Frieda ist nicht zu bremsen

Die zwei Bahnübergänge im Zollikerberg haben bald Halbschranken. Zumikon führt seit den 1970er-Jahren die Forchbahn unterirdisch. Keine Chance für einen Tunnel zwischen Zollikerberg und Stadelhofen.

Die Forchbahn gehört zum Strassenbild des Zollikerbergs. Bald müssen sich die Bergler auch an Bahnschranken gewöhnen. (Bild: cef)

Jetzt kann die Forchbahn zwei Halbschranken bei den Bahnübergängen Binz- und Trichterhauserstrasse im Zollikerberg bauen. Das Bundesverwaltungsgericht hat die Gemeinde Zollikon als Beschwerdeführerin abblitzen lassen. Durch den richterlichen Entscheid befürchtet der Quartierverein an beiden Kreuzungen noch mehr ­Verkehrsstau. Gemäss der Medienmitteilung von letzter Woche hat jedoch der Gemeinderat Zollikon beschlossen, diesen Entscheid nicht vor Bundesgericht zu bringen. Er folgt der Empfehlung seines Rechtsvertreters, da die Prozessaussichten aufgrund der Präjudizien und beschränkten Überprüfungsbefugnis des Bundesgerichts als ausserordentlich gering eingeschätzt werden.

Verschiedene Prioritäten

Das Gespräch von Hanspeter Friedli, Geschäftsführer der Forchbahn, mit dem Zolliker Zumiker Boten wird kurzfristig um eine Stunde verschoben: «Ich musste im Fahrdienst einspringen, wir sind ein kleiner Betrieb mit 60 Mitarbeitern», entschuldigt er sich. Sobald einer krank ist, klettert der Chef selbst in den Führerstand. «Wir triumphieren nicht mit dem Entscheid des Bundesverwaltungsgerichtes», sagt Hanspeter Friedli. «Wir haben einfach verschiedene Prioritäten. Wir setzen auf Sicherheit, die Gemeinde Zollikon hat den Verkehrsstau im Fokus.» Auf den rund 16 Kilometern Schiene existieren noch drei Bahnübergänge ohne Schranken, zwei im Zollikerberg, einer in der Gemeinde Egg. «Es ist eine Ironie des Schicksals, dass an dem Tag, als Zollikon die Mitteilung veröffentlichte, sie würden auf das Bundesgericht verzichten, in Egg um 17 Uhr ein Unfall geschah. Zwei Stunden lang war alles blockiert», erzählt der Geschäftsführer. Der Entscheid des Bundesverwaltungsgerichtes bestätigt ihm seine Priorität – Sicherheit. Aus der Statistik sind jedoch keine schweren Unfälle ersichtlich: «Wir hatten bis jetzt einfach Glück.» Immerhin gibt es täglich bis zu 209 Rotlichtübertretungen der Auto­mobilisten bei den Bahnübergängen. Das sei auch der Grund für die Planung mit Halbschranken, damit keine Autos auf den Schienen stecken bleiben.

Zusammen abwägen und ausloten

Gab es zwischen Forchbahn und Bevölkerung Pannen in der Kommunikation? Das verneint Hanspeter Friedli: «Wir haben bis jetzt 47 Übergänge saniert und über 100 Anpassungen an private Grundstücke gemacht. Bei einem Fall mussten wir die Schlichtungsstelle einbeziehen und jetzt die Beschwerde von Zollikon.» Was ist mit den ­Honoraren der Rechtsanwälte im Fall Zollikon? Das sei nur ein Nebeneffekt. Bei Grundstücksanpassung, das Wort «Enteignung» mag der Forchbahn-Chef nicht, sei das Verhandeln des Preises herausfordernd – besonders bei den hohen Marktpreisen. Es gehe immer um ein gemeinsames Abwägen und Ausloten.

