Das grosse Eschensterben

Nicht immer kündigt sich die Tragödie mit einem Knall – oder einem Sturm – an. Unsere Eschen leiden im Stillen. Seit Jahren. Ein Baum, der seine Wurzeln tief in unsere Geschichte schlägt, scheint vor dem Ende zu stehen.

In den vergangenen Tagen wurden viele Bäume gefällt mit spektakulärem Helikoptereinsatz. Grund war auch das Eschensterben durch einen eingeschleppten Pilz. (Bild: zvg)
In den vergangenen Tagen wurden viele Bäume gefällt mit spektakulärem Helikoptereinsatz. Grund war auch das Eschensterben durch einen eingeschleppten Pilz. (Bild: zvg)

Ylenia, Zeynep, Antonia. Was drei Klassenkameradinnen sein könnten, waren drei Sturmtiefs, die Mitte Februar von Norden her in die Schweiz ­fielen und die Bauschranken an der Zolliker Schützenstrasse reihenweise zu Boden rissen. Im Wald brachen Äste, vereinzelt fiel ein Baum. Förster Arthur Bodmer und die Holzkorporation Zollikon treiben ganz andere Sorgen um. Allein in der zweiten Märzwoche mussten sie mehrmals ausrücken. Am 10. März lärmte ein Helikopter am Himmel; einen Baum nach dem anderen transportierte er ab. Einige Bäume entlang des Düggelbachs mussten sicherheitshalber weichen – vor allem Eschen.

Eingeschleppter Pilz

Unsere Eschen sterben. Das tun sie seit Jahren; in der Schweiz, in ganz Europa. An ihnen zehrt ein Pilz. Das Falsche Weisse Stengelbecherchen (Hymenoscyphus fraxineus) stammt vermutlich aus Asien und fand über Handelswege nach Europa. Die asiatischen Eschenpflanzen, namentlich die Mandschurische Esche, zeigen sich wenig beeindruckt von dem unscheinbaren Schlauchpilz. Sie haben sich im Laufe der Evolution – und unter dem Druck der natürlichen Selektion – angepasst. Die bei uns heimische Gemeine Esche (Fraxinus excelsior) hatte diese Zeit nicht. Der Pilz macht sie krank. Ihre Kronen verlichten. Triebe sterben von aussen nach innen, von oben nach unten ab. Die Bäume erinnern an zerrupfte Pfeifenputzer. Ist die Esche erst einmal geschwächt, leidet sie rasch unter weiteren Schädlingen wie dem Hallimasch oder dem Eschenbastkäfer.

Biologie eines Übeltäters

Das Falsche Weisse Stengelbecherchen zählt zusammen mit Hefe- und Schimmelpilzen, aber auch Morcheln und Trüffeln zu den Schlauchpilzen. Das, was wir als eigentlichen Pilz wahrnehmen, ist der Fruchtkörper. In ihm entstehen die Sporen, über die sich der Pilz ausbreitet. In den Sommermonaten wachsen die Fruchtkörper besagten Pilzes an Eschenblattspindeln in der Bodenstreu. Weiss. Wenige Millimeter gross. Wie ein Becher. Bläst nun der Wind, nimmt er die Sporen mit – und infiziert gesunde Eschenblätter. Der Pilz dringt binnen weniger Wochen ins Blatt­gewebe und zerstört sämtliche Leitungssysteme, über die der Baum seine Zellen mit Wasser, Gasen und Nährstoffen versorgt. Die Blätter sterben fleckenweise ab. Bald folgen ganze Triebe. Noch kämpft die Esche gegen den Pilz an: Unterhalb der abgestorbenen Zweige treibt sie Ersatztriebe aus. Eine Verbuschung ist die Folge. Für einige Eschen kann das jahrelang gutgehen. Andere sterben eher ab. Hat der Pilz das Mark infiziert, breitet er sich schliesslich auch ins Holz aus und verfärbt es. Der Holzwert sinkt. Und fallen im Herbst die infizierten Blätter zu Boden, bereitet sich der Pilz auf seinen nächsten Zyklus vor: Im Sommer beginnt alles von vorne.

