Adieu, Billett-Chauffeur

Das digitale Zeitalter fordert seinen nächsten Tribut. ­Auch in den Regionalbussen Zollikons und Zumikons können Fahrgäste spätestens ab 2027 keine Billette mehr beim Chauffeur kaufen. Der Bundesrat verspricht eine kundenfreundliche Ersatzlösung.

Der kurze Plausch mit dem Buschauffeur der AZZK, das freundliche Lächeln – womöglich bald Opfer der Digitalisierung. (Bild: cef)
Der kurze Plausch mit dem Buschauffeur der AZZK, das freundliche Lächeln – womöglich bald Opfer der Digitalisierung. (Bild: cef)

Der Bus schürft mit seinen Reifen dem Bordstein entlang und öffnet die Türen. Vorne steigt ein Passagier ein, murmelt dem Chauffeur seine Destination zu, während er noch in seinen Hosentaschen wühlt. Hinter ihm trippelt eine Frau herein, schliesslich stellt sich mit fast schuldbewusster Miene ein älterer Herr an, um ebenfalls sein Last-­Minute-Billett zu lösen.

Fahrgäste, die es nicht so mit der Geduld haben, können aufatmen: Szenen wie diese gehören spätestens 2027 der Vergangenheit an. Der Kantonsrat hat vergangenen Montag beschlossen, den Billett­verkauf in Regionalbussen abzuschaffen. Den Vorschlag der SP, den Verkauf lediglich einzuschränken, lehnte der Rat entschieden ab. Hingegen soll «nach einer einfachen Vertriebsmöglichkeit in den Bussen» gesucht werden. Diesem ­Mehrheitsantrag der vorberatenden Kommission für Energie, Verkehr und Umwelt (KEVU) stimmte der Rat zu.

Unwirtschaftlich

«Das ÖV-Billett auf Papier stirbt aus», sagt Markus Bärtschiger (SP Schlieren). Die Zahlen geben ihm Recht: 2019 wurden nur mehr rund sechs Prozent aller Billette an bedienten Service- und Beratungs­stellen gekauft. In Regionalbussen waren es immerhin noch 6,5 Prozent. Diese Zahlen brachen infolge der Coronapandemie weiter ein und stagnieren seit Oktober 2020 auf etwa zwei Prozent. Der Billettverkauf am Schalter oder beim ­Buschauffeur scheint nicht mehr zeitgemäss. Laut Regierungsrätin Carmen Walker Späh sei es teuer und unwirtschaftlich, Papierbillette und Bargeld in allen Bussen bereitzuhalten.

Was aber ist mit der Dame, die ihr Handy zu Hause vergessen hat? Oder dem älteren Herrn, der nicht weiss und auch nicht wissen will, wie er in der digitalen Welt an ­seine Tickets kommt? Die Digitalisierung hat längst Kinder, Jugendliche und Erwachsene erfasst. Eine Altersgrenze wie noch vor zehn, zwanzig Jahren gibt es nicht mehr. Heute spielen Grosseltern Candy Crush und World of Warcraft. Doch auf der anderen Seite fühlen sich mindestens so viele Menschen über­fordert mit den Auswüchsen der Digitalisierung. Vor allem älteren Menschen fällt es schwer, den ­Zugang zu finden. Aber auch jüngere Leute entscheiden sich immer öfter gegen ein Smartphone. Die alten Automaten sind längst technisch frisierten gewichen. Billettschalter mit Personen aus Fleisch und Blut gibt es nur noch an grösseren Bahnhöfen.

Dame ohne Handy?

Der Kantonsrat glaubt, eine Alternative für den Billettverkauf in ­Regionalbussen bieten zu können mit einem «einfach zugänglichen, benutzerfreundlichen Vertriebssystem auf Basis moderner Technologien». Dieses soll den Vertrieb effizienter machen und für Fahrplanstabilität sorgen.
Ob die Dame ohne Handy und der ältere Herr mit diesem «zugäng­lichen, benutzerfreundlichen Vertriebssystem» zu ihrem Billett kommen, wird sich zeigen.

Zusammenfassend erklärt Regula Baumgartner, Geschäftsleitung des Autobusbetriebs H. Baumgartner AG (AZZK) auf Anfrage: «Die Chauffeure brauchen weniger Zeit an den Stationen. So kann die Pünktlichkeit in Stosszeiten besser gewährleistet werden. Im Wandel der Digitalisierung ist dieser Entscheid nachvollziehbar, die meisten Fahrgäste besitzen ein Smartphone mit allen Informationen inklusive Fahrplan. Für ältere ­Menschen ohne Smartphone sollte eine gangbare Lösung gefunden werden.»

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