Das Rheingold vom Zeltweg 11

Andreas Homoki im Gespräch über seine Inszenierung von Wagners «Rheingold» am Zürcher Opernhaus. Weshalb die Oper bestens zu Zürich passt und wie Wagner Teile des Ring-Zyklus im Hotel Baur au Lac vorsang.

Bis 2025 bleibt Andreas Homoki Intendant im Zürcher Opernhaus. Es sei das fleissigste Opernhaus der Welt mit den vielen Neuproduktionen. (Bild: Daniel auf der Mauer)

Am Samstag ist Premiere von «Rheingold» als Auftakt zu Wagners «Ring des Nibelungen». Warum gerade jetzt?

Andreas Homoki: Im zehnten Jahr als Intendant des Opernhauses Zürich ist die Zeit jetzt auch reif für Richard Wagners Opernzyklus.

Ist die Tetralogie ein Abschieds­geschenk an Ihr Publikum, da Sie Ihren Vertrag am Opernhaus nur noch bis 2025 erneuerten?

Abschiedsgeschenk – man kann das so sehen. Ich bin jetzt mit diesem wunderbaren Haus bestens vertraut, alle kennen meine Art zu arbeiten und ich kann den Ring zusammen mit dem Generalmusik­direktor Gianandrea Noseda «schmieden». Zumal der Ring Zürcher Wurzeln hat.

Wie das?

Richard Wagner lebte neun Jahre lang am Zeltweg 11 in Zürich oder zehn Minuten Fussweg vom Opernhaus entfernt. Die Jahre in dieser Stadt gehörten zu seinen produktivsten. Er dichtete, komponierte, besonders an seinem Gesamtkunstwerk «Ring». 1856 sang Richard Wagner mit Franz Liszt am Klavier im nahegelegenen Hotel Baur au Lac erstmals vor Publikum einen Teil des Ring-Zyklus.

Konnte Richard Wagner auch noch gut singen?

Das weiss ich nicht genau, aber Liszt konnte bestimmt exzellent Klavier spielen … (lacht)

Warum befindet sich denn das Wagner Museum in der Landvilla Tribschen in Luzern?

Dort lebte er einige Jahre später insgesamt sechs Jahre lang mit seiner Geliebten Cosima von Bülow. In Luzern wurden 1867 ihre zweite gemeinsame Tochter Eva und 1869 Sohn Siegfried geboren.

Was fasziniert Sie an der Inszenierung?

In den letzten Jahren erfuhr der «Ring» Inszenierungen mit unterschiedlichsten Deutungen seiner vielfältigen metaphorischen Bilder und Situationen. Ich versuche, den Blick wieder mehr auf die Struktur des Stückes zu lenken. Ich will das Stück so inszenieren, dass das Publikum die Figuren und ihre Beziehungen sowie die szenischen Vorgänge möglichst plausibel und detailgetreu wahrnehmen kann – mit möglichst wenig interpretatorischem oder rezeptionsgeschichtlichem Ballast. Sozusagen zurück zum Zeltweg …

Finden Sie trotzdem eine Aktua­lität im «Rheingold»?

Es geht um den Aufstieg und Niedergang der menschlichen Zivilisation – das ist zeitlos und immer aktuell. Richard Wagner hat dieses Thema zu einer Art Märchen oder neugeschaffenem Mythos verarbeitet. Es beginnt mit dem Raub des Goldes, dem Fluch der Liebe und endet mit der Zerstörung der Natur durch Macht und Geldgier. Jede Form von Zivilisation basiert letztlich auf Zerstörung der Natur.

Also hat Wagner schon damals zur Klimadebatte beigetragen.

Als der Mensch das Feuer entdeckte, begann er zum Beispiel durch massive Brandrodungen die Natur zu zerstören. Das gilt auch für die Erfindung der Speerspitze. Oder als der Mensch das Gold entdeckte. Die menschliche Gier nach Gold war der Anlass zu Raubzügen und Kriegen. Gold besitzen, reich sein, das bedeutet Macht über andere Menschen zu haben.

Wann werden Sie Wagners Tetralogie beendet haben?

«Rheingold» startet jetzt, die Premieren von «Die Walküre» und «Siegfried» sind für die kommende Spielzeit 22/23 geplant. Im Herbst 2023 folgt die «Götterdämmerung» und im Frühjahr 2024 werden wir zwei komplette Zyklen aller vier Werke spielen.

Und 2025 übernehmen Sie ein anderes Opernhaus?

Nein, 23 Jahre sind genug. Zürich ist auch das Beste, was mir geschehen konnte. Ich werde nach Zürich wieder wie einst als Regisseur neue Projekte annehmen.

Es gibt doch andere Häuser, etwa in London, mit einer einzigartigen Bühne?

In Zürich bin ich CEO und zugleich künstlerischer Leiter, das ist einzigartig. In London beispielsweise sind beide Positionen getrennt, dort steht in der Hierarchie der CEO zuoberst, danach kommt der künstlerische Leiter. Und Zürich ist das fleissigste Opernhaus der Welt mit mehr Neuproduktionen als jedes andere Opernhaus.

Sie leben schon einige Jahre in der Schweiz, am längsten in Zollikon, was können Sie darüber sagen?

Beeindruckend war für meine ­Familie und mich, wie freundlich wir von unseren Nachbarn aufgenommen wurden. Als wir nach Zollikon zogen, hat unsere Wohnungsvermieterin gleich zu Anfang einen Apéro mit den Nachbarn organisiert. So etwas kannten wir aus Deutschland nicht. Vor einiger Zeit sind wir zwar ein kurzes Stück weitergezogen, nach Küsnacht. Doch wir sehen unsere Zolliker Nach­barinnen und Nachbarn immer noch – zum Glück.

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