Ein Ort zum Bleiben

Die Einbürgerung hatte letztes Jahr Hochkonjunktur. Ausländerinnen und Ausländer, ganze Familien wünschen sich eine neue Heimat. Dafür sind sie bereit, verschiedene Kriterien zu erfüllen, etwa eine Prüfung über Gesellschaft, Schweizer Geschichte und Politik.

Für die Einbürgerung muss fleissig lernen, wer die Prüfung bestehen will. (Bild: ab)

2021 gab es in Zollikon derart viele Einbürgerungen, dass die Statistik noch in Arbeit ist. Am 17. Dezember, in der letzten Ausgabe des Zolliker Zumiker Boten, sind nochmals 25 Personen publiziert worden, die der Gemeinderat in das Bürgerrecht aufgenommen hat. Gab es im Jahr 2014 in Zollikon 59 Einbürgerungen, waren es vier Jahre später 89. 2020 stieg die Zahl auf 114. Aus der Statistik ist auch ersichtlich, dass der Gemeinderat von 2014 bis 2020 keine Gesuch­stellende ablehnen musste, da alle die Voraussetzungen erfüllten. ­Gemeinderätin Sylvie Sieger und Gemeinderat Urs Fellmann sind ­gemeinsam seit 2018 zuständig für die Bürgerrechtsdelegation. Gibt es mit der gesteigerten Nachfrage seit 2020 einen möglichen Zusammenhang mit der Pandemie beziehungsweise die Sehnsucht nach einer sicheren Heimat mit viel ­Lebensqualität? «Während des Lockdowns waren Familien ganz einfach zusammen zu Hause und hatten endlich die nötige Zeit, um die erforderlichen Unterlagen zusammenzustellen. Grundvoraussetzung ist natürlich – und es ist immer wieder schön zu hören –, dass sich die Einbürgerungswilligen in Zollikon sehr wohl, eingebettet und sicher fühlen», sagt ­Sylvie Sieger.

«Schweizer sein, das ist nicht schwer, Schweizer werden dagegen sehr», schreiben Daniel Hurter, Urs Kernen und Daniel V. Moser-­Lécho im Vorwort zu ihrem Bestseller «Der kleine Schweizermacher – Alles Wichtige über unser Land». Wer die Staatsbürgerschaft erwerben möchte, benötigt ein fundiertes Wissen über das Land, das sie als neue Heimat wählen. Auf rund 170 Seiten für 29 Franken 90 Rappen haben die Autoren Wissenswertes in leserfreundliche Kapitel gegliedert. Zumal nach jedem Kapitel ein Test den Lernerfolg sichtbar macht. Die Fragetechnik mit Mehrfachauswahl lässt nur richtig oder falsch zu. Es sind Originaltests der Kantone Aargau und Bern. Im Kanton Bern müssen 60 Prozent der Antworten richtig sein für eine Einbürgerung. Im Kanton Aargau dient das Testresultat als Grundlage für das Einbürgerungsgespräch in der Gemeinde. Im Kanton Zürich regelt die gleiche Quote wie im Kanton Bern den Erwerb des Bürgerrechtes. In der föderalistischen Schweiz bestimmt jeder Kanton selbst über alle massgebenden Kriterien. Im Kanton Zürich existiert seit 2017 ein einheitliches ­Einbürgerungsreglement, die sogenannte «Kantonale Bürgerrechtsverordnung» (KBÜV). Seit dem 1. Januar 2022 gilt diese auch in Zollikon, mit kleinen Ergänzungen. Die Gemeinde Zumikon hat die ­Verordnung ohne Ergänzungen übernommen. «Es ist so, dass der Bund und für uns vor allem der Kanton in Sachen Einbürgerungen die Taktgeber sind, so dass in den Gemeinden fast nichts mehr eigenständig zu regeln bleibt», erklärt Thomas Kauflin, der Zumiker Gemeindeschreiber.

Die Einbürgerungswilligen von Zumikon absolvieren den Deutsch- und Grundkenntnis-Test bei der «Stiftung Weiterbildungskurse» (WBK) in Dübendorf. Der Kanton Zürich hat einige Bildungsinstitutionen bestimmt, die legitimiert sind, die Tests nach kantonalem Standard durchzuführen.

Gemäss Artikel 3 des Zolliker Reglementes verlässt sich der Gemeinderat auf die Einbürgerungsprüfung, die im Bildungszentrum Zürichsee BZZ durchgeführt wird. Dazu gehört ein Vorbereitungskurs mit acht Lektionen für Deutsch und der Kurs für Gesellschaft dauert 16 Lektionen . «Unsere Kurse für ­Gesellschaft sind ausgebucht», sagt Carmelo Quattrocchi, Fachbereichsleiter des Bildungszentrums. Die Einbürgerungsprüfung dauert 180 Minuten. Deutschkenntnisse werden schriftlich und mündlich während insgesamt 90 Minuten geprüft. Der Gesellschaftstest dauert 90 Minuten. Jede Kandidatin und jeder Kandidat bekommt zum Abschluss ein individuelles Kompetenzprofil für den Gesellschaftstest und für Deutsch einen sogenannten «KDE-Testnachweis» (Kantonaler Deutschtest für die Einbürgerung – KDE) als Unterlagen für die Bürgerrechts­delegation im Gemeinderat.

Viele Zollikerinnen und Zolliker ­erinnern sich noch, wie an Gemeindeversammlungen jeweils der ­Gemeindepräsident Einbürgerungswillige aus dem Saal geschickt hat. Bürgerinnen und Bürger haben mit «Handheben» über das Schicksal von Menschen bestimmt. Auch damals gab es Kriterien zur Einbürgerung – trotzdem waren die Ausländer in der gelebten direkten Demokratie einer grösseren Willkür ausgeliefert. Die Nationalität passte nicht, die Religion oder schlimmstenfalls die Anzahl Kinder. Man mag über Standardisierung geteilter Meinung sein, aber in diesem Fall bietet sie einen gewissen Schutz vor Vorurteil oder Stigmatisierung.

Nebenbei: Für alle, die den Pass nach der Regel «ius sanguinis» durch mütterliche oder väterliche Abstammung bekommen haben, wäre «Der kleine Schweizermacher» eine anregende Lektüre. Bei den Tests gibt es Fragen, die auch manche mit Schweizer Pass ins Schwitzen bringen.

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