Gesetzt den Notfall

Während sich am Abend des 14. Juni zwischen den Häusern der Rebwiesstrasse die sommerliche Hitze staut, lauschen im gleichnamigen Schutzraum rund 40 Zuhörerinnen und Zuhörer den Ausführungen von Gemeinderat André Müller (Ressort Sicherheit und Umwelt), Thomas Stettler (Kommandant Zivilschutzorganisation der Region) und Peter Zimmermann (Leiter Sicherheit Zollikon/Polizeichef).

In Zollikon können im Ernstfall drei öffentliche Schutzräume in Betrieb genommen werden. Hier finden all jene einen Platz, die keinen Zugang zu einem privaten Schutzraum haben und maximal 30 Minuten Fussweg entfernt wohnen. (Bild: rb)
In Zollikon können im Ernstfall drei öffentliche Schutzräume in Betrieb genommen werden. Hier finden all jene einen Platz, die keinen Zugang zu einem privaten Schutzraum haben und maximal 30 Minuten Fussweg entfernt wohnen. (Bild: rb)

Jung und Alt strömten aus allen Winkeln der Gemeinde herbei, als der Schutzraum Rebwies im Rahmen einer Informationsveranstaltung seine Türen öffnete. Zwar begrüssten Schilder mit der Aufschrift «Tür zu – es ist geheizt!» die Gäste, aber das war zum Glück eine leere Drohung. In circa vierzig angenehm kühlen Minuten erzählten die drei Referenten vom Zivilschutz, seiner Neuorganisation und seiner Geschichte.

Neuorganisation des Zivilschutzes Zollikon

Bis vor Kurzem war Zollikon noch eine der wenigen Gemeinden mit einer eigenen Zivilschutzorganisation. Die meisten ZSOs anderer ­Gemeinden haben sich längst mit denen der Nachbargemeinden zusammengeschlossen. In den vergangenen Jahren schrumpfte die Personalstärke auch in Zollikon aufgrund der verkürzten Dienstpflicht. Im Januar dieses Jahres stiess die ZSO Zollikon schliesslich zur Zivilschutzorganisation Küsnacht, Erlenbach und Zumikon. Aus der ZSO-KEZ entstand die ­ZSO-KEZZ mit rund 220 Personen. Trägergemeinde ist Küsnacht. Der Kommandoposten befindet sich in Zollikon. Jedes Gemeindeführungsorgan hat weiterhin seine eigene Anlage, seine eigenen Kommandoposten.

Zivilschutz heute

Der Zivilschutz bildet seit 2004 zusammen mit den Partnerorganisationen Polizei, Feuerwehr, Gesundheitswesen und technische Betriebe den Bevölkerungsschutz bei Grossereignissen, Katastrophen, Notlagen und bewaffneten Konflikten. Er sorgt für die Betreuung schutz­suchender Personen, für Instandstellungsarbeiten und den Schutz von Kulturgütern. Er unterstützt die Führungsorgane sowie seine Partnerorganisationen und gewährleistet deren Durchhaltefähigkeit bei langandauernden Krisen.

Zivilschutz damals

Die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts erschütterten Europas ­Sicherheitsgefühl über Jahrzehnte. Zusätzlich zündete die Bedrohung durch die Atombombe in den 1950er-Jahren den Wunsch, die Bevölkerung vor den Folgen eines ­weiteren Krieges zu schützen. Der moderne Schweizer Zivilschutz trat schliesslich mit dem 1. Januar 1963 in Kraft. Krisen, Spannungen, der Kalte Krieg: Angesichts dieser Gefahren entwickelte die Schweiz ein damals weltweit einzigartiges Konzept – den Bau unterirdischer Schutzräume, die es der gesamten Bevölkerung ermöglichen sollten, einen atomaren Krieg zu überstehen. Der Zivilschutz fokussierte auf den kriegerischen Ernstfall mit langandauerndem Aufenthalt in den Schutzräumen. Doch seit den 90er-Jahren wandelte sich die ­Zuständigkeit des Zivilschutzes; es ging immer weniger um den Schutz im Kriegsfall, sondern um die Unterstützung der Partner im Bevölkerungsschutz bei der Bewältigung von Katastrophen und anderen Notlagen.

