Spaziergang machen, dann ging es wieder für zwei Stunden auf den Balkon. Eine grosse Erleichterung brachte schliesslich der Einsatz von Antibiotika, die vielen Erkrankten schnell half.

Nach dieser Assistenzstelle folgte die erste richtig Anstellung in der Pflegerinnenschule Zürich, wo sie für die medizinische Versorgung des Personals verantwortlich war. Später arbeitete sie im Spital Neumünster. Dabei zeichnete sie sich besonders durch ärztliche Hilfsbereitschaft aus. «Sie ging auf andere zu, wollte helfen. Gleichzeitig war sie immer eine sehr disziplinierte Frau», erinnert sich ihr Sohn Johannes.

Cécile Staehelin wollte nicht nur immer arbeiten. Sie musste es auch. «Meine Eltern hatten nicht viel Geld. Vor der Hochzeit soll der Zivilstandsbeamte gefragt haben, ob sie sich das überhaupt leisten könnten», weiss der Sohn aus Erzählungen. Der Vater arbeitete ja als Cello­lehrer, was nicht sehr einträglich war.

Nachmittags in den Garten

Ganz oben in dem alten Haus zeigt Johannes Staehelin ein Tafelklavier – der Vorläufer des Flügels. (Bild: bms)

Im Jahr 1959 zog die Familie aus Zollikon an die Tobelhusstrasse in Zumikon, in ein umgebautes altes Riegelhaus. Johannes Staehelin: «In den 50er-Jahren war es so, dass die Reichen in Zumikon oberhalb der Forchstrasse wohnten. Unten lebten die Ärmeren, ausserdem gab es viel Freiland.» Doch die Ärztin und Mutter freute sich nicht nur auf das eigene Haus – vom bekannten Architekten Oscar Burri umgebaut – sondern vor allem über den grossen Garten. Sie baute Gemüse an, erntete Obst, kümmerte sich jeden Nachmittag. «Wir waren keine Selbstversorger, aber es kam schon viel aus dem eigenen Anbau auf den Teller», erinnert sich der Sohn. Der besondere Clou des Hauses: Ganz oben schuf Burri eine Galerie. Dort fanden viele Hauskonzerte statt. Nebenbei gründete Dietrich Staehelin ein Laienorchester, die «Zumiker Musiker».

So wie Cécile Staehelin schon früh emanzipiert war, half sie auch ihren beiden Schwiegertöchtern und hütete die Enkelkinder, damit die Mütter arbeiten gehen konnten. Mittlerweile ist schon das erste ­Urenkelkind unterwegs.

Noch immer ist die Zumikerin gerne zu Fuss unterwegs, manchmal kommt der Rollator mit. «Wir drei Kinder kommen regelmässig zu Besuch, dann machen wir fast immer wenigstens einen kleinen Spaziergang.» Von den Einschränkungen der Corona-Pandemie habe sich die Mutter nicht gross beeindrucken lassen. Als Medizinerin habe sie sich natürlich an die Vorgaben gehalten und sich auch früh impfen lassen. Was Cécile Staehelin unterstreicht: «Wir haben einfach nicht so sehr darauf geschaut, was nicht geht, sondern auf das, was noch geht.»

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