Eine Wiese für alles

Weshalb die Wässerig-Wiese in Zollikon wichtig ist für das nationale Klimaziel. Auf dem kleinen Stück Land mit direktem Zugang zum See lasten viele Erwartungen, grosse Anforderungen und ein Baurechtsvertrag für 60 Jahre.

Der Seeanstoss bei der Wässerig-Wiese wird für das Publikum noch attraktiver; er verbreitert sich von 50 auf 170 Meter. (Bild: ab)
Der Seeanstoss bei der Wässerig-Wiese wird für das Publikum noch attraktiver; er verbreitert sich von 50 auf 170 Meter. (Bild: ab)

Gesundheitscluster Lengg – ein Projekt mit europäischer Ausstrahlung, so lautet die Vision. Den Masterplan für das ­Gebiet mit Universitäts- und Privat-Kliniken haben Kanton und Stadt Zürich vor fünf Jahren abgesegnet. Nebst der Erschliessung ist der Energiebedarf des zukünftigen Gesundheits-Hotspots eine Herausforderung. Die langfristige Klimastrategie der Schweiz geht in Richtung Netto-Null-Ziel, das bedeutet kein Treibhausgas mehr. Entsprechend ist das Klimaziel des Bundes auch ein Knackpunkt für Lengg. Die Lösung bringt ein Stück Land am See, das ursprünglich der SBB gehörte. Vor sechs Jahren hat die Gemeinde Zollikon diese «Wässerig-Wiese» der SBB abgekauft. Sie ist mit dem Seeanstoss bei Zollikerinnen und Zollikern beliebt: Es wird gebadet, ein provisorischer Kiosk steht da und Bootsbesitzer benützen das Grundstück als Trockenplatz. Die Wässerig-Wiese wird jetzt zum Herz der Energiezentrale für Lengg. 2017 hat die Gemeinde dem Wärmeverbund zugestimmt mit dem Anspruch, dass Zollikon davon profitieren kann. Die planungsrechtliche Voraussetzung für die Umsetzung ergänzte der Regierungsrat anfangs Jahr im regionalen Richtplan Pfannenstil. Darum hat jetzt der Gemeinderat Zollikon an der letzten Sitzung dem Entwurf eines Baurechts­vertrages von 60 Jahren mit dem Unternehmen Energie 360 Grad AG zugestimmt. Das Unternehmen hiess einst Erdgas Zürich AG und versorgt nebst der Stadt Zürich rund 40 Gemeinden im Kanton mit erneuerbarer Energie.

Alternative zur Erdsonde

«Dem Baurechtsvertrag haben wir erst grundsätzlich zugestimmt, da die Energiepreise noch nicht klar sind. Damit die Zolliker Bevölkerung profitieren kann, müssen diese zumindest nicht teurer als die der Kliniken sein», sagt Gemeinderat Martin Hirs, Vorsteher des Ressorts Bau. «Wir prüfen, ob wir auch das Gasnetz mit der Zeit durch Fernwärme ersetzen können.» Diese nachhaltige Strategie wurde in den letzten Wochen von der Aktualität mit den Sanktionen gegen Russland eingeholt.

«Für Zollikon ist die Seewassernutzung eine gute Alternative zur Erdsonde», erklärt Martin Hirs. «In der Tiefe bis zu 40 Metern wird das fünf bis zehn Grad kalte Wasser angesaugt und aus dem See gepumpt. Das System eignet sich für Heizung und Kühlung.» 1938 wurde erstmals mit dem Wasser der Limmat Energie für das Zürcher Rathaus gewonnen. Das Seewasser zirkuliert im eigenen Kreislauf und kommt nicht mit dem Heiz- oder Kühlkreislauf in Berührung.

Nebst der Technologie geht es um die Nutzbarkeit des Seegrundstückes für die Zolliker Bevölkerung. «Eine erste Studie liegt vor, jetzt beginnt die konkrete Planung mit der Budgetierung», informiert der Bauvorsteher. «Das bedeutet ein Aushandeln der unterschiedlichsten Bedürfnisse – Badegäste, Bootsbesitzer und Kanton.» Dieser plant eine Sanierung der Seestrasse und wäre bereit, dort die Strasse zu verschmälern. Dadurch könnten die Trockenplätze für die Boote Richtung Seestrasse verschoben werden; so liesse sich der ganze Uferbereich der Parzelle als Bade- und Seeuferweg nutzen. Allein diese Massnahme könnte den öffentlich zugänglichen Seeanstoss verdreifachen – von 50 auf 170 Meter. Vorgesehen ist auch ein Kiosk mit ­Toilettenanlage. Verzichtet wird auf ein eigentliches Gastronomieangebot, da die Stadt Zürich eine Marina Tiefenbrunnen mit entsprechender Infrastruktur plant.

Energiequelle und Erholungsgebiet

Viele Pläne, Ungewissheiten – gewiss ist jedoch, dass die Wässerig-Wiese bei Baubeginn für rund zwei Jahre nur eingeschränkt nutzbar oder gar gesperrt sein wird. «Dafür bitten wir die Bevölkerung schon jetzt um Verständnis», sagt Gemeinderat Hirs. Der Bau der Leitungen wird die Ökologie des Gewässers zeitweise stören. Gemäss einer EAWAG-Studie, dem Wasserforschungsinstitut der ETH, ist die Wassernutzung und die damit entstandene Abkühlung des Wassers jedoch unproblematisch. Zumal die Temperatur des Zürichsees durch den Klimawandel seit den 1990er Jahren knapp 0,5 Grad gestiegen ist. Im Sommer könnte sich der See durch die umgekehrte Nutzung der Energie das Wasser noch stärker erwärmen. Martin Hirs: «Die Kühlung für Kliniken und Forschungsinstitute ist als Energiebedarf zentraler als die Heizung.» In Kilchberg, beinahe gegenüber der Wässerig-Wiese, befindet sich die Limnologische Station der Universität Zürich zur Beobachtung und Erforschung der aquatischen Mikrobiologie. Der Zürichsee ist nicht nur Energiequelle, sondern auch Naherholungsgebiet. Tatsächlich sind 90 Prozent der Ufer künstlich angelegt, das Wasser wird durch den Sihlsee und Linthkanal innerhalb eines Jahres ausgetauscht. Mehr als eine Million Menschen trinken täglich das Wasser vom See. Und in Zukunft wird der See auch noch einen Gesundheits-Hotspot kühlen oder heizen …

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