Vor lauter Punkten das Pech übersehen

Invasion der anderen Art: Spätestens an Neujahr schmücken die fröhlich roten Insekten mit den sieben Punkten wieder zusammen mit Marzipanschwein und vierblättrigem Kleeblatt die Ladenlokale.

Der Gattungsname des Siebenpunkt-Marienkäfers, «Coccinella», bedeutet frei übersetzt «der in Scharlach Gekleidete». (Bild: pixabay, Vera Buhl)
Der Gattungsname des Siebenpunkt-Marienkäfers, «Coccinella», bedeutet frei übersetzt «der in Scharlach Gekleidete». (Bild: pixabay, Vera Buhl)

Glück. Das Thema der Woche. Welches Tier ist naheliegender als der Marienkäfer? Aber halt: «der» Marienkäfer? Ein Blick in die Encyclopedia of Life oder ins nächste Insekten-Bestimmungsbuch offenbart jedem Hobby-Entomologen Dimensionen, wie es sie nirgendwo sonst im Tierreich gibt.

Magische Zahl

«Marienkäfer» beschreibt erst einmal eine weltweit verbreitete Familie mit fast 6000 Arten. 6000 Glückskäfer? Wenn wir von Marienkäfern sprechen, meinen wir in der Regel den Siebenpunkt-Marienkäfer. Sieben Punkte. Sieben als Glückszahl im Westen und Unglückszahl im Osten. Sieben als magische, als heilige Zahl. Sieben Wochentage, sieben Weltwunder, sieben Zwerge. Längst nicht alle Marienkäfer haben sieben Punkte – auch hat die Anzahl Punkte nichts mit dem Alter des Käfers zu tun, sie ist artspezifisch und ändert sich sein ganzes Leben über nicht. Weitere heimische Marienkäfer kommen in den verschiedensten Punktekleidern ­daher: der Zweipunkt und Vierpunkt, der Zehnpunkt, der Dreizehn- und Vierzehnpunkt, der Sechzehnpunkt, der Neunzehnpunkt und der Zweiundzwanzigpunkt.

Helfer in der Landwirtschaft

Siebenpunkt-Marienkäfer fressen überwiegend Blattläuse. Ein aus­gewachsenes Tier schafft etwa 150 Läuse am Tag. Rund 400 Eier legt das Weibchen gezielt an befallenen Pflanzen ab. Die Larven schliesslich vertilgen während ihrer Entwicklung etwa 1200 Läuse. Schon früh fiel den Menschen die Nützlichkeit des kleinen Käfers auf. So glaubten manche, Jungfrau Maria im Himmel habe die Tiere auf die Erde geschickt, um den Bauern auf den Feldern zu helfen – ihnen «Ernteglück» zu bescheren. Daher basiert der Name des Marienkäfers, und auch der englische «Ladybird» – «Lady» für Lady Mary – auf dem ­Marienglauben. Aber damit wollten sich die Menschen nicht zufriedengeben. In Ostasien lebt ein Marienkäfer, der den Siebenpunkt in allen Belangen in den Schatten stellt.

Vom Segen zum Fluch

Die 19 Punkte trägt der Asiatische oder Harlekin-Marienkäfer zwar nicht im Namen, dafür auf seinen häufig gelben oder orangen Deckflügeln. Harlekin. Ein passender Name. Ein Spassmacher ist er zwar nicht, aber wie es Harlekin- und Tricksterfiguren so an sich ­haben, übertritt er Grenzen – wortwörtlich, stammt er doch aus China und ­Japan. Heute hat er sich in ganz Amerika, in Afrika, Eurasien und seit wenigen Jahrzehnten auch in der Schweiz ausgebreitet. Ganz von allein ist ihm das nicht gelungen: Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde er in den USA zur biologischen Schädlingsbekämpfung eingesetzt. Dabei entkam er aus den Gewächshäusern, siedelte sich in der nordamerikanischen Natur an und setzte sich durch. Mittlerweile ist er der häufigste Marienkäfer in den USA. Auch in Europa ereignete sich Ähnliches. Lediglich die Schweiz setzte den gefrässigen, doch anpassungsfähigen Käfer nicht in der Schädlingsbekämpfung ein. Das hielt den Harlekin nicht auf: Spätestens seit 2006 frisst und kopuliert er auch in der Schweiz. Seither wächst und breitet sich die Population aus. Nicht nur konkurriert der Asiatische Marienkäfer mit einheimischen Arten um dieselbe Hauptnahrungsquelle; geht diese zur Neige, weicht der ­Asiatische Marienkäfer auf die Eier und Larven der eigenen Art und auch der einheimischen Marienkäfer aus.

In den USA wird der Harlekin-­Marienkäfer mehr und mehr zum Schädling im Weinanbau. Da der Käfer auch Schildläuse, Blattflöhe und Spinnmilben frisst, entwickelt er eine Vorliebe für Weinreben. Bei der Lese fallen die Käfer nicht aus den Trauben, werden also bei der ­Zubereitung mitverwertet. In diesem stressigen und letztlich tödlichen Prozess sondern die Tiere eine Substanz ab, die eine Geschmacksveränderung der Weine bewirken soll. Ungewiss ist, ob eine solche Massenplage auch Schweizer Weinbergen droht. Die Verbreitung des Harlekin-Marienkäfers lässt sich nicht rückgängig machen.


Alle paar Wochen aus der Natur

Das Schwein hat etwa als Sparschwein oder im Ausdruck «Schwein gehabt» seine kulturellen «Glücks»-Spuren hinterlassen. Ebenso der Hase – oder eher seine Pfote. Einseitig, dieses Glück. Das vierblättrige Kleeblatt? Rar, eine natürliche Mutation. Und der Fliegenpilz? Auffallend, sicher, aber ebenso giftig. Ob die Halluzinogene ein besonderes Glücksgefühl bewirken und ihm damit seinen Platz zwischen Marienkäfer, Schwein und Kleeblatt sichern? Nach einer reichen Pilzsaison widmet sich der Zolliker Zumiker Bote einmal mehr den Wirbellosen. Weltweit beschrieben sind aktuell rund eine Million Insektenarten – mit Schätzungen von bis zu 80 Millionen, schliesslich sind gerade in den Tropen und Subtropen längst nicht alle Arten beschrieben. Damit machen sie mindestens 60 Prozent aller bekannten Tierarten aus. Höchste Zeit also, das Rampenlicht auf einen unserer Insekten-Nachbarn zu richten.

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