Putins Lieblingsphilosoph lebte in Zollikon

Der russische Philosoph Iwan Iljin verherrlichte Russland, die Kirche und den Faschismus. Ab 1938 lebte er in Zollikon und starb hier 1954. Bis 2005 ruhte er auf dem Friedhof, dann liess der russische Staat seine sterblichen Überreste nach Moskau überführen.

Iwan Iljin, Hofphilosoph Putins, lag 51 Jahre lang auf dem Zolliker Friedhof begraben. (Bild: ab)

Iwan Iljin, wer? Zu Lebzeiten dämmerte seine Arbeit fast ungeachtet dahin, doch heute gilt er als wichtigste philosophische Inspiration des russischen Präsidenten Wladimir Putin. In den letzten 20 Jahren erlebte der Philosoph in Russland ein unglaubliches Comeback und gehört zu den meist publizierten und diskutierten Denkern des 20. Jahrhunderts.

Wladimir Putin zitiert ihn in vielen seiner Reden. Auch dank ihm und russischer Intellektueller wie Nikita Michalkow oder dem 2008 verstorbenen Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn begann das erstaunliche Revival des vergessenen Ideologen. Er schrieb über 50 Bücher, früher kaum beachtet, heute alle neu aufgelegt. In seinem Werk «Über die Staatsform» plädiert er für «eine nationale, patriotische, keineswegs totalitäre, jedoch autoritäre – zugleich erzieherische und aufweckende – Diktatur».

Iwan Iljins Weg

Der heute wiederbelebte Hofphilosoph lebte seit 1937 in der Schweiz, 1938 zog er nach Zollikon. Er war ein fleissiger Denker und Schreiber, lebte aber ziemlich unbeachtet und zurückgezogen an der Alten Landstrasse. Als Opfer der russischen ­Revolution floh er mit dem berühmten Philosophenschiff 1922 nach Deutschland. In Berlin wirkte er am russischen wissenschaftlichen Institut. Zunächst feierte er Hitler als Verteidiger Europas gegen die bolschewistische Barbarei. Doch der Totalitarismus und die Kirchenfeindlichkeit Hitlers behagten ihm nicht. Er kritisierte diesen öffentlich, worauf ihm die Stelle entzogen wurde. Er floh darauf ins Schweizer Exil. Dank Fürsprecher erhielt er in Zürich eine Arbeits-und Aufenthaltsbewilligung. Der ebenfalls hier im Exil lebende russische Komponist Sergej Rachmaninow, aber auch Schweizer Nazi-Sympathisanten wie Pfarrer Rudolf Grob setzten sich für ihn ein.

Grab in Zollikon

Iwan Iljin starb 1954 in Zollikon. 2005 wurde sein Grab exhumiert und in die Nekropole des Donskoi Klosters nach Moskau überführt. Der Zolliker Gemeinderat hatte dem Gesuch des russischen Ministeriums für Kultur im August 2005 stattgegeben. Iwan Iljin hatte dies bereits in seinem Testament verfügt. Auf seinem Grabstein, der nach der ­Exhumierung in die russisch-orthodoxe Kirche an die Zürcher Narzissenstrasse transportiert wurde, stand geschrieben: «Alles empfunden. So viel gelitten. In Liebe geschauet. Manches verschuldet. Und wenig verstanden.» Im Moskauer Donskoi Kloster liess Wladimir Putin den Sarg bestatten, brachte Blumen und stiftete einen neuen Grabstein.

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