Schuppige Nachbarn und blinde Passagiere

Auch in Zollikon und Zumikon fühlen sich Reptilien wohl. Wer sich nicht über Mauereidechse und Blindschleiche freuen kann, lauscht dem Gezwitscher der Vögel. Schliesslich sind auch sie so etwas wie Reptilien.

Während die weiblichen Zauneidechsen unauffällig braun sind, ­schimmern die Männchen insbesondere zur Paarungszeit in leuchtenden Grüntönen. (Bild: Pixabay/hansbenn)

Die einen huschen im Spreizgang die Mauern des Zürcher Hauptbahnhofs empor, andere durchwandern mit eindrücklichen Panzern im Zeitlupentempo die Galapagos­inseln. Manche schlängeln durch den Unterwuchs tropischer Regenwälder oder verharren im Wasser afrikanischer Flüsse, bevor sie mit zahnbespicktem Kiefer zuschnappen. Fast 12 000 Reptilienarten weltweit sind beschrieben. Jedes Jahr kommen Dutzende dazu. Europa bildet das Schlusslicht. Lediglich 200 Reptilien bewohnen die Länder zwischen dem Mittelmeer und Skandinavien, zwischen Portugal und dem Ural. Die Schweiz zählt gerade einmal 14 Arten, die meisten davon auf der Roten Liste. Doch welche reptilischen Nachbarn tatsächlich vor Zolliker und Zumiker Türen leben, lässt sich ohne Daten nicht abschliessend klären.

Weder blind noch Schlange

Obwohl die meisten einheimischen Echsen und Schlangen tagaktiv, ja, regelrechte Sonnenanbeter sind, scheinen sie sich dem menschlichen Auge zu entziehen. Die Westliche Blindschleiche (Anguis fragilis) beispielsweise verbringt den Grossteil ihres Lebens unterirdisch, in selbstgegrabenen Erdhöhlen, in gärenden Komposthaufen oder unter sonnenexponierten Steinplatten. Die glattschuppige, fast metallisch glänzende Echse erinnert an eine Schlange – wie bei dieser haben sich im Laufe der Evolution ihre ­Extremitäten zurückgebildet. Auch züngelt die Blindschleiche, um die Witterung ihrer Lieblingsbeute – Schnecken und Regenwürmer – aufzunehmen. Sie bewegt sich jedoch nicht ansatzweise so agil – und anders als Schlangen besitzt sie Augenlider zum Blinzeln. Die Blindschleiche gehört zu den häufigsten Reptilien der Schweiz. Intensive Landwirtschaft und rücksichtsloses Bauen könnten auch ihnen zum Verhängnis werden. Ganz zu schweigen von der Klimaerwärmung: Die Blindschleiche bevorzugt Temperaturen bis maximal 29 Grad. Und im Unterschied zu den Mauer- und Zaun­eidechsen legt sie keine Eier, sondern gebärt rund ein Dutzend sechs bis zehn Zentimeter lange Schleichen.

Agile Kletterer

Mit ihren langen, dünnen Zehen krallen sie sich an kleinsten Unebenheiten fest, mit dem schlanken und flachen Körper schmiegen sie sich an Felsen und Hauswände, während ihnen ein auffallend ­langer Schwanz als zusätzliche ­Balancier- und Kletterhilfe dient. Mauereidechsen (Podarcis muralis) erklimmen fast jede Wand mit Bravour. Wer sie dabei nicht bemerkt, entdeckt sie spätestens dann, wenn sie blitzschnell in eine Ritze oder Spalte huschen. Noch vor einigen Jahrzehnten waren die braun gemusterten Eidechsen in Zollikon und Zumikon selten. Heute sind sie überall: auf Friedhöfen, in Gärten, entlang von Bahngleisen und Strassen – selbst mitten in der Stadt. Doch die Mauereidechse breitet sich nicht dank lokalen Naturschutzbemühungen aus; es handelt sich um eingeschleppte Tiere aus dem ­Süden. Sie klettern gerne auf Zugwagen und fahren als blinde Passagiere mit. Daher verbreiten sie sich nördlich der Alpen vor allem entlang der Bahnlinien. Vermutlich gehen die Tausenden Mauereidechsen des Zürcher Hauptbahnhofs auf solche Einbürgerungsszenarien zurück. Hinzu kommt deren hohe Anpassungsfähigkeit: Selbst zersiedelte und strukturarme Landschaften sind kein Problem und auch der Klimawandel kommt den schuppigen Sonnenanbetern zugute.

