Willkommen bei den Ulrichs!

Den schwer geprüften Menschen der Ukraine schwappt eine Welle der Hilfsbereitschaft entgegen. Viele spenden oder nehmen Geflüchtete im eigenen Heim auf. Wie Familie Ulrich aus Zollikon.

Katrin und Nils Ulrich mit den Kindern Liv und Mats. Seit zehn Tagen sind sie Gastgeber für drei ukrainische Flüchtlinge. (Bild: zvg)

„Was ist wirklich wichtig im Leben?“, fragte sich die Zollikerin Katrin Ulrich nach einem Todesfall in der Familie. Sie führte mit ihrem Mann lange Gespräche. Beide kamen zum Schluss, dass Beziehungen das Wichtigste seien. Die vierköpfige Familie Ulrich lebt privilegiert in einem grossen Haus, das Dachgeschoss mit Bad und drei Zimmern war ungenutzt. Das gab den Anstoss zu helfen. Seit zehn Tagen beherbergen sie nun drei ukrainische Flüchtlinge. Der Kontakt entstand letztlich über private Kontakte, die Familie war aber auch offiziell registriert. Katrin Ulrich bot Unterstützung an und drei Tage später zogen die 29-jährige Irina mit ihrem vierjährigen Sohn Vlad sowie die 30-jährige Veronika ein.

Dramatische Flucht

Vier Tage waren die beiden Frauen mit dem Kind im Auto von Kiew aus unterwegs. Am Tag vor der Flucht gingen sie noch arbeiten, abends ins Kino. Dann fielen russische Bomben und zerstörten die Wohnungen der Frauen komplett. Die Freundinnen entschieden sich schnell – und fuhren mit dem Auto erstmal los. Den Kontakt nach Zollikon stellten sie über Bekannte während der Flucht her. Der Vater von Vlad blieb in der Ukraine. In Zollikon angekommen, waren alle erschöpft, aufgeregt und auch unsicher. Doch jetzt, zehn Tage später, ist der Umgang unkompliziert. Oft essen alle gemeinsam, Katrin Ulrich fragt jeweils nach, die Konversation läuft dank Google Translate sensationell. Irina, Veronika und Vlad gehen auf den Spielplatz, erkunden die Gegend, lernen Deutsch, das gebe eine sichere Tagesstruktur. Essentiell sei für die Frauen WLAN, um mit der Familie in der Ukraine zu kommunizieren. Wichtig sei ihnen auch, mit anderen Geflüchteten ins Gespräch zu kommen, hier ein Netzwerk aufzubauen. Diesbezüglich hat Katrin Ulrich schon Kontakt zur Zolliker Gemeinde und zum reformierten Pfarrer Simon Gebs aufgenommen. Er bot an, das Café am Puls als Begegnungsstätte zu nutzen. Das ist nun Montag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr auch für Zolliker Flüchtlinge geöffnet. WLAN und Getränke stehen gratis zur Verfügung.

Als Touristen gemeldet

Katrin Ulrich betont, dass sie in den letzten Tagen viel gelernt habe. Ihre ukrainischen Gäste seien vor dem Krieg geflüchtet, jedoch nicht als Flüchtlinge, sondern erst als Touristen in die Schweiz gekommen. „Beide Frauen lieben die Ukraine, sie sind stolz, gebildet, haben Arbeit. Sie wollen so schnell wie möglich zurück in ihre Heimat.“ Auch gutgemeinte Spenden seien nicht immer hilfreich gewesen. Freunde brachten Kleidung, worauf Irina und Veronika fragten, ob hier alle denken, sie seien arm. „Wir mussten lernen, dass diese Menschen mit uns auf Augenhöhe sind, sie brauchen keine Almosen.“ Dennoch sei es derzeit so, dass Familie Ulrich die Gäste finanziell unterstützt, indem sie Unterkunft und Essen zur Verfügung stellt. Geht es nach ihnen, können die Gäste erstmal bleiben. Beide Frauen haben jetzt aber den Schutzstatus S beantragt.

Die Schweiz bietet schnelle Hilfe

Am vergangenen Wochenende hat der Bundesrat den Schutzstatus S für alle Ukrainerinnen und Ukrainer aktiviert. Somit erhalten registrierte Personen den Schutz der Schweiz ohne ordentliches Asylverfahren. Sie erhalten Aufenthaltsrecht, befristet auf ein Jahr, das aber je nach Lage in der Ukraine verlängerbar ist. Flüchtlinge mit Schutzstatus S dürfen Familienangehörige nachholen, einer Arbeit nachgehen und haben Anspruch auf Sozialhilfe und medizinische Versorgung. Nach Auskunft des Staatssekretariats für Migration haben sich bisher rund 6000 ukrainische Flüchtlinge registriert und damit den Schutzstatus S beantragt. Aus der Bevölkerung sind viele Angebote für private Unterbringungen eingegangen. Die Schweizerische Flüchtlingshilfe koordiniert und vermittelt Geflüchtete an private Gastgeber. In den Schweizer Asylzentren stehen auch mehrere Tausend Plätze zur Verfügung. Der Bundesrat hat ausserdem beschlossen, die humanitäre Hilfe für die Ukraine auf insgesamt 80 Millionen Franken aufzustocken.

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