«Musik fürs Herz, Mathematik für den Kopf»

Offen zu sein für Neues ist das Lebenselixier von Claudia Irniger. Zuerst wird sie Musiklehrerin, dann IT-Expertin. Nach dem Diplom Nummer drei als Sekundarlehrerin managt sie eine Privatschule. Ihre Masterarbeit als Heilpädagogin schreibt sie im Lockdown.

Claudia Irniger auf ihrer Terrasse. Sie lebt seit elf Jahren an der Sennhofstrasse, abseits von Pendlerstrom und Forchbahn. (Bild: fs)
Claudia Irniger auf ihrer Terrasse. Sie lebt seit elf Jahren an der Sennhofstrasse, abseits von Pendlerstrom und Forchbahn. (Bild: fs)

«Ich lebe da, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht ­sagen», beschreibt Claudia Irniger ihren Wohnort. Vor elf Jahren zog sie mit ihrem Mann an die Sennhofstrasse. «Nach nur drei Monaten wussten wir – jetzt sind wir angekommen.» Claudia Irniger fühlt sich wohl in dem naturnahen Ortsteil, steht auf der Terrasse und erzählt, wie Kater Lenny bei Regen bis zu drei Mäuse nach Hause bringt – abseits von Pendlerstrom und Forchbahn.

Aufgewachsen ist Claudia Irniger in Rudolfstetten am Mutschellenpass im Aargau. Auch dort fährt eine Bahn, von Bremgarten nach Dietikon. Damit pendelte sie als Schülerin. «Die Kantonsschule in Wettingen war in den alten Mauern des Klosters untergebracht. Dieser kulturelle Geist hat im Schulbetrieb mitgelebt», erzählt sie. «Wir haben im Chor gesungen, musiziert.» Sie spielt Blockflöten in diversen Tonlagen und klassische Gitarre. Das Saiteninstrument hat sie inspiriert, am Konservatorium und Musikhochschule in Zürich Klassische Gitarre zu studieren. Ihr erster Berufswunsch ist Musiklehrerin. So unterrichtet sie an der Musikschule Luzern fünf Jahre lang Gitarre. «Meine Faszination für Musik hat jedoch eine Konkurrenz – Mathematik. Musik fürs Herz, Mathematik für den Kopf.» Darum ist es für Claudia Irniger selbstverständlich, dass sie sich den zweiten Berufswunsch verwirklicht: IT mit Nachdiplom an der Hochschule Luzern – Informatik. Fingerkombinationen für Akkorde auf der Gitarre lösen Programmieren am Computer ab. Die Quereinsteigerin wird Softwareentwicklerin bei Swisscom. Ein internationaler schwedischer Grosskonzern beruft sie als ICT-Leiterin (Informations- und Kommunikationstechnologien) für die Niederlassung Schweiz. «Ich habe gerne mit den vielen Männern zusammengearbeitet.» Nächste Station ist eine IT-Firma, die sich auf Strategien spezialisiert. Claudia ­Irniger bekommt Lust auf Berufswunsch Nummer drei. Und schreibt sich an der Pädagogischen Hochschule ein. Sie schliesst das Studium zur Sekundarlehrerin ab. Die ersten Berufserfahrungen macht sie in einer Volkschule, danach in einer Privatschule mit Kleinklassen; schliesslich übernimmt sie die Leitung dieser Schule.

Die Lust am Lernen ist ihr im Schulmanagement nicht vergangen. Ein weiteres Studium für Sonderpädagogik folgt: Mitten im Lockdown, im Alter von 50 Jahren, schreibt sie ihre Masterarbeit an der Hochschule für Heilpädagogik HFH. Kein Wunder, gönnt sie sich danach eine berufliche Auszeit. Nicht etwa zum Faulenzen – sie interessiert sich für «Humanistische Psychologie». Das Paradigma lautet: Der Mensch ist immer in Entwicklung aus sich ­selber heraus, vorausgesetzt, er hat eine geeignete Umgebung mit passenden Rahmenbedingen – das gilt für Kinder, wie für Erwachsene. Eine Beraterausbildung nach Carl Rogers bietet pca-Suisse, die Schweizerische Gesellschaft für den personenzentrierten Ansatz in Psychotherapie, Beratung und Kommunikation. In der Zwischenzeit hat auch noch die Schule Meilen angefragt, die eine Stelle für eine Heilpädagogin vakant hat. Bis im Sommer 2022 ist Claudia Irniger für die vierten Klassen eingeteilt. «Mich beschäftigt schon längere Zeit, wie sich Digitalisierung auf die Gesellschaft auswirken wird. Es kann nicht sein, dass Konzerne vom Silicon Valley uns unsere ­Zukunft diktieren», sagt sie. «Das Potential, das in uns schlummert, muss entdeckt und gefördert ­werden. Das gilt auch für mich persönlich.»

Ein Kindertraum wird wahr: Kilian, ein junger Freiberger erobert Claudia Irnigers Herz. «Wir trainieren zusammen. Worte und Gedanken manifestieren sich in meiner Körperhaltung, das versteht das Pferd, so kommunizieren wir zusammen.» Er steht im Stall bei einem Bauern in Meilen. Claudia Irnigers Lebenspartner hat Geschichte und Politologie studiert; er bewegt sich im Berufsalltag in einer anderen Welt, steht jedoch abends auch mal in der Küche und zaubert ein Essen. Zumal es ihm mit dieser Frau nie langweilig wird. Mit ihrer ­Offenheit für Neues gehen ihnen die Themen nicht aus. Aus diesem Grund fühlt sich das Paar wohl, wo Hase und Fuchs sich gute Nacht sagen.

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