Gesunder Ehrgeiz ist wichtig

Isabella Lindemann ist ein grosses Fussballtalent. Sie spielt in der U17-Frauenauswahl beim FCZ, ist Gymischülerin an der Kantonsschule Hottingen und weiss ziemlich genau, was sie im Leben will und was nicht. Neben Fussball und Schule liegt der Zollikerberglerin die LGBTQ-Bewegung am Herzen. Dass Ehrgeiz, Selbstbewusstsein und eine entspannte Gemütsverfassung gut zusammen passen, zeigt sie im Interview.

Lieber etwas ernsthaft schauen – Isabella lacht gerne, aber nicht für unser Foto. (Bild: ab)

Du bist 15 Jahre alt, gehst aufs Gymnasium, hast viermal in der Woche Fussballtraining – am Wochenende Spiel. Da bleibt wenig Zeit für anderes.

Zum Teil ist es nicht so einfach, aber es ist machbar, weil es das ist, was ich machen will. Schule und Fussball sind mir beide wichtig. Priorität hat auf jeden Fall die Schule, deshalb bin ich auch schon mal beim FCZ ausgestiegen und habe ein Jahr ausgesetzt, damit ich meine Noten verbessern konnte. Ich will später auf jeden Fall studieren. Was, das weiss ich aber noch nicht so ganz genau.

Du setzt also nicht alles auf eine Fussball-Profikarriere?

Nein, das wäre zu unsicher. Obwohl mir der Fussball sehr wichtig ist. Ich gehe zu jedem Training und will bei den Spielen immer ganz vorne dabei sein. Ich hätte auch nichts gegen eine Profikarriere, will das aber auf mich zukommen lassen. Aber ganz ehrlich: Als Frau verdient man damit immer noch viel zu wenig. Es gibt nur wenige Profispielerinnen, die vom Fussball leben können. In der Schweiz zahlt kein Verein den Frauen so viel, dass sie davon ihren Lebensunterhalt bestreiten könnten. Wenn, dann muss man im Ausland sein Glück versuchen. Ich glaube, die Schweizer Fussballerin Ramona Bachmann – sie spielt bei Paris St. ­Germain – kann vom Sport leben. Sie ist jedoch eine der wenigen ­Ausnahmen. Die Zukunft wird es zeigen, ich gehe da aber ganz entspannt ran. Vielleicht kann ich über den Sport auch ein Studium im Ausland finanzieren. Das wäre ein ganz attraktives Ziel.

Heute spielen immer mehr Mädchen Fussball. Wie bist du zum Fussball gekommen?

Über die Schüeli und das Fussballtraining meines Zwillingsbruders. Mit sechs, sieben Jahren bin ich immer mit ihm gegangen und spielte einfach in seiner Mannschaft mit. Schnell kriegte ich viel Lob von anderen Spielern, galt als totaler Wirbelwind. Nach kurzer Zeit wurde der Grasshoppers Club auf mich aufmerksam, ich spielte dann ein Jahr bei GC, hörte aber auf, weil es mir dort nicht gefiel. Zurück beim SC Zollikon, kam nach kurzer Zeit der FC Zürich auf mich zu. Es folgten zwei Jahre bei FCZ Footeco, dann setzte ich freiwillig wegen meiner nicht so brillanten schulischen Leistungen aus und bin nun wieder seit zwei Jahren dabei. Mittlerweile spiele ich in der U17 Frauenmannschaft.

Ist es als Mädchen einfacher, in den Talentschmieden FCZ oder GC aufgenommen zu werden?

Vom Niveau sind dort Jungen und Mädchen gleich gut. Ich habe bei Footeco mit den ein Jahr jüngeren Jungen gespielt, habe dann aber zur Frauenmannschaft gewechselt. Ein Problem war bei den Jungs, dass die mich nicht wertschätzten und richtige Kameraden hatte ich da auch nicht. Einige Jungs nehmen die Mädchen im Fussball noch immer nicht so richtig ernst. Die Mädchen haben aber die Chance, in die Frauenmannschaften zu wechseln. Von daher haben sie es vielleicht etwas leichter, dabei zu bleiben.

Spielen die Jungen anders Fussball als die Mädchen?

Die Jungs werden mit der Zeit schneller als Mädchen, in kurzen als auch längeren Distanzen. Ansonsten sehe ich keine Unterschiede.

Als Leistungssportlerin braucht man eine Menge Disziplin. Fällt es dir leicht, immer diszipliniert zu sein?

Nein, eigentlich nicht, aber wenn ich am Wochenende spielen will, muss ich gut im Training sein. Wir sind 24 Spielerinnen im Kader, nur elf stehen am Wochenende auf dem Spielplatz. Wer nicht zu allen Trainings geht, wird weniger aufge­boten. Ich will aber unbedingt spielen. Von daher bin ich wohl mehr ehrgeizig als diszipliniert, aber man braucht sowieso beides.

Was machst du in deiner knapp bemessenen Freizeit?

Wenn ich noch Zeit habe, gehe ich mit Freunden raus, tausche mich aus und setze mich dafür ein, dass alle Menschen respektvoll behandelt werden, egal welche sexuelle Orientierung sie haben. Schliesslich kann sich das niemand aus­suchen. Da besteht ziemlicher Nachholbedarf, auch bei Leuten in meinem Alter gibt es noch immer Homophobie.

Kannst du ein Beispiel bringen?

In meiner letzten Klasse waren zwei Mitschüler homophob. Die ziehen dann Mitläufer auf ihre Seite. Und die Mitläufer sind viel schlimmer. Das sind die, die eigentlich gar keine Meinung haben, sich dann aber an solche Typen hängen, nur um Aufmerksamkeit zu kriegen. Als ich letztens ein Pride-Shirt anhatte, kamen Sprüche wie «Schwule sind so eklig». Wenn sich dann eine homophobe Gruppe zusammenrottet, macht das schon manchmal Angst. Ich wehre mich aber extrem gegen solche Übergriffe und bin sicher, dass die Homophobie meiner Mitschüler bestimmt von deren Eltern und deren Umfeld kommt. Da gibt es noch viel zu tun. Wegen meiner kurzen Haare denken auch viele, ich sei ein Junge und meinen dann, mir sagen zu müssen, dass die Frauentoilette nicht für mich da ist. Das ist nicht lustig zu hören, aber ich habe glücklicherweise ein ganz gutes Selbstbewusstsein und stehe da meist entspannt drüber.

Anzeige