Vor allem bei jungen Eschen befällt der Pilz auch den Stamm und verursacht Stammfussnekrosen. Häufig gesellt sich bei solchen Fällen der Hallimasch, ein Holzzersetzer, dazu. Mit fatalen Folgen; der Baum, nicht mehr standfest, wird zur Gefahr.

Zukunft unserer Eschen

Die meisten Eschen im Zolliker Wald und auch im Zumiker Wald sind befallen. Arthur Bodmer vermutet, dass etwa 80 Prozent verschwinden werden. Die anderen 20 Prozent sind resistent; Resistenz ist zu grossen Teilen genetisch vererbbar. Jene Bäume, die dem Pilz jetzt standhalten, werden ihr Erbmaterial an die nächste Generation weiterreichen. Eine resistentere und gesündere Generation. Der Schaden ist trotzdem gross: Jahrzehntelang förderte Zollikon die Gemeine Esche. Ihr Holz ist hart, aber elastisch. Wertvoll. Gefragt. Was der Verlust der Eschen für die Pflanzen- und Tierwelt, mit der sie assoziiert sind, bedeutet, wird sich erst zeigen.

Anstelle auf Eschen setzt die Holzkorporation Zollikon auf einen durchmischten Bestand aus Douglasien, Nussbäumen und Eiche. Mit Blick auf die Klimaerwärmung eine Chance, Arten anzupflanzen, die sich hier auch künftig wohlfühlen werden.


Ein Weltenbaum

Die Esche begleitet uns seit Jahrtausenden. Sie war da, als sich die Kelten über den europäischen Kontinent ausbreiteten. Sie überdauerte das Römische Reich. Und sie inspirierte in Wikingerzeiten und weit darüber hinaus zahlreiche Erzählungen. So schlägt sie ihre Wurzeln tief in die germanische Mythologie. Als Weltenesche Yggdrasil. Ein kosmischer Baumriese, der oben und unten, Diesseits und Jenseits, die Welten der Götter, der Menschen, der Alben und der Frostriesen verbindet. Drei Wurzeln tragen Yggdrasil. Unter jeder Wurzel entspringt eine Quelle mit mystischen Kräften. Um den Urdbrunnen versammeln sich die drei Schicksalsfrauen. Mimirs Brunnen entspringen Wissen und Weisheit. Odin selbst habe ein Auge gegeben, um aus ­Mimirs Wasser zu trinken und seine Kräfte zu erlangen. Die dritte Quelle, Hvergelmir, ist Heimat unzähliger giftiger Schlangen. Die grösste ist der drachengleiche Nidhöggr, der unentwegt an ­Yggdrasils Wurzel nagt. In Yggdrasils Krone sitzt ein gigantischer Adler. Das Eichhörnchen Ratatösk huscht zwischen Adler und Nidhöggr auf und ab und trägt Botschaften hin und her. Gehässig. Mal wahr, mal weniger wahr. So hält der Zwist zwischen Adler und Schlange noch ewig an. Letztlich äsen die vier Hirsche Dain, Dwalin, Duneyr und Durathror an Yggdrasils Knospen. Halten die Götter – darunter Odin und Thor – noch Gericht unter dem heiligsten aller Bäume, kündigt er im nächsten Moment den Weltuntergang an: Als Yggdrasil erbebt und zu welken beginnt, setzt die Ragnarök ein. In dieser Sage bekriegen sich Götter und Riesen, und ein Feuer verschlingt alle neun Welten. Yggdrasil ist es zu verdanken, dass nicht alles Leben untergeht.

Die Ragnarök ist Untergang und Neubeginn zugleich. Fast so, wie auch die Eschenwelke einen Neubeginn markiert. Für die Eschenbäume. Für die Forstarbeit.


Alle paar Wochen aus der Natur

Die Frösche hüpfen, die Kröten kriechen. Mit dem Regen er­wachen unsere tierischen wie pflanzlichen Nachbarn. Nicht allen geht es gut. Der Zolliker Zumiker Bote forscht nach, wie es um die Eschen in unseren ­Gemeinden steht.

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