Am Rande des Gesundheitsclusters

In Lengg wächst Spitzenmedizin zum europäischen Hotspot. Was erwartet die Zolliker Bevölkerung? Als Auftakt des gigantischen Projekts fährt Ende 2022 eine neue Buslinie durch Zollikon – Nummer 99. Unser Bericht über die Informationsveranstaltung vom 9. Juni.

Zuerst war die Vision einer europäischen Spitzenmedizin mit Mega-Infrastrukturen. Diese benötigen jedoch flankierende Massnahmen, etwa verkehrstechnische für Zollikon. Die Expertengruppe stand Rede und Antwort. (Bild: cef)

«Was in der Lengg passiert, geschieht mit oder ohne Zollikon», sagt Gemeindepräsident Sascha Ullmann. Er beschreibt eine zukunftsträchtige, medizinische Versorgung der Bevölkerung als Standortvorteil für Zollikon. Der Gemeindepräsident kennt jedoch die Befürchtungen der Bevölkerung. Der Mehrverkehr für insgesamt 11’000 Arbeitsplätze in der Lengg plus der Besucherstrom und die Anreise von Studierenden schmälern die Lebensqualität von Zollikon. Darum vertritt Sascha Ullmann die Gemeinde in der höchsten Steuerungsgruppe des Projekts. Und Gemeinderat Martin Hirs als Ressortvorsteher Bau engagiert sich in der Arbeitsgruppe. Für Lengg gründeten acht Institutionen einen Verein. Von der Grundversorgung bis zur Spitzenmedizin: Der Verein koordiniert und ist Ansprechpartner für die Bevölkerung. Die Zürcher Quartiere Hirslanden und Riesbach an der Grenze von Zollikon werden zum Leuchtturm der Entwicklung im Gesundheitssystem. Nach Testplanungen entstand 2017 ein Masterplan mit den involvierten Projektpartnern, alles abgesegnet von Regierungsrat und Zürcher Stadtrat. Am 9. Juni haben Zollikerinnen und Zolliker erfahren, wie es um das Projekt steht.

Europaweite Ausstrahlung

Das Ausmass von Lengg manifestierte sich an der Präsenz der Expertinnen und Experten: Wilhelm Natrup (Leiter Amt für Raumentwicklung Kanton Zürich), Marco Beng (CEO Schweizerische Epilepsie-Stiftung), Silvan Weber (Leiter Marktentwicklung VBZ), Jacqueline Parish (Leiterin Konzepte/ Planungen Tiefbauamt Stadt Zürich) und Andrea Rytz (CEO der Schulthess Klinik und Präsidentin des Gesundheitsclusters Lengg). Alle erklärten ihre Perspektive. «Ich bin jetzt sieben Jahre dabei», sagt Andrea Rytz. «Wir haben verhandelt, geredet, gefeilscht. Es geht um 9000 Mitarbeitende, 1500 Betten, 1,3 Milliarden Umsatz, 50’000 Patienten und mit dem Kinderspital sind es bis 11’000 Mitarbeitende.»

Die Entwicklung von Lengg hat direkte Auswirkungen auf Zollikon: Grüngürtel als Naherholungsgebiet, verdichtetes Bauen, Synergien zwischen den Institutionen, neues Verkehrskonzept mit Schwerpunkt öV, umfassende Raumplanung und für den hohen Energiebedarf Seewassernutzung im Energieverbund. Lengg löst einen Dominoeffekt aus, jedes Ereignis ist zugleich Ursache des folgenden – alle sind auf ein Anfangsereignis zurückzuführen: Der Ruf nach einem Gesundheitscluster mit europaweiter Ausstrahlung.

Grüner Streifen vom Balgrist zur Epi

Interessant war die Ausführung von Marco Beng. Die EPI wird einen Teil ihres Areals als Parkzone umwandeln, den Promenadenweg aufwerten – quasi als Naherholung für alle. Insgesamt drei Architekturbüros haben am Masterplan mitgearbeitet. Es wird einen «grünen Streifen» vom Balgrist bis zur Epi geben. Mit baulicher Verdichtung lässt sich bei der Bleulerstrasse die Ausnützung kompensieren. Marco Beng will mit der EPI «eine lebendige Vielfalt» erhalten, etwa auch die Chilbi. Die Buslinie 77 wird verlängert, und die neue Linie 99 soll die Erschliessung unterstützen. Bus 99 verbindet die Klinik Balgrist mit dem Bahnhof Zollikon. Silvan Weber von der VBZ spricht von 15-Minuten-Takt, in Nebenzeiten 30 Minuten. Elektrobusse halten die Lärmbelastung in Grenzen. Diese fahren schon ab nächstem Dezember mit sechs neuen Halte­stellen. Geplant ist eine Kapazitätserhöhung des öV um 45 Prozent. Weitere Massnahmen in ­Zürich werden erst 2026 ausgeführt: «Bedarfs-Lichtsignale», Verlängerungen der Rotphase Forchstrasse bei grossem Rückstau auf der Lenggstrasse usw. Ein Viadukt Burgwies ist in der Pipeline. Der Fussgänger- und Veloweg über den Wildbach muss jedoch bis 2030 warten.

Zum Mobilitätsmanagement spricht Wilhelm Natrup vom kantonalen Amt für Raumentwicklung. Das Amt will den täglichen Autoverkehr auf 11’600 Autos «deckeln». Darum gelten für alle Parkplätze gleiche Tarife bei den Cluster-Mitgliedern – auch für Parkplätze in der Gemeinde Zollikon – nur so lasse sich der Schleichverkehr von Schnäppchenjägern ­bekämpfen. Benützen alle Mitarbeitenden künftig den öV? Die Bedürfnisse der einzelnen Institutionen werden abgeklärt. Als Lockvogel dienen vergünstigte öV-Tickets. Wer diese Mehrkosten tragen wird, interessiert den Raumplaner nicht.

Hauptsorge Verkehr

In 60 Minuten von fünf Protagonisten informiert zu werden – ein Kommunikationsmarathon. Moderator Markus Pfanner strukturierte die Fragerunde mit den vier Themen Verkehr, Städtebau, Freiraum und Diverses. Die Hauptsorge der Zollikerinnen und Zolliker drehte sich um den Verkehr. Was ist mit den Bussen 77 und 99? Beim Balgrist ist jetzt schon ein Knotenpunkt, der zu Rückstau führt. W ird es mehr Fussgängerstreifen geben? Wird die S7 dann in Zollikon halten? Nein. Eine Vertretung der SBB war nicht anwesend. In zwei Jahren ist die Kinderklinik in Betrieb, zur Baubewilligung gehören Helikopterflüge, abgesegnet vom Bundesamt für ­Zivilluftfahrt BAZL. Also werden ab 2024 auch nachts Helikopter fliegen. In jeder Lärmbelastung steckt ein psychologischer Aspekt, der sich bei Betroffenen positiv oder negativ auswirkt. Gemäss Bundesamt für Umwelt BAFU machen chronisch hohe Lärmbelastungen krank. Lenggs Gesundheitscluster garantiert Supermedizin – eröffnet aber zugleich ein risikoreiches Spannungsfeld ­zwischen räumlicher Dichte und Lebensqualität.

www.gesundheitscluster.ch

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