Schleimer mit Superkräften

Der März brachte ein strahlend blaues Himmelszelt, steigende Temperaturen, Saharastaub – und keinen Regen. Was für den Zolliker und Zumiker Sonnenanbeter ein Segen war, wurde für die Natur zum Problem. Der Aprilregen lockt nun die ­grossen Gehäuseschnecken aus ihrem Winterversteck.

Wahre Romantiker: Über Stunden hinweg geben sich Weinbergschnecken dem Liebesspiel hin. (Bild: pixabay / stux)

Gemächlich kriecht sie über den regenfeuchten Asphalt, über Moos und Kraut, Ast und Zweig, Dorn und Stachel. Die Weinbergschnecke (Helix pomatia) könnte auch über eine Rasierklinge kriechen. Ohne ihren Schleim: undenkbar.

Superkraft: Schleim

Wie ein Wassermantel umhüllt er den muskulösen Kriechfuss, auf dem das unauffällig braune Gehäuse sitzt. An diesem Kriechfuss sitzen Öffnungen, die den wässrigen und doch hartnäckigen Schleim ausstossen. So entsteht unter der Schnecke ein Schleimgleitbrett. Jetzt, kurz nach ihrer Winterruhe, ist die Schnecke ausgehungert und sucht Nahrung. Los geht’s: einen Zentimeter. Eineinhalb Zentimeter. Zwei Zentimeter. Zwar ermöglicht das schleimige Gleitbrett der Schnecke, senkrecht und kopfüber, zwischen Dornen hindurch und über Messerklingen hinweg zu kriechen. Aber sie lässt sich Zeit.

Besonders schmecken der Weinbergschnecke welker Klee und verrottendes Pflanzenmaterial. Sie ist keine Feinschmeckerin wie die Spanische Wegschnecke. Auch ernährt sie sich nicht von den Gelegen der Nacktschnecken – schön wäre es, doch die grösste Landschnecke der Schweiz lebt rein vegetarisch. Für den Bau und die Reparatur ihres Gehäuses braucht sie Kalk. Den nimmt sie über die Nahrung auf oder schabt ihn mit ihrer Raspelzunge (Radula) von Steinen.

Superkraft: Haus

Igel und Vögel sind für die Schnecken in etwa das, was Tyranno­saurus Rex für Dr. Alan Grant in ­Jurassic Park (1993) war. Todfeinde im Gebüsch, in der Luft, rund um sie herum: Wer wäre da nicht froh über ein trautes Heim im Huckepack? Ein erstaunlich stabiles Haus, das – einmal ausgewachsen – von den wenigsten Vogelschnäbeln zu knacken ist. Während sich Nacktschnecken in kleinste Mauerspalten zwängen können, zieht sich eine Gehäuseschnecke bei Bedrohung einfach in ihr Haus zurück. Das Haus der Weinbergschnecke ist gross, stabil und rechtsgewunden. Linksgewundene Schneckenhäuser sind eine Rarität – sogenannte Schneckenkönige.

Superkraft: Kalk

Am gefährlichsten für die Schnecke ist Trockenheit. Um ihr zu entkommen, ist auch die Weinbergschnecke vorzugsweise nachtaktiv. Nur bei Regenwetter verlassen sie tagsüber ihre Verstecke. Flirrt die Luft im Hochsommer über dem Asphalt, genügen nächtliche Aktivität und schattige Plätzchen nicht mehr. Dann zieht sich die Schnecke tief in ihr Gehäuse zurück und sondert einen zähen Schleim ab. In dieser Trockenstarre bildet sie ein Häutchen (Epiphragma) aus, das vor Feuchtigkeitsverlust schützt. Dieser Vorgang kostet Energie. Zu rasche Wetterumschwünge in zu kurzer Zeit können Massensterben auslösen, da die Schnecken nicht genügend Zeit haben, sich zu erholen und die verlorenen Nährstoffe aufzunehmen.

In extremen Dürreperioden wurden schon Weinbergschnecken beobachtet, die angefangen haben, sich einzudeckeln. Das heisst, sie verschliessen ihr Gehäuse mit einem Deckel aus Kalk. Ganz so, wie sie es im Herbst tun, wenn sie sich für die Winterruhe an einer geschützten Stelle in eine Erdhöhle zurückziehen. Während unsere Weinbergschnecke auf diese Weise den Winter überdauert, verbringen manche Arten in Ländern wie ­Marokko Jahre in Trockenstarre.

Superkraft: Liebespfeil

Erholt und satt macht sie sich auf die Suche nach einem Partner. Ein Schneckenrevier ist klein, oftmals zeitlebens auf eine Wiesenecke, ­einen Baum begrenzt. Jeder Schneckenbesucher: ein potenzieller Partner. Geschlechter wie wir kennen Schnecken nicht. Sie besitzen sowohl weibliche als auch männliche Geschlechtsorgane. Begegnen sich zwei Tiere, betasten, umschlingen und wiegen sie sich über Stunden hinweg. Manchmal mehr als 20 Stunden. Dabei stösst eine Schnecke der anderen bisweilen einen rund zehn Millimeter langen Kalkpfeil in den Fuss – den Liebespfeil. Sein Nutzen ist nicht restlos geklärt, doch scheint er den Partner zu stimulieren. Nach der Paarung graben beide Tiere ein Erdloch und legen darin rund 50 Eier. Die Jungschnecken schlüpfen im selben Jahr. Ihr Gehäuse ist weich und durchsichtig. Für sie drängt die Zeit: Sie müssen wachsen, um ihren ersten Winter zu überleben.


Die Schnecke vom Weinberg

Ihr Name legt nahe, dass sie sich in den Rebbergen am Buchholzhügel besonders wohlfühlen. Wie die Weinrebe bevorzugt auch die Weinbergschnecke kalkreiche Böden. Davon gibt es in Zollikon und Zumikon genug: Mit dem Aprilregen kriecht die grösste Vertreterin der etwa 250 heimischen Schneckenarten wieder durch naturbelassene Gärten, Friedhöfe und lichte Waldränder. Während die Weinbergschnecke zwar geschützt, aber nicht bedroht ist, sind landesweit mindestens 40 Prozent aller Schneckenarten vom Aussterben bedroht. Lebensraumzerstörung setzt ihnen zu. Ein 300 Jahre alter Obstbaum, eine mittelalterliche Ruine kann das Gros einer Art beheimaten. Wird der Baum gefällt, die Ruine abgerissen, droht eine ganze Art zu verschwinden.


Alle paar Wochen aus der Natur

Diese tierischen Nachbarn besitzen weder ein Innenskelett wie wir noch ein Aussenskelett wie Insekten. Der Zolliker Zumiker Bote folgt der Schleimspur in den April.

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