Schutzanlagen und Schutzräume

Lange Zeit schienen sie vergessen, die Schutzräume. Jeder Person sollte ein Platz zustehen. Doch Krieg? In Mitteleuropa? Seit Jahrzehnten für viele undenkbar. Dann attackierte Russland die Ukraine – und mit einem Mal stellte man sich auch in Zollikon und Zumikon die Frage: Wohin im Notfall? Darüber wollte der Quartierverein Zollikerberg unter Fritz Wolf mit der Veranstaltung vom 14. Juni informieren: die Möglichkeit einer Bewusstmachung sei gekommen.

Es ist zu unterscheiden zwischen Schutzanlagen und Schutzräumen. Erstere gewährleisten das Funktionieren des Bevölkerungsschutzes und seiner fünf Organisationen im Krisenfall. Sie umfassen Kommandoposten und Bereitstellungsanlagen für den Zivilschutz ebenso wie geschützte Spitäler. Die privaten Schutzräume werden nicht durch den Zivilschutz, sondern durch die Bauabteilung kontrolliert. Durch den kleineren Personalbestand beim Zivilschutz richtete sich dessen Einsatzgebiet mehr und mehr auf die Katastrophen- und Nothilfe aus. Es gibt öffentliche und private Schutzräume. Früher verpflichtete sich jeder Hauseigentümer, beim Bau seines Heims eine entsprechende Anzahl Schutzplätze zu schaffen. Heute können Ersatzabgaben bezahlt werden. Doch wenn der Bund befielt, die Schutzräume in Betrieb zu nehmen, muss auch der Eigentümer eines Ferienhäuschens in den Alpen seinen privaten Schutzraum öffnen und vorbereiten. Dafür hat er fünf Tage Zeit. Über die Zuweisung informiert die Gemeinde: Neu beschafft Zollikon eine Software, welche die Zuweisung automatisch vornimmt. Noch ist man unschlüssig, ob man den Zugang zur aktuellen Zuteilung wie in Meilen der Öffentlichkeit ermöglichen soll. Wer seinen Schutzraum kennen will, muss noch bei der Gemeinde nachfragen.

Kein 5-Sterne-Hotel

Was für die Kinder einem kleinen Abenteuer gleichkam, weckte in den Erwachsenen bisweilen ein mulmiges Gefühl. «Können Sie sich vorstellen, hier drin zu leben?», wunderte sich eine Besucherin. Manch einer schüttelte den Kopf. «Das ist ja grauenhaft!»

So richtig vorstellen kann es sich niemand. Allein in der Rebwies warten 450 Schutzplätze. 450 Menschen auf engstem Raum. Bett an Bett, Bett über Bett, Tag und Nacht eingesperrt zwischen Mauern, die das Leben zumindest ein Weilchen verlängern sollten. Ein Trocken-WC, kein WLAN, kein Mobile-Empfang. Eine Küche, doch kein fliessendes Warmwasser. Dafür kleine Boiler und eine Notstromversorgung über Diesel. Keine Essensvorräte, die Trinkwassertanks mal voll, mal zur Hälfte. In privaten Schutzräumen kann die Ausrüstung noch karger sein. Pro Person stehen 1×1 Meter bis zur Decke zur Verfügung. Eine Aufrüstung kommt derzeit nicht in Frage. Sollte der Notfall eintreten, die Sirenen losheulen und die App «alertswiss» die Bevölkerung warnen, empfiehlt der Bund allen, einen Notvorrat an Essen, Trinken und Medikamenten mitzunehmen. Im Schutzraum müssen Einwohnerinnen und Einwohner selbst schauen, wie sie mit sich und miteinander zurechtkommen. Und je nachdem, wo man sich im Moment des Alarms befindet, verkommt letztlich auch die modernste Schutzraumzuweisung zur Theorie, wenn die einen von uns im Jelmoli in Zürich, andere in ­einem Winterthurer Museum oder im Tessin festsitzen.

Weitere Informationen rund um den Zivilschutz, Schutzbauten: www.zh.ch/zivilschutz oder www.babs.admin.ch


Die App Alertswiss alarmiert und informiert Benutzerinnen und Benutzer einer Region: www.alertswiss.ch

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