Wie grün ist grün genug?

Gesund. Gut. Grün. Es ist überall. In Wald und Park. Im eigenen Garten. Im ­Kühlschrank. In der Guetzlischublade. Grüner Kuchen. Grünes Brot. Aber nur im übertragenen Sinn; den giftigen Schimmel meine ich nicht.

Selbst Kleider können rot und gleichzeitig grün sein. Kreischend kunterbunt und grün. Stammt die Kleidung aus einem Secondhandladen? Super grün. Von Amazon? Da macht auch das knalligste Neongrün die Leggings nicht grüner. Heute können selbst Strom und Putzmittel grün sein. Und Katzenfutter.

Wie grün verhalten Sie sich? Trennen Sie den Abfall? Achten Sie darauf, möglichst wenig Lebensmittel wegzuwerfen? Schalten Sie die Lichter aus, wenn Sie unterwegs sind? Vorbildlich. Und wie grün verhalten Sie sich gegenüber Ihren vielbeinigen oder geflügelten Nachbarn? Schreien Sie den Fuchs an, der sich dreist vor Sonnenuntergang in Ihren Garten wagt? Hassen Sie Türkentauben ebenso wie Stadttauben? Wie viele Spinnen haben Sie zerquetscht oder
mit dem Staubsauger eingesaugt? Achten Sie bei Autofahrten im Regenwetter auf Kröte und Frosch, Weinbergschnecke und Tigerschnegel? «Jedes Lebewesen hat ein Recht auf Leben» – dem würden viele zustimmen. Aber halt. Jedes. Lebewesen. Das schliesst den grusligen Hundertfüsser mit ein, der über den Kellerboden huscht. Und die Stechmücke. Ja, eigentlich auch Pflanzen und Pilze und Bakterien. Wo ziehen Sie Ihre Grenze?

Seufzend lehne ich mich vor meinem PC zurück, gönne mir einen Schluck Energy Drink – verpackt in einer grünen Dose, rezyklierbar und damit absolut grün – und beobachte die Zitterspinnendame, die an der Decke über mir ihr chaotisches Netz spinnt. Sie finden bei mir immer ein sicheres Zuhause. Ich achte auf sie. Ein Pouletschnitzel aber, das kommt wieder mal auf den Teller.

Ramona Bussien

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