Die Verlierer

Sie ist grösser als die Mauereidechse, stumpfnasig, plump und kräftig. Sind die meisten Mauereidechsen Eingebürgerte, ist die Zauneidechse (Lacerta agilis) eine Eingebo­rene. Ob die braun gemusterten Weibchen oder die Männchen im leuchtend grünen Hochzeitskleid: Zwischen Gräsern und Kräutern ist sie deutlich schwerer zu entdecken als die Mauereidechse an der Hauswand. Das wachsende Kulturland drängt sie in Lebensräume von ­wenigen Quadratmetern zurück, zwischen Strassen und Waldrändern etwa. Die Zersplitterung in Kleinstlebensräume macht die Zaun­eidechse anfälliger für Störungen. Sterben einzelne Tiere durch den Verkehr oder Beutegreifer wie Katzen, wirkt sich dies schneller auf die Überlebenschance einer Population aus. Unter der abnehmenden Qualität natürlicher Habitate leiden auch Wirbellose wie Schmetterlinge und Käfer, die Nahrungsquelle der Zauneidechsen. Schliesslich breitet sich die Mauereidechse auf Kosten der weniger anpassungs­fähigen Zauneidechse aus.

Sowohl Eidechsen als auch Blindschleichen besitzen mehrere Sollbruchstellen am Schwanz. So können sie diesen bei Gefahr abwerfen. Das zuckende Schwanzglied lenkt Räuber wie Katzen vom eigent­lichen Tier ab und ermöglicht ihm die Flucht. Während der Schwanz von Eidechsen meist in verkürzter Form nachwächst, verheilt er bei der Blindschleiche zu einem Stumpf.

Ein Blick in die Vergangenheit

Was haben Eidechsen, Blindschleichen und Vögel gemein? Auf den ersten Blick nicht viel. Ihr Stammbaum aber verrät Erstaunliches: ­Vögel bilden gemeinsam mit Echsen, Schlangen, Krokodilen und Schildkröten, mit den ausgestorbenen ­Dinosauriern, den Flug-, Plesio- und Ichthyosauriern die systematische Gruppe der Sauropsiden. Das Hühnchen auf dem Teller ist näher mit dem Tyrannosaurus rex verwandt, als es beispielsweise Schildkröten und Krokodile sind. Und die nächsten lebenden Verwandten der Vögel? Krokodile. Wenn also von Reptilien die Rede ist, müssten unsere gefiederten Nachbarn miteingeschlossen werden. Daher sind die Dinosaurier keineswegs vor 65 Millionen Jahren ausgestorben. Richtig ist, dass viele Dinosaurier-Gruppen spätestens, vielfach bereits früher, am Ende der Kreidezeit von der Erde verschwunden sind, während sich ­andere Gruppen weiterentwickelt haben – zu zweibeinigen, oft räuberisch ­lebenden Tieren mit Federn und der Fähigkeit, zu fliegen.

Evolutionsgeschichtlich waren die Reptilien die ersten Tiere, die sich dauerhaft vom Wasser lösen konnten. Das heisst, sie mussten auch zur Eiablage nicht ins Wasser zurückkehren. Das oft hartschalige Ei ist ihr Schlüssel zum Erfolg. Sie durchleben kein Larvenstadium wie die Amphibien, sondern ein Embryonalstadium. Wenn sie schlüpfen, sehen sie ihren Eltern bereits zum Verwechseln ähnlich. Darüber hinaus lernten Reptilien, sich selbst vor Austrocknung zu schützen – ihre Haut ist schuppig, trocken und drüsenarm. Eine der ältesten bekannten Reptiliengattungen Hylonomus stammt aus dem Karbon vor 315 Millionen ­Jahren – Jahrmillionen vor dem Mesozoikum, der Blütezeit der ­Dinosaurier. Nur dank dieser frühesten Anpassungen an ein Leben auf dem Land konnten Reptilien auch gewässerferne Gebiete erobern.


Alle paar Wochen aus der Natur

Die sonnengeküsste Goldküste böte Echsen und Schlangen einen idealen Lebensraum. Der Zolliker Zumiker Bote forscht nach, mit welchen Kriechtieren wir uns die Nachbarschaft teilen – und wer kein gebürtiges Gemeindemitglied ist, sondern eingeschleppt.

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