«Wir haben auch keinen Knatsch mit Zollikon.» Er sehe die Verkehrssituation im Zollikerberg ja selbst, wenn er den Fahrdienst übernehme; morgens sei die Spitzenzeit kürzer als abends, da dauere sie bis zu zwei Stunden. «Im Zollikerberg haben wir ein neues Stellwerk eingesetzt mit ersten Betriebserfahrungen, wir sind aber immer noch am optimieren.» Augenfällig ist, dass Zumikon in den 1970er-­Jahren eine praktikable Lösung im Zug der Dorfzentrumsplanung einen Tunnel realisierte – damals eine zukunftsweisende Entscheidung des amtierenden Gemeinderates. Im Rahmen des Zukunftsmodells «Frieda 2030» muss auch der Tunnel saniert werden. 25 laufende und geplante Projekte sollen zusammen 325 Millionen Franken kosten. Davon sind 31 Millionen längerfristige Kredite der Banken UBS und ZKB, wie auch des AHV-Ausgleichsfonds. So steht es im ­Geschäftsbericht 2021 der Forchbahn AG. Ein Drittel der Aktien gehört dem Bund, ein Drittel der Stadt ­Zürich. Alle Gemeinden an der Forchbahn sind Aktionärinnen – Zollikon besitzt 6,6 Prozent. «Als Kleinaktionärin kann die Gemeinde kaum Einfluss auf betriebliche Entscheide ausüben und hat in ­einem Prozess auch keine besondere Stellung», sagt Markus Gossweiler, Gemeindeschreiber von ­Zollikon. «Planungsentscheide fallen nicht in den Zuständigkeitsbereich einer Aktionärsversammlung.» Mit dieser rechtlichen Situation der Planungsentscheide wäre der Gang vor Bundesgericht für Zollikon auch nutzlos. Wird der Vertreter der Gemeinde im Ver­waltungsrat der Forchbahn noch genauer auf Projekte achten müssen? «Ein Mitglied des Verwaltungsrats ist an den Entscheid des gesamten Verwaltungsrates gebunden. Nicht zuletzt aus Governance-Gründen – um Interessenkonflikte zu vermeiden – hat der Gemeinderat kein Mitglied mehr aus seinem Kreis in den VR der Forchbahn abgeordnet», erklärt Markus Gossweiler. In diesem Fall ist es Martin Hirs, der sich als SVP-Kandidat dieses Jahr nicht mehr zur Wahl in den Zolliker Gemeinderat stellte.

Keine unterirdische Frieda

Die erste Konzession der Forchbahn von 1908 lautete auf Betrieb einer elektrischen Strassenbahn von Zürich Rehalp über die Forch. Damals erfolgte die Betriebsführung durch die Städtische Strassenbahn Zürich. «Das ist ein Relikt aus der Goldgräberzeit, als alle Regionen von einer eigenen Bahn träumten», erklärt der Forchbahnchef. «Die neuste Konzession stammt vom Dezember 2018 als S-Bahn.» In den 1970er-Jahren kursierte durch die enorme Bevölkerungsentwicklung das Bild vom «Verkehrsschreck Forchbahn» – die ­daraus hervorgegangene Vision von Zumikon mit Tunnel hat sich bis heute bewährt.

Könnte sich die Geschichte im ­Zollikerberg am Rande des Gesundheitsclusters Lengg wiederholen? Lengg wird zur grössten Ansammlung von Institutionen des Gesundheitswesens in der Schweiz mit dem Zeithorizont 2040 – und «Frieda 2030» mitten drin. Im März dieses Jahres hat jedoch der Zürcher Regierungsrat (Beschluss Nr. 348/2022) das ­Postulat zweier Kantonsräte abgelehnt. Sie verlangten eine Machbarkeitsstudie für einen Tunnel zwischen Zollikerberg und Stadelhofen. Gemäss Studie müsste mit Baukosten von 790 Millionen Franken gerechnet werden. Topografie und das existierende Verkehrsnetz erschweren zusätzlich eine «unterirdische Frieda» – also wird sie im Zollikerberg weiterhin an frischer Luft ihre Strecke zurücklegen.

Weitere Informationen unter: www.forchbahn.ch

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