Stets auf der Suche nach Weiterentwicklung

Caroline Borges hat einen Coiffuresalon im Zollikerberg. Die alleinerziehende Mutter eines Teenagers arbeitet sechs Tage in der Woche.

Die 36-jährige Caroline Borges lebt im Zollikerberg und ist seit fünf Jahren selbstständig. (Bild: ab)

Sie sind 36 Jahre alt, alleinerziehend und selbstständig. Dabei wirken sie ziemlich entspannt. Wie bekommt man das alles unter einen Hut?

Ich habe einfach Freude an meiner Arbeit und an den Kundinnen und Kunden. Unabhängig vom materiellen Erfolg, ist es für mich auch ein Erfolg, einen grossen, treuen und interessanten Kundenstamm zu haben. Wir haben einen herzlichen Umgang; mit der Zeit baut sich ein Vertrauensverhältnis auf. Das ist grossartig. Mein Sohn ist mittlerweile 13 Jahre alt, er wuchs damit auf, dass ich viel arbeite und ist sehr selbstständig. Ausserdem habe ich immer geschaut, dass ich mittags zu Hause bin. Und er hat einen Papa, der für ihn da ist. Ein gutes Netzwerk hilft auch, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen.

Hat sich das Geschäft in der Pandemie verändert? Viele Leute sind ja im Homeoffice. Kommen Kundinnen und Kunden seltener in den Laden?

Das ist so. Seit es das Homeoffice gibt und weniger Veranstaltungen, gehen die Menschen auch weniger zum Friseur. Sich schönmachen ist meines Erachtens mehr in den Hintergrund getreten. Die Menschen haben mit anderen Dingen zu tun. Dafür rückt bei uns der psychologische Aspekt in den Vordergrund. Bei einigen Kunden hat das Virus Krisen ausgelöst. Der Redebedarf der Kundschaft ist grösser als früher. Eine Friseurin sollte auch eine gute Zuhörerin sein und Freude an den unterschiedlichsten Menschen haben.

Wie gehen Sie mit den Einblicken in das Leben der Kundinnen um?

Sicher reden Kunden und Kundinnen über persönliche Dinge; manchmal fragen sie mich auch um Rat. Ausgebildet dafür bin ich nicht. Ich glaube, um das geht es auch nicht. Wenn meine Kunden persönliche Dinge erzählen, wollen sie vielleicht einfach nur reden oder meine Meinung hören zu einem bestimmten Thema. Es ehrt mich auch ein bisschen, denn wenn meine Meinung wichtig ist, bin ich der Kundschaft ja auch wichtig. Ich bin keine Expertin in Lebensfragen, habe jedoch viel erlebt und kann aus einem grossen Fundus schöpfen.

Ihre Eltern stammen aus der ­Dominikanischen Republik. Als Sie 12 Jahre alt waren, sind Sie und ihre beiden Geschwister mit der Mutter in die Schweiz gekommen. Kulturell trafen zwei Welten aufeinander. Wie war das für Sie?

Für mich war es kein Kulturschock. Als Zwölfjährige nimmt man die Dinge wie sie sind. Meine Geschwister und ich lebten uns schnell ein. Meine Mutter ist in die Schweiz gekommen, weil sich für sie beruflich bessere Chancen aufgetan hatten. Sie hat uns drei Kinder dann alleine aufgezogen. Das ist sicher auch ein Grund, weshalb wir einen festen Zusammenhalt ­haben. Wir reisen auch regelmässig in die Dominikanische Republik, ich spreche Spanisch, aber meine Heimat ist auf jeden Fall die Schweiz. Manche sagen, ich sei schweizerischer als einige Eidgenossen. Das kann ich nicht beurteilen, aber hier wurden mir so viele Möglichkeiten geboten, ich bin nicht sicher, ob ich die in der ­Dominikanischen Republik erhalten hätte. Hier ist jedenfalls mein Zuhause, das meiner Familie und meiner Freunde.

Sich selbstständig zu machen, ist auch mit Risiko verbunden. Sie haben die Verantwortung für drei angestellte Mitarbeiterinnen. Hat Ihnen das nie schlaflose Nächte bereitet?

Nein, gar nicht. Ich habe bereits in jungen Jahren Coiffeurgeschäfte für meine damaligen Chefs aufgebaut – und das sehr erfolgreich. Meine Mutter hat ein eigenes Coiffuregeschäft und meine Schwestern sind auch selbstständig. Eine Schwester arbeitet als Tänzerin, die andere hat sich einen Namen in der Modebranche gemacht. Vor fünf Jahren war es in meiner Lebenssituation einfach der nächste und schlüssigste Schritt, beruflich auf eigenen Beinen zu stehen. Sicher gab und gibt es Höhen und Tiefen, das gehört dazu. Ich verkrampfe mich nicht, bin immer auf der Suche nach Weiterentwicklung, was neue Produkte oder Techniken betrifft, auch bei Mitarbeiterinnen oder Kunden gegenüber. Angst vor dem Scheitern habe ich nicht. Das Wichtigste ist, flexibel und lernfähig zu bleiben. Meine Devise ist, wenn etwas schiefläuft: Wieder aufstehen, wenn man hingefallen ist!

Was ist das Wichtigste, dass Sie als Selbstständige gelernt haben?

Es ist wichtig zu wissen, mit wem man zusammenarbeitet, wo man arbeitet und wofür man das Ganze tut. Wichtig ist mir vor allem, dass meine Kundschaft zufrieden ist. Ich investiere viel in sie und sie dürfen das auch von mir erwarten. Auf der anderen Seite erwarte ich von den Firmen, deren Produkte ich verwende, dass sie sich um mich als Kundin kümmern. Das ist auch der Grund, weshalb ich nur noch kleine, nachhaltige und biologische Marken verwende. Für die grossen Brands sind kleine Geschäfte nicht wichtig.

Mischlingsrüde Gold hat im Geschäft sein eigenes Körbchen. (Bild: ab)

Wie verbringen Sie Ihre knapp bemessene Freizeit?

Ich wohne im Zollikerberg und liebe es, mit meinem Hund Gold in den Wald zu gehen – und gerne auch mal von hier aus in die Stadt. Die ist ja so nah. Da wird mir immer wieder bewusst, wie schön es hier oben ist. So hell! Während bei uns im Herbst und Winterzeit öfters die Sonne scheint, ist in Zürich der Himmel nebelverhangen. Ausserdem finde ich die Leute hier viel besser gelaunt als in Zürich. Manchmal treffe ich Bekannte oder auch Kunden, dann reden wir miteinander. Das ist doch einfach genial.

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