Seine Nadelbäume am Amazonas

Der Forstingenieur Andreas Schwyzer erzählt derart ­spannend, dass man an Fantasie denkt. Seine wissenschaft­lichen Notizbücher von den Jahren am Amazonas beweisen jedoch, wie er im Dienst der DEZA den Regenwald erforschte. Vor 21 Jahren kaufte er sogar 40 Hektar Wald am Amazonas.

Andreas Schwyzer mit dem Berggipfel Dent Blanche, er macht Reliefs von der peruanischen und Schweizer Topografie. (Bild: fs)

Zwischen Wald und Forchbahn lebt ein Forstingenieur, der seit 21 Jahren ein Stück Regenwald im Amazonas sein ­Eigentum nennt. Es ist kein Märchen, auch kein Gerücht. Die 40 Hektar sind auf den Namen Andreas Schwyzer im Grundbuch in Peru eingetragen. Er bezahlte damals rund 5000 Schweizer Franken. Sein Wald ist so gross wie zwei mittlere Schweizer Bauernbetriebe: «Dort wachsen die einzigen einheimischen Nadelbäume des Regenwaldes am Amazonas», erklärt er. Die Bäume erinnern an Eiben, ihre Nadeln tragen jedoch ein helleres Grün. Der Regenwald ist weltweit der grösste und dank seiner Biomasse immens wichtig für das Klima.

Aus diesem Grund lancierte schon im Jahr 1976 die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) in Bern ein Projekt in Peru. Erforscht wird nebst Forst- auch Land- und Viehwirtschaft. Als junger ETH-Absolvent zieht es Andreas Schwyzer in die Ferne. Die DEZA will ihn vorerst für ein afrikanisches Projekt nach Ruanda schicken. Durch die Verzweiflung eines Studienkollegen wird alles anders. Die Frau des Kollegen weigert sich standhaft, mit ihrem Neugeborenen in den feuchtheissen ­Regenwald zu ziehen. Also beschliessen die zwei jungen Männer, nach Absprache mit der DEZA, das Forschungsprojekt zu tauschen. So reist Andreas Schwyzer nach Südamerika anstelle von Afrika und steht in einer Waldlichtung vor seiner Holzhütte der Forschungsstation Jenaro Herrera am Amazonas. Kaum die Koffer ausgepackt, beginnt er begeistert, den Wald zu fotografieren.

Nach zehn Fotos streikt die Kamera. Das Klima mit einer Luftfeuchtigkeit von mehr als 70 Prozent ist nicht geschaffen für präzise Optikgeräte. Aus diesem Grund sucht er im Gepäck nach seinem Malkasten, Pinsel, Bleistift und Notizbuch. Aus der Not malt er Aquarelle von Bäumen, Pflanzen und Landschaften. Wissenschaftlich und schön.

Seine kunstvollen Notizbücher als stumme Zeugen und Erinnerungsstücke eines Forscherlebens liegen jetzt auf dem Esstisch im Zollikerberg. Andreas Schwyzer ist seit sieben Jahren pensioniert. Längst ist er zurück aus dem Regenwald. Aber nicht allein, sondern mit Familie. In Peru lernte er seine Frau Charo kennen, die in Lima Forstwissenschaft studierte und als Studentin zu ihm in den Regenwald kam – eine romantische Geschichte. Sie gründen zusammen eine Familie, Tochter und Sohn kommen in Lima zur Welt. Heute freut sich Andreas Schwyzer auch an seinen vier Enkelkinder, alle leben in der Schweiz. Im Jahr 1988 ist er mit Frau, den beiden Kindern und dem ganzen Hausrat zurück in die Schweiz ­gereist. Die eidgenössische Forschungsanstalt WSL in Birmensdorf hatte ihn für das Projekt Sanasilva engagiert. Erfasst wird der Gesundheitszustand des Schweizer Waldes. Seine Frau Charo machte eine Zusatzausbildung in Pädagogik und lehrte als Dozentin Spanisch und südamerikanische Kultur.

Ein Bubentraum wird wahr

Zwischen den Notizbüchern aus dem Regenwald liegt ein dickes, unscheinbares Heft. Er hat seine Aufsätze von der Primarschule aufbewahrt. Mit Füllfeder geschrieben, die Tinte etwas verblasst, jedoch eine klare Schrift, ohne Schnörkel. Er skizzierte als Elfjähriger seinen Lebensplan: «In einem Häuschen am Waldrand werde ich mit meiner Familie das Leben zubringen. Ich werde im Wald an der frischen Luft arbeiten, wo die Sonne funkelnd zwischen hellgrünen Blättern hindurch scheint …» Sein Bubentraum vom zukünftigen Leben hat sich erfüllt. Er hatte auch über die Rolle der Frau nachgedacht. In seinem Alter kannte er noch keine soziologischen Theorien, keinen Feminismus, vollkommen pragmatisch beschrieb er das Leben einer Frau im Alltag. Dabei entwickelte er ein ­Bewusstsein für Gleichstellung in einer natürlichen, kindlichen Denkart – aber durchaus ernsthaft. Wenig erbaulich waren die Kommentare des Lehrers, ein Gefangener im alten Rollenbild der Frau anfangs der 1960er-Jahre. Die 1968er-Bewegung noch in weiter Ferne, auch die sexuelle Revolution.

Reliefs zum Anfassen

Andreas Schwyzer denkt in letzter Zeit oft über den Regenwald nach. Zumal der Klimawandel aktuell alle erreicht hat, auch solche, die ihn bis anhin leugneten. Er hätte Ideen, wie er sich mit seinem Stück Regenwald in die Klimadiskussion einbringen könnte. Anfragen an Organisationen, die sich für den Klimawandel engagieren, sind gemacht. Doch diese nehmen den Forstingenieur nicht wirklich ernst. Würden sie doch nur die wissenschaftlichen Aquarelle in den ­Notizbüchern anschauen, seine ­Geschichten und Erfahrungen, sein Wissen anhören! «Viele Forschungsergebnisse auf Disketten sind nicht mehr lesbar», bedauert er. Jetzt nach der Pandemie möchte er seine Bäume besuchen, Vögel beobachten. Die meisten tierischen Regenwaldbewohner sind jedoch für Menschen unsichtbar, auch der Jaguar. «Mit Schlangen muss man aufpassen oder bei grossen Raupen mit Brennhaaren», erzählt der Forstingenieur. Vielleicht auch als Ablenkung zum leisen Fernweh nach Peru baut er Reliefs von der peruanischen und Schweizer Topografie. Wie sich unsere Alpen in massstabsgetreuer Abbildung ­1:6666 anfühlen. Jedes Relief lässt sich überall anfassen, etwa so, wie er es beim Berggipfel Dent Blanche (4357 m ü. M.) vorführt. Das ­Relief hat Andreas Schwyzer einem Hotel im Wallis für die Halle versprochen – leihweise versteht sich. Die Reliefs, wie auch seine Notizbücher und das Aufsatzheft werden bestimmt bei einem der Enkel ­einen Platz als gelebte Familiengeschichte bekommen.

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